Wassermann: Der Fall Maurizius – Besprechung

Der Fall Mauritius. Roman (1928). Mit einem Nachwort von Peter de Mendelssohn, Langen Müller 1981

In diesem Roman wird von einem Kampf um die Gerechtigkeit erzählt: Kampf um die Revision des Urteils über Leonhart Maurizius, der (zu Unrecht) wegen Mordes zum Tode verurteilt und zu lebenslänglichem Zuchthaus „begnadigt“ wurde. Da es um die Revision eines Urteils geht, ist es auch ein Kampf um die Wahrheit: Was ist vor 18 Jahren wirklich geschehen? Warum hat der Hauptbelastungszeuge Waremme einen Meineid geschworen, warum hat Leonhart Maurizius nicht alles gesagt, was er wusste, und nur seine Unschuld beteuert?

Dieser Kampf wird zwischen drei Zweiergruppen ausgetragen: Wolf Freiherr von Andergast ist der Oberstaatsanwalt, der vor gut 18 Jahren durch seine Anklage und sein Plädoyer die Verurteilung des Maurizius durchgesetzt hat; sein Gegenspieler ist sein 16jähriger Sohn Etzel, ein Gymnasiast, der sich von der drückenden Vorherrschaft seines Vaters befreien will. Dies erreicht er, indem er sich des Falles Maurizius annimmt und den Hauptbelastungszeugen Waremme in Berlin aufsucht: Er haut von zu Hause ab; seine Oma hat ihm 300 Mark gegeben, von denen er in Berlin ein paar Wochen leben kann. Das Verhältnis Vater-Sohn ist dadurch getrübt, dass Etzels Mutter von ihrem Mann geschieden ist und dass vor Etzel die Existenz der Mutter konsequent verheimlicht wird; als gute Fee im Haus wirkt Frau Rie.

Die beiden anderen Zweigruppen bestehen aus dem Oberstaatsanwalt vom Andergast, der sich erneut mit dem Fall Maurizius befasst und mit dem Strafgefangenen im Zuchthaus spricht, sowie Etzel, der sich in Berlin an Waremme alias Warschauer heranmacht und aus diesem die Wahrheit über die damaligen Verhältnisse und Ereignisse herausholt.

Angestoßen wird dieses Geschehen durch den alten Peter Paul Maurizius, den Vater des Verurteilten, der alle Zeitungsberichte über den Prozess und über spätere Vorstöße zur Revision des Prozesses oder zur Begnadigung seines Sohnes gesammelt hat und im Umkreis der Andergasts auftaucht, woraufhin Etzel ihn aufsucht und über den Fall Maurizius und die Rolle seines Vaters darin informiert wird. Der alte Maurizius hat – was nun nicht mehr plausibel klingt – die Spur Waremmes verfolgt, seinen neuen Namen Warschauer und seine Berliner Adresse identifiziert und ist somit in der Lage, Etzel die entscheidenden Hinweise zu geben.

Das Geschehen endet so, dass der Häftling Maurizius den Oberstaatsanwalt von seiner Unschuld überzeugt, woraufhin dieser die Begnadigung des Häftlings durchsetzt und Maurizius entlassen wird; eine Revision des Urteils lehnt Andergast aus verschiedenen Gründen ab, unter anderem zum Schutz der Justiz. Peter Paul Maurizius stirbt am Abend der Heimkehr seines Sohnes und hinterlässt ihm noch ein kleines Vermögen; Leonhart Maurizius wird seiner Freiheit nicht froh, fährt unstet umher und begeht Selbstmord.

Etzel von Andergast hat von Waremme/Warschauer das Geständnis erhalten, dass dieser damals einen Meineid geschworen hat; er kann nach seiner Heimkehr den Vater nicht überzeugen und sagt sich von ihm los. Der Vater dreht durch, auch nach einer Begegnung mit seiner Frau, die ihr Recht auf ihren Sohn geltend macht, und kommt in eine Anstalt – sein Leben als kalter §§-Jurist und herzloser Vater ist zerbrochen, seine totale Überlegenheit ist dahin.

Das Geschehen, das mit dem Mord an Elli Maurizius, der Frau des Dr. Leonhart Maurizius, endete, wird in den Gesprächen und Erinnerungen rekonstruiert: Es ist die Geschichte verwickelter Beziehungen zwischen dem leichtlebigen Dr. Maurizius und seiner wesentlich älteren Ehefrau Elli, deren viel jüngerer bildhübscher Schwester Anna und dem genialisch-dämonischen Waremme, der als Privatgelehrter seinerzeit alle Welt in seinen Bann schlug und inzwischen ein kalter Zyniker geworden ist. Dieses Geschehen muss man selber nachlesen; dabei erscheint mir die Figur des Juden Warschauer, der sich Waremme nannte und nach langen Wanderjahren wieder Warschauer nennt, als die am wenigsten gelungene Figur. Weder ist seine damalige dämonische Macht plausibel noch leuchtet mir ein, wieso er sich von dem 16jährigen Etzel dazu bewegen lässt, die alten Ereignisse ans Licht zu holen. Auch kontrastiert der Edelmut und der unbestechlich gerade Sinn des Jungen auffällig mit der Herzlosigkeit des Vaters, so dass man sich fragt, wie Etzel unter dessen Regime und ohne Hilfe einer Mutter so ein prächtiger Charakter werden konnte.

Wie weit die Zuchthaus-Schilderungen des Leonhart Maurizius die Realität deutscher Zuchthäuser vor 90, 100 Jahren spiegeln, kann ich nicht beurteilen; sie sind jedenfalls eindrucksvoll.

Auf einige Stellen möchte ich besonders hinweisen:

10. Kapitel, Unterkapitel 4: die Lage der Juden in Deutschland um 1900;

daselbst, Unterkapitel 5: die Bedeutung des Schauspielers damals;

11. Kapitel, Unterkapitel 7: die europäische geistige Krise;

13. Kapitel, Unterkapitel 9: über das Recht, über andere Menschen zu urteilen;

14. Kapitel, Unterkapitel 4: über die Gerechtigkeit;

Letztes Kapitel, Unterkapitel 3: über die Gerechtigkeit.

Eine dieser Stellen sei hier zitiert, die nämlich, wo Warschauer dem Etzel Andergast eine verquere Suche der Gerechtigkeit vorwirft: „Jeder Bissen Brot, den ich verzehre, jede Mark, die ich verdiene, jedes Paar Schuhe, das ich trage, ist das Resultat eines verwickelten Systems von Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit. (…) Sie und Ihresgleichen aber setzen voraus, daß ein Wille zur Gerechtigkeit vorhanden ist, sozusagen die immanente Idee davon. Das ist falsch. Ein Trugschluß. Dem Menschheitsganzen ist die Gerechtigkeit vollständig schnuppe. Sie hat gar kein Organ dafür, die Menschheit. Bisweilen berauscht sie sich an dem Gedanken, namentlich in Zeiten, wo sie viel Butter auf dem Brot hat, aber wenn nur im geringsten die Dividenden dadurch bedroht sind oder die Börsenkurse fallen, ist’s Essig mit der Begeisterung, und selbst die lärmendsten Frösche steigen von ihrer Prophetenleiter herunter und hören auf zu quaken. [… Es wird eine Reihe von Fällen aufgezählt, N.T.] Wenn Sie mir beweisen, daß in einem einzigen dieser Fälle ein Hahn danach gekräht hat, ein symbolischer Hahn natürlich, ob der Gerechtigkeit Genügen geschehen ist, wie der Fachausdruck lautet, so zahl’ ich einen Taler.“ (S. 487 f.)

http://www.lyrikwelt.de/gedichte/wassermannjakobg2.htm (Anfang des Romans)

http://www.youtube.com/watch?v=mWjGKRvpc1Q (ähnlich, vorgelesen)

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Fall_Maurizius (der Roman)

http://www.fundus.org/pdf.asp?ID=8538 (dito)

http://zjs-online.com/dat/artikel/2013_2_693.pdf (dito)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7155 (Besprechung)

http://gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/thema%20jugend/reader-thema-jugend/12-wassermann-fall-maurizius.htm (dito)

http://www.literatur-weimar.de/autoren/jakobwassermann.htm (dito)

http://www.artikel32.com/deutsch/1/handlungsablauf-jakob-wassermann-der-fall-maurizius.php (Inhalt, nach Kapiteln)

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/26/Jakob-Wassermannbs—Der-Fall-Maurizius-reon.php (die Schwestern Elli/Anna sind verwechselt!)

http://www.jakob-wassermann.de/ueberjw.htm (Jakob-Wassermann-Seite)

Es gibt auch einen Film „Der Fall Maurizius“. Anscheinend ist es auch möglich, den Text kostenlos im Internet herunterzuladen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s