Hermann-Neiße: Legende vom Zauber der zärtlichen Zellen – Analyse

Mit einem Gedicht möchte ich den fast vergessenen Schriftsteller Max Hermann-Neiße (1886-1941) vorstellen:

Legende vom Zauber der zärtlichen Zellen

 

Die Nonnen nächtigten in ihren Gärten,

denn Angst stieg plötzlich aus den schwülen Zellen;

sie beteten zum kühlen Gott der Quellen,

und Stern und Springbrunn wurden Traumgefährten.

 

– Die Morgenmühle klappert. Hunde bellen. –

Als sie mit rührend zagen, unbeschwerten

Schritten zurück in ihre Räume kehrten,

begannen sich die Dinge zu entstellen.

 

Und Altarschmuck und Kranz und Buch und Bild

Sind schamlos wie in Liebeskampf verflochten.

Aus steilen Kerzen brünstig Brodem quillt.

 

Und eh die Fraun zu flüchten noch vermochten,

fühlten sie plötzlich hüllenlos sich schweben,

süß einem Unsichtbaren hingegeben.

 

In der Überschrift fällt eines der Merkmale dieses Gedichts auf: die markante Alliteration, hier eine Z-Alliteration. Was zärtliche Zellen sind, weiß man zunächst nicht; das Nomen „Legende“ lässt eine erbauliche Geschichte erwarten. Doch was dann folgt, ist für gläubige Ohren wenig erbaulich, und nachher weiß man auch, was zärtliche Zellen sind.

Wir haben einer Erzähler vor uns, der sich nicht persönlich zu Wort meldet, aber in einigen Wertungen sich artikuliert. Er erzählt, wie an einem Morgen aus Nonnen (V. 1) liebende Frauen (V. 12) wurden. Das Geschehen ist nicht datiert, es ereignet sich von der Nacht bis zum Morgen. Die Ausgangssituation ist eine Übernachtung der Nonnen im Klostergarten (V. 1), „denn Angst stieg plötzlich aus den schwülen Zellen“ (V. 2). Das Attribut „schwül“ (V. 2) bekommt später durch das folgende Geschehen einen sexuellen Sinn (weshalb die Nonnen dem Schwülen auch mit Angst und Flucht begegnen: Sie verdrängen es), obwohl es in der Opposition zu „kühl“ („zum kühlen Gott der Quellen“ V. 2, , Nacht) zunächst dem Meteorologischen zugeordnet erscheint. Die Herkunft der schwülen Atmosphäre wird nicht erklärt; sie ergibt sich biologisch aus der einfachen Tatsache, dass Nonnen einsame Frauen sind. Zwar werden sie gern als Bräute Christi bezeichnet (ein Beispiel: http://www.daswerk-fso.org/deutsch/?p=59 – ursprünglich gilt die christliche Gemeine bzw. die Kirche als Braut Christi, aber das führt jetzt zu weit), weshalb sie denn ehelos leben; aber der Erzähler hält sich nicht an dogmatische Setzungen oder erbauliche Reden, sondern an das Wahrnehmbare.

Im ersten Quartett des Sonetts ist jeder Vers ein Satz; die weibliche Kadenz bei fünfhebigem Jambus sorgt zusätzlich für eine Pause am Ende jedes Verses. Die umfassenden Reime verbinden Verse semantisch sinnvoll: die „Gärten“ und ihr Inventar „Traumgefährten“ (V. 1/4), die schwülen Zellen / zum kühlen Gott der Quellen (Gegensatz, V. 2/3). Wir finden mehrere Alliterationen (n-, V. 1; i-, V. 1; Sch-, V. 4). Vom Klang her haben wir also ein geschlossen-künstliches Sprachgebilde vor uns.

Die 2. Strophe beginnt mit einer kurzen Beschreibung dessen, was man am Morgen hören kann (V. 5), worauf dann weiter erzählt wird: Rückkehr der Nonnen in der Morgenfrische „in ihre Räume“ (V. 7). Der folgende Hauptsatz (V. 8) leitet die entscheidende Wende des Geschehens ein. Er klingt ganz rätselhaft: 1. Dinge sind ja etwas Stabiles; sie werden durch Einwirkung entstellt, entstellen sich jedoch normalerweise nicht selbst (reflexiv: „sich entstellen“, V. 8). 2. Ein Grund für diese Veränderung der Dinge wird nicht angegeben. Wie uns warum die Dinge sich entstellen, dass könnte oder sollte in den Terzetten beschrieben, erzählt, erklärt werden.

Formal gilt für die 2. Strophe im Prinzip das Gleiche wie für die 1.; nur ist das Bellen der Hunde dem „entstellen“ semantisch nicht zuzuordnen (V. 5/8); in „Morgenmühle“ (V. 5) haben wir eine m-Assonanz. V. 5 umfasst zwei Sätze, V. 6 f. bilden einen einzigen Satz: Formal ist die 2. Strophe nicht so abgerundet wie die erste.

Im 1. Terzett wird die Entstellung der Dinge beschrieben (Präsens), im 2. Terzett die entsprechende „Entstellung“ der Nonnen zu Frauen erzählt (im Präteritum): Die Dinge (Aufzählung religiös bedeutsamer Gegenstände, V. 9) „sind schamlos wie in Liebeskampf verflochten“ (V. 10). Mit dem Adjektiv „schamlos“ wird aus religiöser Perspektive bzw. aus der Sicht der Nonnen, die gerade aus dem Kühle des Gartens „mit rührend zagen, unbeschwerten Schritten“ (V. 6 f.) zurückgekommen waren, bewertet, wie die Dinge „wie in Liebeskampf“ vermengt sind. Die Beschreibung der Kerzen (V. 11) zeigt, was die Nonnen sehen: steile Kerzen, ein Phallus-Symbol, brünstiges Quellen von Rauch und heißer Luft, als ob Samen aus dem Phallus flösse. „Brodem“: Atem, Dampf, Dunst, Hauch, Nebel, Qualm, Rauch, Schwaden, Wolke (Wortschatz Uni Leipzig). Wie Schönheit im Auge des Betrachters liegt, so liegt die brünstige Entstellung der Dinge in den Augen der Nonnen.

Im 2. Terzett wird erzählt, wie die Nonnen selber sich „einem Unsichtbaren“ (= GOTT? Christus? einem Phantasma?) hingaben (V. 14 – bei den Dingen war es ihnen noch schamlos!). Entscheidend ist das Verb „fühlten“ (V. 13): Das Gefühl der Frauen vermengt ihre religiösen Entscheidungen mit ihren körperlichen Bedürfnissen, sie entkommen ihm auch nicht durch eine Flucht zurück in den Garten (V. 12). Sie sind mit ihrem Nonnenhabit bekleidet, der ganze Körper ist bedeckt; doch sie fühlten sich „hüllenlos schweben“ (V. 13 – das Schweben ist die Leichtigkeit des glücklichen Seins), und zwar plötzlich: Die Christus-Liebe hat eine massive sexuelle (schwüle) Komponente, der sie sich in der Nacht durch die Flucht in den Garten entziehen wollten; wenn ein kühler Gott (V. 3) und heiße Frauen zusammentreffen, entstehen schwüle Phantasien – mindestens. Erstaunlich finde ich, dass das nicht von einer einzigen Nonne, sondern von allen erzählt wird: genau das, was „die Leute“ ohnehin von den Klosterfrauen, den Priestern und Mönchen annehmen.

Wir finden wieder einige Alliterationen (b-, V. 11; f-, V. 12 f.). Einmal gibt es ein Verspaar mit männlicher Kadenz (V. 9/11). Die Reime sind Kreuz- (V. 9-12) und Paarreim (V. 13 f.); man kann bei allen die semantische Entsprechung nachweisen (V. 10/12 ein Gegensatz, sonst Entsprechungen).

Das Gedicht steht in „Verkündigung. Anthologie junger Lyrik“, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921; diese Anthologie war 1920 als Privatdruck erschienen. Ich nehme an, dass es einem der dort auf S. 329 vermerkten Bücher Hermann-Neißes entnommen ist. Besonders „expressionistisch“ ist es nicht – aber mit Gottfried Benn ist zu fragen, was überhaupt eine expressionistisches Gedicht ausmacht.

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Herrmann-Neisse.htm (Gedichte Hermann-Neißes)

http://www.literatisch.de/die-gedichte/max-herrmann-neisse.html (dito)

http://www.gabrieleweis.de/2-bldungsbits/literaturgeschichtsbits/thema-heimatverlust-exil/herrmann-neisse.htm (dito)

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/herrmann_neisse.htm (Liebesgedichte Hermann-Neißes)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/herrmann-neisse.html (dito, vorgetragen von Fritz Stavenhagen, mit Text)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920: https://openlibrary.org/books/OL23319050M/Menschheits_Dämmerung als pdf-datei)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://michaelansel.userweb.mwn.de/dateien/liebesgedichteexpressionismus.pdf (Expressionismus: Liebesgedichte)

http://jhelbach.de/Lit/Expressionismus.pdf (Kleine Textsammlung: Expressionismus)

https://robert-koch-gymnasium.de/index?class=14&id=883 (Gedichte und Bilder zu: Expressionismus)

http://homepage.univie.ac.at/konstanze.fliedl/VO_Literaturgeschichte_I_WS_2013/Expressionismus.ppt (ähnlich)

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