Benn: Untergrundbahn – Analyse

Die weichen Schauer. Blütenfrühe. Wie…

Text

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/347466_0047.pdf

http://books.google.de/books?id=WJ7uMlY9-ogC&pg=PA32&lpg=PA32&dq=benn:+untergrundbahn&source=bl&ots=VSHTYvwA-R&sig=Ahbp0kbN3Up4IQv33MGgNL7yOlg&hl=de&sa=X&ei=-M_wUriXHMGxywOe3oL4DQ&ved=0CFsQ6AEwCjgK#v=onepage&q=benn%3A%20untergrundbahn&f=false

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass der Text des Gedichtes im Netz oft unsauber zitiert wird.

 

Vom Himmel 

In sich muss man ihn suchen, er blüht am liebsten im Menschen. Und wer ihn gefunden hat, ganz zart noch ein blaues Verwundern, ein seliges Aufblicken, der sollte seine Blüte Himmel pflegen. Von ihr gehen Wunder aus; unzählige Wunder ergeben Jenseits.
Könnte ich immer um mich sein, der himmlischen Beete möchte ich ziehen. Wie man versöhnt mit sich selber sein kann, und Eigenes sein Ewiges küsst. Hätte ich je einen Menschen so unumstößlich erlebt wie ich mich!
Zweitönig Pochen, vertrautes Willkomm. Rundeilen meine Gedanken um mich, um alles Leben – das ist die große Reise um aller Herzen Schellengeläute und Geflüster, über Wälle, die der Jubel aufwarf, über Gründe der Versunkenheit; und falle in Höhlen, die der Schreck grub – und immer seine Herzstapfen wiederfinden, seinen Blutton, bis man den ersten Flügelschlag in sich vernimmt, sein Engelwerden – und auf sich herabblickt – süße Mystik.
Und irrig ist, den Himmelbegnadeten einen Träumer zu nennen, weil er durch die Ewigkeit wandert und dem Mensch entkam. Aber mit Gott lächelt.
(E. Lasker-Schüler; sie stellt in diesem Essay die selig aufblickenden Künstler gegen „die Enthimmelten, die Frühblauberaubten“, die Zweifler; denn „ihr Leben ist ohne Ausblick, ihr Herz ohne Ferne“.)

Auf Lasker-Schülers Essay „Vom Himmel“ antwortet Benn mit Gedichten, die 1913 unter dem Titel „Söhne“ erscheinen. Er fleht seine „Madonna“ an: „Gib mich noch nicht zurück! / Ich bin so hin gesunken / an dich.“ In diesen Zusammenhang passt das Gedicht „Untergrundbahn“ nicht, auch wenn es in ihn hineingehört – einige Germanisten lesen es als Benns Antwort auf den Essay „Vom Himmel“.

„»Untergrundbahn« ist ein Kampfprotokoll, in dem der Militärarzt beschreibt, wie er, langsam von Lasker-Schüler verführt (»Durch all den Frühling kommt die fremde Frau.«), nach der erotischen Entdeckung seiner »Blüte Himmel« zu ihr, dem »Rosenhirn, Meer-Blut, […] Götter-Zwielicht, […] Erdenbeet« wandern will wie der Hoffnungsfrohe im biblischen Psalm 23: »Und ob ich schon wanderte in finsterem Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.«“ (Jan Drees, a.a.O. S. 187)

Wenn dieser Zusammenhang einigermaßen klar ist, kann man sich dem Aufbau des Gedichts zuwenden: Ein lyrisches Ich beschreibt, wie es die Begegnung mit einer attraktiven Frau erlebt (V. 1-13) und wie es darauf in seiner Selbsteinschätzung reagiert (V. 14 ff.). Die Frau wird als sexueller Impuls erlebt: weiche Schauer, wie aus warmen Fellen. Das Rot des Blutes wird gegen das Blau des Himmels (Lasker-Schüler) gesetzt. „Das große Blut steigt an.“ – der Mann hat eine Erektion (V. 1-3). Er sieht das Bein und den Gang der fremden Frau (V. 4 ff.), alles im Bild von Frühling und Blüte (Blütenfrühe, V. 1; Frühling, V. 4; laues Geblühe, V. 7). F- und Sch-Alliterationen bestimmen die 2. Strophe, das Ich spricht gebunden: regelmäßig alternierend. Es sieht das Bein, den Strumpf und stellt sich vor, wo das alles endet: „fremde Feuchtigkeiten“ (V. 7) der begehrenden Frau.

In der 3. Strophe spricht das Ich bewundernd vom Mund der Frau (V. 8), mit l-Alliteration; es wendet sich unmittelbar an sie, spricht sie (für sich) an: „Du Rosenhirn…“ (V. 9 f.) Die Attribute der Frau binden den Himmel Lasker-Schülers ans Irdische zurück: „Götter-Zwielicht“ statt „Götterglanz“, „Erdenbeet“, bezogen auf die wiegenden Hüften und den aufreizenden Gang (V. 10 f.).

Statt Licht nun „Dunkel“ (V. 12, 4. Str.): In Gedanken fährt das Ich ihr unter die Röcke, sieht dort „nur weißes Tier“; „stummer Duft“ der Sekrete erregen das Ich (V. 13) – es ist weit vom Himmel entfernt.

Im folgenden zweiten Teil des Gedichts reflektiert das Ich sein Erleben, leidet es an seiner Geistigkeit: „Ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen.“ (V. 14) „Hirnhund“ ist ein Hund, ein Tier, dem leider („armer“) ein zu großes Hirn verpasst worden ist; „Gott“ steht für alles Geistige, für Ideen und Moral. Statt der Stirn, dem Produktionsort des Geistigen, wünscht sich das Ich „ein Gerüste von Blütenkolben“ (V. 15 f.), das dem Gesetz des Penis folgte: Es „schwölle mit und schauerte und triefte“ (V. 17). In der sch-Alliteration hört man noch etwas von dem Schauern und Triefen.

„Ich bin“ wird in den Ellipsen der 6. Strophe ausgelassen. Losgelöst ist das Ich von sich selbst (V. 18), in der Ermattung nach dem Akt; es will nicht bei sich sein und bleiben, sondern „wandern“ (V. 18). Die Welt ist ihm blutlos und Schatten (V.19 f.), in der Ferne erahnt es ein Glück: „ein Sterben / hin in des Meeres erlösend tiefes Blau“ (V. 20 f.). Untergang, Ende des Ich – dafür steht das Meer, das unbestimmte Wasser, die Erlösung: Goethes Fischer lässt grüßen. Und dort ist dann auch das Blau zugegen (V. 21), nicht im Himmel, wie es im Essay der Lasker-Schüler heißt.

Das Gedicht erinnert an „D-Zug“; für das Verständnis des Hirnhundes möchte ich noch aus dem zeitnahen „Fleisch“ zitieren:

„Wer wüßte eine Zukunft?

Das Gehirn ist ein Irrweg. Stein fühlt auch das Tier.

Stein ist. Doch was ist außer Stein? Worte! Geplärr!

(langt sich sein Gehirn herunter)

Ich speie auf mein Denkzentrum.

Worte haben wir hervorgehurt.

Mich ekelt die Blutschande.“

Die Blutschande des Denkens: ein Gefühl des Überdrusses. Die Besucher der Swinger-Clubs fühlen heute vermutlich nicht einmal mehr den Überdruss; sie ficken sich fröhlich durchs Leben, nehme ich an.

http://www.lesenmitlinks.de/wp-content/uploads/Herzens_B%C3%BChne.pdf (Jan Drees über das Gedicht)

http://sofa.digitalien.org/sofatest/buch/benn.html (salopper Kommentar zum Gedicht)

Sonstiges

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000005029/LiJiang.pdf?hosts=See (über die konzeptuelle Metapher bei Benn – Diss. 2008)

http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/4373/pdf/SchroederBennPoesieundSozialisation.pdf (Jürgen Schröder: Gottfried Benn. Poesie und Sozialisation)

http://www.grafikliebhaber.de/GiebeHubertus-_Zu_Gottfried_Benn-Untergrundbahn/topic/Shop_Detailseite/shop_art_id/90836/tpl/koenitz_detail (Bilder zu „Untergrundbahn“)

http://www.berneburg.de/berlinlyrik/content/3-analyse/A-frauen.htm (Frauen in der expressionist. Berlinlyrik)

http://www.berneburg.de/berlinlyrik/content/2-gedichte/G-frauen.htm (Texte dazu, mit dem Gedicht „Untergrundbahn)

http://www.zeit.de/1986/19/benn-einsamer-nie/seite-1 (Benn zum 100. Geburtstag, 1986)

http://www.planetlyrik.de/gottfried-benn-einsamer-nie/2011/10/ (über G. Benn)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s