Benn: D-Zug – Analyse

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun…

Text

http://zehnbee.blogspot.de/2011/02/d-zug-von-gottfried-benn.html

http://www.uni-saarland.de/fak4/fr41/Engel/ME/Vorlesungen/Moderne%20Lyrik2/8.Gottfried%20Benn.rtf

http://www.berneburg.de/berlinlyrik/content/2-gedichte/G-frauen.htm

Die Überschrift „D-Zug“ setzt die Lokalität des Geschehens fest. Der D-Zug war vor hundert Jahren der schnellste Zug („Durchgangszug“, hielt nicht überall), für dessen Benutzung man einen Zuschlag zahlen musste: etwas für Wohlhabende. Als Fahrtstrecke wird Berlin – Trelleborg (Schweden) – die Ostseebäder genannt (V. 2), die man wohl in Deutschland [1912: bis Ostpreußen] zu suchen hat; der Zug wäre dann auf der Rückfahrt nach Berlin. Dafür spricht, dass in V. 3 ff. auf vergangenes Leben am Strand zurückgeblickt wird (Präteritum).

Der Sprecher ist nicht erkennbar, er spricht in einem Stakkato, in unvollständigen Sätzen: als ob momentane Eindrücke und Einfälle eines Wahrnehmenden festgehalten würden (V. 1-5). Eindrücke: Gebräuntes, aber eben nicht „Menschen“, sondern „Braun“ (Metonymie): „Braun wie Kognak“ (V. 1), nicht „Braun wie Urlauber“. Schon in der bloßen Farbbezeichnung und den Vergleichen (V. 1) sind die heimkehrenden Urlauber auf ihre Farbe reduziert, sind nicht Menschen, sondern Bräunungsergebnisse. Das letzte Wort „Malaiengelb“ (V. 1) fällt auf, nicht nur als Neologismus; es tönt das Braune etwas ab. Die Verbindung „und die Ostseebäder“ (Konjunktion statt des Bindestrichs) erweckt den Eindruck der beiläufigen Aufzählung durch Vielgereiste, Welterfahrene.

Mit dem Nomen „Fleisch“ (V. 3, 2. Str.) wird das Braun des V. 1 näher bestimmt: Das Braun ist Fleisch, das nackt ging; wieder bloß „Fleisch“ statt „Menschen“, diese reduziert auf Fleisch, dessen Bräunung übertrieben wird (V. 4). Das Partizip „gesenkt“ (V. 5) bezieht sich auf Fleisch (V. 3) und gibt ihm ein pflanzenhaftes Attribut: „Reif“ werden Früchte, reif gesenkt sind sie vor der Ernte. Das Ziel des Reifens wird dann in nachgestellten Aderbvial benannt: „zu griechischem Glück“ (V.5) – eine rätselhafte Bestimmung. „Griechisch“ könnte für Süden-Ferne-Sehnsucht-Paradies, inklusive Liebe stehen, ähnlich der Italiensehnsucht, doch ohne deren römisch-katholischen Einschlag. In V. 6 f. kommentiert zuerst der Sprecher das vergangene Gesenktsein der Braunen: „In Sichel-Sehnsucht“ (V. 6). Sichel-Sehnsucht mag Sehnsucht nach der Ernte sein (vgl. „Reif“), verbunden mit einer Art Todessehnsucht („ein Schnitter, heißt der Tod“).

Die folgenden anderthalb Verse (V. 6 f.) verstehe ich als personal berichtet und aus Sicht der Braunen damals am Strand gesprochen – die tauchen ja später nach Männlein und Weiblein getrennt wieder auf (V. 12 ff., V. 21 ff.). Als Worte der Sichel-Sehnsucht haben sie die Bedeutung, Hoffnung auf die Ernte und Erfüllung auszudrücken.

Die dritte Strophe lese ich als einen Kommentar des Sprechers zu dieser Sehnsucht, in einer Art jambischem Takt gesprochen – das Pronomen „wir“ (resp. „uns“) steht für uns alle, hier wird Gültiges vorgetragen: Es lechzt in uns, wörtlich „es“: Stoppel und letzte Mandel, die Ergebnisse der Ernte „wollen“ ins Dasein treten, die Mandel im Mittelmeerraum, sie gehört ins Griechische (V. 5). V. 9 ist eine rätselhafte, chiffernhafte Aufzählung, vielleicht für den Lebensprozess: Entfaltungen als Beginn, Müdigkeiten als Ende, das Blut als Träger des Prozesse – von Geist und Seele keine Spur. Die Georgine (V. 10) ist die Dahlie, nur anders benannt, blüht im Sommer bis in den Herbst. Wieso macht sie uns wirr? Es kann nicht ihr Duft sein, Dahlien duften nicht; es muss ihr bloßes Erscheinen sein, was auf Herbst verweist (vgl. V. 6 f.).

Es folgen noch zwei Sätze im Präsens, wo von den Aktionen des Männer- und des Frauenbrauns (im Präsens) berichtet wird: stürzt sich auf / taumelt an (V. 11, V. 20). An beide schließen sich personal berichtet Äußerungen eines Mannes und einer Frau an. Ob diese Aktionen das ersehnte Herbstgeschehen als Fantasie darstellen? Weniger wahrscheinlich ist es, dass sie Bericht vom vergangenen Strandgeschehen sind (Präsens!) oder das gegenwärtige Geschehen im Zug beschreiben – eher ist es das, was immer geschieht, wozu das Lechzen uns treibt (V. 8), was die Wirrnis bewirkt (V. 10): Paarung in Besinnungslosigkeit.

V. 12-17 stellen ohne Einleitung die Rede eines Mannes dar; zuerst ein paar schnodderige Machosprüche (V. 12 f. – die Frau als „etwas“, vgl. V. 16), danach die Klage nach dem Akt – das Leiden am „Bei-sich-selbst-Sein“ (V. 14 f.). V. 16 ist parallel zu V. 12, V. 17 stellt drei Äußerungen im Zustand der Lust vor (wobei der Adressat von „Stirb hin!“ unklar ist); „Resede“ ist ein Blumenname für die Frau: „Die Resede steht unauffällig am Wegrand oder auf Bahndämmen, aber beim näheren Hinschauen entpuppt sie sich als hübsche Blume mit Wohlgeruch. Kaum jemand kennt die Resede heutzutage, dabei war sie früher eine beliebte Gartenpflanze, die mit ihrem Duft betört hat.“ (http://www.heilkraeuter.de/lexikon/resede.htm) V. 18 f. ist eine nachträgliche Reflexion, vermutlich des Gedicht-Sprechers, über das sexuelle Erleben. „Süden“ greift das Stichwort „griechisch“ (V. 5, und Mandel, V. 8) auf, „Hirt und Meer“ passen dazu, „Meer“ ist das Undifferenziert-Ozeanische, Ende des klaren Bei-sich-selbst-Seins, zu ihm führt der Abhang (V. 19), woran das Glück lehnt (Personifikation).

V. 21 ff. sind Äußerungen des taumelnden Frauenhellbrauns, im Moment der Hingabe getan; das Attribut des „letzten“ Geruchs greift die Herbst- (V. 5 ff.) und Untergangsthematik (V. 17 ff.) auf, der fiebernd-süßes (V. 23) Getriebenwerden ist (vgl. V. 15), aus dem Lechzen (V. 8) entstanden.

Und das alles im D-Zug: im Zug der neuen Zeit, nach dem Aus für die Ehe und dem Ende der enthusiastischen Liebe: der Mensch als Tier, das erst (vorübergehend) glücklich ist, wenn es sein Ich-Sein, sein Bei-sich-selbst-Sein aufgegeben hat.

http://lyrik.antikoerperchen.de/gottfried-benn-d-zug,textbearbeitung,87.html(viele gute Beobachtungen und Einsichten)

http://www.ph-heidelberg.de/wp/haerle/download/Haerle_LiebLyr_310306.pdf (Lyrik – Liebe – Leidenschaft, dort S. 77 ff.)

Sonstiges

http://www.bildindex.de/obj30120184.html#|home (Illustration)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9693 (D. Wellershoff zu Benn)

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000005029/LiJiang.pdf?hosts=See (über die konzeptuelle Metapher bei Benn – Diss. 2008)

http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4373/pdf/SchroederBennPoesieundSozialisation.pdf (Jürgen Schröder: Gottfried Benn. Poesie und Sozialisation)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Delabar, Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

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