Werfel: Fremde sind wir auf der Erde alle – Analyse

Tötet euch mit Dämpfen und mit Messern…

Text

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (dort S. 3)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/34/mode/2up

http://www.babelmatrix.org/works/de/Werfel%2C_Franz-1890/Fremde_sind_wir_auf_der_Erde_alle (mit ungar. Übersetzung)

Das Gedicht stammt aus dem Band „Einander“ (1915) und wurde später in die Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920) aufgenommen. Der Sprecher spricht allgemeingültig für ein Wir, das alle Menschen umfasst: verkündend, reflektierend, aufrüttelnd. Das Thema steht in der Überschrift (und in V. 23): „Fremde sind wir auf der Erde alle“. Das ist das alte christliche Thema von homo viator: „Wir sind nur Gast auf Erden“ (Kirchenlied), unsere Heimat ist im Himmel (Phil 3,20) – das sagt der Sprecher aber nicht, auch wenn es als Hintergrundmusik noch ganz leise anklingt, eher nachklingt.

In der 1. Strophe werden zunächst völlig unbestimmt „ihr“ angesprochen: „Tötet euch… Werft dahin um Erde euer Leben!“ (V. 1-3) Das ist eine beinahe ironische Aufforderung, tüchtig den gerade begonnenen Weltkrieg fortzusetzen; ironisch wird diese Aufforderung durch die negierenden (antithetischen) Feststellungen der drei folgenden Verse: „… Unterm Fuß zerrinnen euch die Orte.“ (V. 4-6) Euer Bemühen, Land und Heimat mit Gewalt zu ergreifen, wird scheitern, sagt der Sprecher.

Diese Antithetik wird in den folgenden Strophen entfaltet, zuerst exemplarisch am Thema der Stadt, wofür hier Niniveh steht (V. 8), die Hauptstadt der Assyrer (http://de.wikipedia.org/wiki/Ninive und http://www.bibelkommentare.de/index.php?page=dict&article_id=566 – „Gottestrotz“ aus der Sicht der Juden, vgl. das Buch Jona im AT). Dazu sagt der Sprecher: „Flüchtig muß vor uns das Feste fallen, (…) Und am Ende bleibt uns nichts als Weinen.“ (V. 10-12) Das ist das barocke Thema der vanitas, der Eitelkeit menschlicher Selbstbehauptung. Zuvor hat er das Gesetz dieses Scheiterns enthüllt: „Ach, es ist ein Fluch in unserm Wallen…“ (V. 9) „wallen“: „In weiterer Bedeutung, gehen, zu Fuße reisen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung, vermuthlich, weil die Figur hier nicht paßt, und man so viele andere Wörter an dessen Stelle hat. Im Oberdeutschen scheint es noch hin und wieder gangbar zu seyn. In der Fremde herum wallen. Im Hochdeutschen lebt es in dieser Bedeutung nur noch bey den Dichtern, ungeachtet das Bild hier zur Verschönerung nichts beyträget, da es nicht einmahl passend ist.“ So steht es im Adelung-Wörterbuch; bereits um 1800 war das Verb also veraltet oder eben poetische Hochsprache. Weil im Wallen der Fluch steckt, sind wir auf der Erde alle Fremde.

In der 3. Strophe wird das Unsere als „weichen“ und „Fluß-Sein“ umschrieben (V. 13 ff.). Danach wird das Grundgesetz des Fluchs (V. 9) erläutert: „Schuldvoll sind wir, uns uns selber schuldig, / Unser Teil ist: Schuld, sie zu begleichen!“ (V. 17 f.) Diese Metaphysik ist nicht leicht zu erklären, dass wir uns selber einem anderen (GOTT) schulden oder verdanken – das ist die absolute Gegenthese zum neuzeitlichen Dogma, das in Goethes „Prometheus“ erklingt: „Hast du nicht alles selbst vollendet, heilig glühend Herz?“ Dagegen spricht der Sprecher sein religiöses Bekenntnis: Wir müssen die Urschuld begleichen – wie das geschehen soll, bleibt aber offen; auch wird die Urschuld als bekannt vorausgesetzt.

Offen und trostlos endet auch die 4. Strophe: An vier Beispielen wird wieder exemplarisch durchgespielt, was uns alles entzogen wird: Mütter, Haus, selige Blicke, der Schlag des Herzens. Als Fazit folgt: „Fremde sind wir auf der Erde Alle, / Und es stirbt, womit wir uns verbinden.“ (V. 23 f.) In dieser Trostlosigkeit erinnert das Gedicht an Wilhelm Raabes Gedicht „Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück“, nur dass bei Werfel der Gedanke des Scheiterns noch radikaler gedacht wird.

Die vier Strophen bestehen aus fünfhebigen Trochäen, was dem profetischen Sprechen den nötigen Nachdruck verleiht; jeder Vers ist ein Satz, die weibliche Kadenz schließt den Vers ruhig ab. Die sechs Verse jeder Strophe sind kunstvoll miteinander verbunden, in einer sonst unbekannten Form: V. 1-2 und V. 5-6 bilden einen Kreuzreim, die umschlossenen Verse 3 f. einen Paarreim. Nicht mehr die einzelnen Verse sind so aneinander gebunden, sondern die ganze Strophe ist eine klingende Einheit.

Der Zeitbezug ist nur in der 1. Strophe gegeben (Gaskrieg usw., Kriegspropaganda, Tod auf dem Schlachtfeld, V. 1-3); dieser Horizont unmittelbarer Erfahrung wird ins Grundsätzliche ausgeweitet, er ist nur Ausdruck der Condition humaine. Eine Lösung des menschlichen Dilemmas zeigt der Sprecher nicht auf, nur im Hintergrund klingt in der Erinnerung die christliche Heilsbotschaft noch an, vor der die Predigt vom Wandeln in der Fremde einst ihren Schrecken verlor, weil sie ihr Pendant war.

Der Titel des Gedichtes hat sich beinahe als Zitat verselbständigt und so die Trostlosigkeit des Gedichtes abgemildert.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=tnw-wdPqunM (Jürgen Hentsch)

homo viator, vanitas

http://www.merzbach.de/VoortrekkingUtopia/Datos/texto/Waldenfels_Topographie.pdf (B. Waldenfels)

http://epub.uni-regensburg.de/27615/1/hettlage5.pdf (Fremdheit und Fremdverstehen)

http://www.kas.de/upload/dokumente/2012/heimat/Heimat_schloegel.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Vanitas (Vanitas)

http://de.wikipedia.org/wiki/Vanitas-Stillleben (Vanitas-Stillleben)

http://www.podcast.de/episode/229277040/Wir%2Bsind%2Balle%2BFremde%252C%2Bwir%2Bsind%2Balle%2BWanderer%2B%25E2%2580%2593%2BIlija%2BTrojanov%2Bim%2BGespr%25C3%25A4ch/

Sonstiges

http://ejournals.library.ualberta.ca/index.php/crcl/article/download/2351/1746 (Roger Bauer, Werfel als Kritiker: Ein Nachwort zu allen Nachworten)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14761 (Thomas Anz: Zur literarischen Moderne im „expressionistischen Jahrzehnt“)

http://kups.ub.uni-koeln.de/619/1/11w1021.pdf (Angelika Zawodny: „[…] erbau ich täglich euch den allerjüngsten Tag.“ Spuren der Apokalypse in expressionistischer Lyrik, Diss. 1999)

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