Wilhelm Klemm: Meine Zeit – Analyse

Gesang und Riesenstädte, Traumlawinen…

Text

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/4/mode/2up

http://enhypnion.blogspot.de/2011/08/wilhelm-klemm-meine-zeit.html 

In der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1920) war Wilhelm Klemm mit vielen Gedichten vertreten; in der „Verkündigung“ (1921) fehlt sein Name. Heute ist er fast vergessen; „Meine Zeit“ und „Schlacht an der Marne“ sind die beiden noch am ehesten bekannten Gedichten von ihm.

„Meine Zeit“ ist ein Sonett, eine Form, die sonst bei Klemm nicht vorkommt; es stammt aus dem Band „Ergriffenheit“, 1919. In den beiden Quartetten werden einzelne Splitter dessen, was des Sprechers Zeit ausmacht, zusammengestellt: Einmal ist es Riesiges (V. 4), einmal ist es Winziges (V. 2, V. 7). Das Bewusstsein zieht das Fazit: „Die Seele schrumpft zu winzigen Komplexen. Tot ist die Kunst.“ (V. 7 f.) Durch sein Sonett widerlegt Klemm die letzte Aussage indirekt. „Die Stunden kreisen schneller.“ (V. 8) Das ist sicher eine Erfahrung der Moderne, welche im Futurismus als „die Schönheit der Geschwindigkeit“ (1909) gepriesen wurde.

In den Terzetten folgt die klagende Stellungnahme des Sprechers, der sich hier als lyrisches Ich präsentiert. Er ruft diese Zeit, seinen Zeitraum selbst an: „O meine Zeit!“ (V. 9) Drei Attribute bescheinigt er ihr: namenlos zerrissen, ohne Stern, daseinsarm im Wissen – so etwas gab es noch nie (V. 9-11). Der Stern, die Sterne: das, was Orientierung gibt und in der Nacht den Weg weist. Wenn man bedenkt, dass dieses Gedicht vermutlich 1919 entstanden ist, unmittelbar nach den Schlächtereien des Weltkriegs, versteht man die beiden ersten Attribute; „daseinsarm im Wissen“ ist schwieriger zu verstehen: Man weiß nicht mehr, was ein gutes Leben, ein menschliches Dasein ist, würde ich die knappe Formel entfalten; das ist das Gleiche wie die Attribute „zerrissen“ oder „ohne Stern“.

Die Sphinx galt den Griechen als Dämon der Zerstörung und des Unheils; wenn sie heute ihr Haupt so hoch wie noch nie erhebt (V. 12, vgl. V. 11), geht von ihr die größte Gefahr aus. Angesichts dieser Gefahr ist keine Rettung in Sicht: „Du“ (V. 13), hier im Sinn von „ich“ und „jeder“, siehst nur „des Wahnsinns Abgrund“ weinen (V. 14) – hier wird das Gespensterbrauen (V. 4) aufgegriffen. Wo Gefahr ins Endlose wächst, ist keine Rettung mehr. In des Wahnsinns Abgrund hat 1910 schon Georg Heym mit seinem Gedicht „Die Irren“ geblickt (vgl. auch dieses Gedicht). Wenn du „Furchtlos vor Qual“ (V. 14) da hineinblickst, zeigt dieses Paradox, wie entsetzlich die Lage, deine Lage, die Lage in deiner Zeit ist. Anderseits zeigt die Berufung auf die Sphinx, dass die heutigen Abgründe denen der Antike zumindest vergleichbar sind, auch wenn man heute „noch niemals“ sagt – da ist Georg Heyms Gestaltung des Irren-Motivs konsequenter, moderner: Das macht den Unterschied zwischen einem guten und einem großen Gedicht aus.

Die Verse sind in fünfhebigen Jamben abgefasst, auch wenn öfter die erste Silbe gegen den Takt betont und so herausgehoben ist (V. 6, 8, 9, 12, 13, 14).  Die ersten acht Verse bestehen durchweg aus kleinsten Sätzen oder bloß aufgezählten Nominalgruppen: Häufung der Eindrücke. In den Terzetten gibt es zwei große Sätze der Klage und je zwei einleitende kurze Klagen (mit Rufzeichen). In den Quartetten schließen umfassende Reime die Einzelheiten zusammen; semantisch sind die Beziehung oft sinnvoll (Traumlawinen / Eisenschienen; ohne Ruhm / Heldentum; Propeller / schneller). Das Gleiche gilt auch für die Terzette, wo zweimal Paarreime (V. 9 f.; 12 f.) und ein umgreifender Paarreim (V. 11/14) zu finden sind. Nur das Verspaar „Sphinx / recht und links“ (V. 12 f.) ist ohne semantische Bedeutung.

Wenn man versucht, die eigene Zeit heute – knapp 100 Jahre später – in diesem Gedicht zu erblicken, müsste man einige Aussagen noch einmal steigern: Sündige Weiber und Heldentum gibt es nicht mehr; Völker zerfließen und plustern sich doch im grassierenden Nationalismus auf; die Seele ist den Neurologen und Hirnforschern abhanden gekommen, wabert und quillt anderseits auf und treibt bei den Esoterikern seltsame Blüten… Die Kunst ist tot, beinahe jedenfalls; dafür schwappt die Unterhaltung über alle Kanäle und Medien in unser westliches Leben, das nach wie vor „daseinsarm im Wissen“ ist.

http://www.doktus.de/dok/33909/gedichtinterpretation-meine-zeit-von-wilhelm-klemm.html

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Futurismus (Futurismus)

http://www.kunstwissen.de/fach/f-kuns/o_mod/futur00.htm (dito)

http://www.kunst-zeiten.de/Futurismus-Zeitgeschehen (dito)

http://de.wikipedia.org/wiki/Sphinx_(griechisch) (Sphinx)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Sphinx (dito)

http://www.silyrik.de/cgi/si_getauthor.pl?author=Klemm,+Wilhelm (Gedichte Klemms im „Simplicissimus“)

http://faustkultur.de/1366-0-Gesammelte-Verse-von-Wilhelm-Klemm.html (Ausgabe der Gedichte 2012)

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Klemm_(Lyriker) (Biografie)

http://archive.is/r6feA (Biografie, Geburtsjahr 1801 falsch, richtig 1881)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Delabar, Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://home.arcor.de/dsmirr/texte24/Schule/Expressionismus.doc (Expressionistische Lyrik als Paradigma der Moderne)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s