Lichtenstein: Punkt – Analyse

Die wüsten Straßen fließen lichterloh…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Punkt

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5161/6

http://gedichte.xbib.de/Lichtenstein_gedicht_Punkt.htm

Bei den drei Schüleranalysen fällt auf, dass sie den Text des Gedichtes mit viel Phantasie „interpretieren“. Ich schlage vor, dass man sich auf das beschränkt, was man wirklich lesen kann.

Das Gedicht ist am 3. Januar 1914 in „Die Aktion“ veröffentlicht worden, hat also nichts mit dem Weltkrieg zu tun. Die Überschrift „Punkt“ verwirrt zunächst mehr, als dass sie ein Vorverständnis eröffnete; nach Lektüre des Gedichts können wir noch einmal fragen, was „Punkt“ wohl bedeuten mag.

Es spricht ein Ich, welches man mit Einschränkungen als „lyrisches“ bezeichnen kann. In der 1. Strophe spricht der Ich-Sprecher von sich selber: wie er die Straßen (und ihren Verkehr: die „wüsten“ Straßen, V. 1) wahrnimmt. Sie „fließen lichterloh“, V. 1, also brennend durch seinen „erloschenen Kopf“ (V. 2). Der Kopf hat also gebrannt, ehe er erloschen ist – eine surreale Aussage; jedenfalls entzünden sie erneut ein Feuer: „Und tun mir weh.“ (V. 2, brennender Schmerz) „lichterloh fließen“ mag für den Verkehr beleuchteter Autos stehen, aber das ist nicht zwingend – es genügt, den Straßenverkehr als verbrennend oder versengend zu begreifen. Die Schmerzen sind so stark, dass das Ich meint, es müsse bald sterben (V. 3) In V. 4 wendet das Ich sich an seine Schmerzen und spricht sie mit „Dornrosen meines Fleisches“ an, mit der Bitte, nicht so stark zu stechen. Der Akzent liegt gegen den jambischen Takt auf der ersten Silbe „Dórn“; es sind die Dornen, welche stechen. Warum sie „Dornrosen“ heißen, als ob sie wesentlich Rosen (Grundwort) wären, bleibt unklar (wegen Metrum und Takt?) – es sind Dornen; die Rosen hängen als Zugabe daran.

In der 2. Strophe wendet sich das Ich dem Eindruck der Nacht in der Stadt ganz allgemein zu. Die beiden ersten Verse muss man zusammen lesen: Der Laternenschein wird als „Gift“ wahrgenommen (bewertet), das Licht auf dem Boden und auf den Dingen wirkt wie grüner Dreck (V. 6) oder auch wie ein Schimmelüberzug: „Die Nacht verschimmelt.“ (V. 5) Sie wird schlecht und ungenießbar. Angesichts dieser verschimmelten Nacht kommt auch das Ich an sein Ende: Das Herz ist schlapp (wie ein Sack), das Blut erstarrt (erfriert). „Die Augen stürzen ein.“ (V. 8) Für das Ich endet die Welt: „Die Welt fällt um.“ (V. 8) Was von den „wüsten Straßen“ (V. 1) begonnen wurde, wird von der verschimmelten Stadt-Nacht vollendet: Das Ich ist dem nicht gewachsen, es vergeht.

Wir haben also auf der einen Seite die Stadt mit ihren wüsten Straßen und der verschimmelten Nacht, auf der anderen Seite das daran leidende und vergehende Ich. Die Attribute der Stadt sind hässlich (wüst, verschimmelt, Gift, dreckig), die Laternen „schmieren“ (V. 6, negativ) ihr Licht, das kriecht (V. 6, negativ); die Attribute des Ichs sind seine Leiden, seine Schwäche, sein Erstarren.

Warum das Ich dieser Stadt, der Nacht dieser Stadt nicht gewachsen ist, wird nicht erklärt; es wird nur wahrgenommen, was dem Ich derart zu schaffen macht, dass es zu vergehen meint. Ob man wirklich von Ich-Dissoziation sprechen kann? Ich bezweifle das, ich erkenne nur ein Leiden an der gegenüber einem schwachen Ich überaus aufdringlichen, das Ich überwältigenden Stadt.

Fünfhebiger Jambus, umfassender Reim. Die Reime erzeugen semantische Entsprechungen: „Lichterloh / stecht nicht so“ (V. 1/4); „tun mir weh / bald vergeh“ (V. 2/3) usw.

Die neue Lebensform „Großstadt“ sei nicht dem Menschen gemäß, er vergehe daran. „Punkt“ (Überschrift) mag dann so viel wie „Schluss, aus, Ende“ bedeuten. Wenn man das Gedicht nicht so schön als Beispiel für Großstadtlyrik oder zum Gedichtvergleich verwenden könnte, bliebe es vermutlich unbeachtet; denn beachtlich ist es nicht.

http://www.antikoerperchen.de/material/27/gedichtinterpretation-alfred-lichtenstein-punkt-expressionismus.html (Schüleranalyse)

http://lyrik.antikoerperchen.de/alfred-lichtenstein-punkt,textbearbeitung,62.html (dito)

http://www.rhetoriksturm.de/punkt-lichtenstein.php (dito)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=gGrsQqHQE4Y (Text mit Musik und Bildmaterial unterlegt)

http://www.youtube.com/watch?v=zs798-nhHsU (gesprochen, mit Bildern unterlegt: „Visualisierung“)

Sonstiges

http://www.johanneum-lueneburg.de/index/menuid/158/reporeid/686 (Bilder zum Gedicht)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lichtenstein,+Alfred/Gedichte (Gedichte Lichtensteins)

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Lichtenstein.htm (dito)

http://www.cluberzengel.de/download/ebooks/pdf/Lichtenstein,%20Alfred%20-%20Gedichte.pdf (dito)

http://bildungsserver.hamburg.de/grossstadtdichtung/ (Großstadtdichtung: Aspekte, Links)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Delabar, Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://delabar.net/storage/702471eaVorlesung_Lyrik_04_Dadaismus.PDF (Delabar, Lyrik des 20. Jh.: Dadaismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://ids-pub.bsz-bw.de/files/804/Henne_Sprachliche_Erkundung_der_Moderne_1996_1.pdf(Helmut Henne: Sprachliche Erkundung der Moderne, 1996)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14761 (Thomas Anz: Zur literarischen Moderne im „expressionistischen Jahrzehnt“)

http://www.kas.de/db_files/dokumente/7_dokument_dok_pdf_4018_1.pdf (Sandra Kluwe: Großstadtlyrik im Expressionismus)

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