Benn: Der junge Hebbel – Analyse

Ihr schnitzt und bildet: den gelenken Meißel…

Text

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/30/mode/2up

http://www.magyarulbabelben.net/index.php?page=work&interfaceLang=en&literatureLang=de&translationLang=all&auth_id=1795&work_id=14077&tran_id=0&tr_id=0&tran_lang=all (mit ungar. Übersetzung)

http://www.brusberg-berlin.de/Katalog/kd36.pdf (dort S. 25, mit vielen Bildern)

„Der junge Hebbel“ (1913 in „Das neue Pathos“) gehört zu den Dichtergedichten. „Dichtergedichte sind Gedichte über Dichter, in denen die Reflexion über das Dichtertum im allgemeinen oder über andere Dichterexistenzen in konkreten Fällen thematisiert wird.“ (J.S. Kim) Jae Sang Kim hat über Dichtergedichte des Expressionismus promoviert (s.u.); er hat Benns poetologisches Gedicht ausführlich untersucht (S. 46 ff.).

Hebbel kommt (als Vorbild) in der Form des Rollengedichts selbst zu Wort. „Das Gedicht behandelt die Thematik der Standortbestimmung eines Künstlers, der noch auf der Suche nach künstlerischer Selbstfindung ist, und hat somit einen programmatischen Charakter.

Das Gedicht lässt sich in drei Abschnitte aufteilen, die durch inhaltliche wie stilistische Kriterien deutlich voneinander getrennt sind. Die beiden ersten Strophen bilden den ersten Abschnitt, in dem das künstlerische Selbstverständnis des »jungen Hebbel« behandelt wird. Der zweite Abschnitt, die dritte Strophe, benennt die soziale Herkunft, die vor allem durch Armut bestimmt ist. Die vierte Strophe bildet den dritten Abschnitt, der mit der Darstellung des Verhältnisses zur Welt einen resümierenden Charakter erhält. Für die äußere Dreiteilung sorgen nicht nur die Aposiopesen am Ende der ersten beiden Abschnitte (»Götterhimmeln und Menschenerden. « (V. 10) und »Davon bin ich so entstellt. « (V. 18)), sondern auch die unterschiedlichen Strophenlängen: Der erste Abschnitt besteht aus zwei Strophen mit jeweils vier Versen und zeigt die strophische Symmetrie, während der zweite und der dritte jeweils aus einer einzigen Strophe bestehen, wobei die beiden Strophen unterschiedlich lang sind – die dritte Strophe hat acht Verse, die vierte sieben. Alle drei Teile weisen eine fast reimartige Parallelisierung auf, die in jedem Teil mit einer anaphorischen Figur zur inhaltlichen wie formalen Kohärenz beiträgt: Im ersten Teil korrespondiert »ich schlage« in der ersten Strophe mit »ich trage« in der zweiten, und im zweiten »Meine Mutter« (V. 9) mit »Meine Jugend« (V. 15). Diese anaphorische Parallelisierung findet sich auch im letzten Abschnitt: »Jede hungert« (V. 21) – »jede muß« (V. 22).“ (J.S. Kim, a.a.O. S. 47)

In der 1. Strophe  grenzt das sprechende Ich sich von anderen Künstlern (im Bereich der Bildhauerei) ab: ihr/ich, mühelos/angestrengt. In der 2. Strophe spricht das Ich von seiner erhofften Ich-Werdung, die das Projekt des Prometheus überbietet: Prometheus wollte Menschen nach seinem Bild schaffen, das Ich hier „schreit nach seinen selbsterschaffenen Götterhimmeln und Menschenerden“ (V. 9 f.).

In der 3. Strophe steht Hebbels Biografie im Vordergrund. „Geschildert wird darin das Leben mit der Mutter, das von bitterer Armut geprägt ist. Hebbels Vater starb, als er erst 14 war. Die Familie Hebbels geriet dadurch in materielle Not. Während der ganzen Jugendzeit musste er selbst für sein Brot und sein Dach sorgen, zuerst durch Botengänge, dann als Schreiber im Hause des Kirchspielvogts in dänischen Diensten, wo er unter demütigender Behandlung litt. Bis zur Heirat mit der Burgschauspielerin Christine Engehausen, die ihm materielle Sicherheit, Zugang zur Gesellschaft und Kontakte zum Theater verschaffte, war sein Leben ständig von Geldsorgen begleitet, seine unermüdlichen, aber meistens erfolglosen Bewerbungsversuche machte er in strapazierenden Fußwanderungen, auf denen er eine Strecke von Hamburg über Heidelberg und München und zurück Hamburg bewältigte.“ (J.S. Kim, a.a.O, S. 51) Darüber hinaus wird jedoch ein bestimmter Künstlertypus präsentiert, der als Außenseiter lebt, was die Abgrenzung von den anderen in der 1. Strophe legitimiert.

In der 4. Strophe wird die 3. fortgesetzt, jetzt geht es um die existenzielle Standortbestimmung, nach der ästhetischen und der biografischen. „Die jugendliche Erfahrung erscheint hier als für die gesamte Existenz des Sprechers bestimmend: für das tägliche Leben (V. 19–20), für die Welt- und Selbsterfahrung (V. 21–23) und schließlich für den künstlerischen Schaffensprozess (V. 24–25).“ (a.a.O., S. 52 f.) Die künstlerische Identität bildet sich in der vom Leiden geprägten Biografie heraus; das Ich ist das einzige humane Wesen in einer harten, feindseligen Welt.

Das Gedicht „endet mit einem pathetischen Selbstbekenntnis, sich [trotz] feindlicher Angriffe von außen anzunehmen und diese in »Blut« zu »zerschmelzen«, also dichterisch zu gestalten. Darin kann man ein poetologisches Selbstbekenntnis des Autors erkennen, das auf ein programmatisches Wollen hinausläuft. Damit zeigt Benn, dass das programmatische Wollen eigentlich maßgeblich für das Künstlertum ist und daß ohne die Entschlossenheit dazu keine Kunst geschaffen werden kann.“ (a.a.O., S. 53)

Tempus des Sprechens ist das Präsens: Das Ich lebt noch in diesem Prozess der Selbstfindung; die Wiederholungen von „Ich“ (V. 3, 6, 8) und „Mein“ (V. 11, 15) zeigen an, worum es geht. Ein Stilbruch ist der Satz „daß ich nicht verrecke“ (V. 20) – er bezeugt sowohl die Tiefe der Not wie die künstlerische Entschlossenheit, Eigenes zu schaffen (statt sich konventionell auszudrücken).

Mit der Hebbel-Biografie (v.a. 3. Str.) grenzt Benn sich von den Dichtern wie Hofmannsthal ab, die aus dem Großbürgertum stammten und sich dem puren Ästhetizismus ergaben. „Die künstlerische Neuorientierung erfolgt nicht auf dem Wege der ästhetischen Auseinandersetzung, sondern durch das sozial-existentielle Argument.“ (a.a.O., S. 54) Das Ergebnis dieser Selbstfindung findet man in der Sammlung „Morgue“ (1912), in der die hässlichen Aspekte des Lebens Thema werden. Dass darin Nietzsches dionysisches Ja-Sagen zur Welt sich auswirkt, sei zum Schluss noch angemerkt.

Diese Analyse hat sich ganz eng an J.S. Kims Vorarbeit gehalten – warum auch nicht, wenn sie gut ist? Jeder kann seine vollständige Analyse in der Dissertation (S. 46 ff.) nachlesen – nur der Text des Gedichtes ist dort S. 46 falsch gesetzt: Die 2. Strophe endet hinter V. 10, die 3. umfasst V. 11-18, wie man am Text in der „Menschheitsdämmerung“ (s.o.) sehen kann.

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/7652/pdf/Kim_Diss_Gesamt_15_07_2010.pdf (J.S. Kim: Dichtergedichte als Gründungsdokumente der expressionistischen Avantgarde, Diss. 2007)

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000005029/LiJiang.pdf?hosts=See (über die konzeptuelle Metapher bei Benn – Diss. 2008)

http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4373/pdf/SchroederBennPoesieundSozialisation.pdf (Jürgen Schröder: Gottfried Benn. Poesie und Sozialisation)

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Hebbel (Fr. Hebbel)

http://hebbel.at/ (Fr. Hebbel)

http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Hebbel,_Friedrich (Fr. Hebbel)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Delabar, Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14761 (Thomas Anz: Zur literarischen Moderne im „expressionistischen Jahrzehnt“)

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