Heym: Die Gefangenen I – Analyse

Sie trampeln um den Hof im engen Kreis…

Text

http://gedichte.xbib.de/Heym_gedicht_Die+Gefangenen+I.htm

http://www.versalia.de/archiv/Heym/Die_Gefangenen_I.906.html

http://www.klassik-park.de/html/georg_heym1.html

Das Gedicht stammt aus der Sammlung „Ignis“ (1911). Ein unbekannter Sprecher berichtet, wie es den Gefangenen ergeht; in seiner Wortwahl und seinen Vergleichen bewertet er auch, was er sieht.

Von den Gefangenen werden zwei Handlungsweisen beschrieben: wie sie gehen, wie sie schauen. In beiden zeigt sich das Beengte, das Gedrückte ihrer Existenz. Das berichtete Geschehen ist ein Hofgang und die anschließende Rückführung der Gefangenen in ihre Zellen.

Am besten betrachtet man systematisch die beiden Handlungsweisen. Wie gehen sie? „Sie trampeln“ bloß (V. 1), gehen also nicht, weil sie nur „im engen Kreis“ gehen müssen; dieses Im-Kreis-Gehen ist so etwas wie der Rädergang in Mühlen (V. 5), also mechanisch-gesetzlich geregelt; demgemäß hinterlassen ihre Schritte eine „schwarze Spur“ (V. 6), eine traurige Spur. Wenn die Zeit abgelaufen ist, „treibt“ man sie ein wie Schafe zur Schur (V. 13); dieser Vergleich wird dann metaphorisch umgesetzt: „Die grauen Rücken [der Schafe] drängen in den Stall.“ (V. 14) Die Rücken sind grau wie auch die Wand des Gefängnisses (V. 10): Der ganze Raum ihres Lebens ist grau-schwarz-kahl (V. 2, 6, 10, 14; Weiß V. 4). So können ihre Holzschuhe auch nur klappern (V. 15 f.), was zum Rädergang der Mühle passt (V. 5).

Entsprechend eingeengt ist ihr Blickfeld: Der Blick schweift hin und her (V. 5), prallt zurück von der Mauer (V. 4), geht betrübt die graue Wand empor (V. 10); sie suchen vergeblich Feld und Baum zu sehen (V. 3), sehen nur die Gitter ihrer Zellen (V. 11 f.), „Wie schwarze Waben…“ (V. 12) – auch in diesem Vergleich wird das Tierhafte ihrer Existenz deutlich, während der Schädelvergleich (V. 9) primär die Kahlheit des Raumes zeigt, sekundär schon auf Tod und Totenschädel verweist.

Die Verse weisen einen fünfhebigen Jambus auf, immer regelmäßig mit männlicher Kadenz, was den Vers potenziell für ein Weitersprechen öffnet. Das wird vom Satzbau her in V. 5, 7, 11 und 15 genutzt; die anderen Sätze enden mit dem Versende. Die Strophen werden durch einen umfassenden Reim zusammengehalten. Die Reime sind teilweise semantisch sinnvoll: im engen Kreis / prallt zurück von der Mauern Weiß (V. 1/4); graue Wand empor / Kasten vor (V. 10 f.), zum Beispiel. Ohne semantischen Bezug sind dagegen  etwa V. 9/13 oder V. 6 f.

Das Gedicht soll durch ein Bild van Goghs motiviert sein, der wiederum ein Bild Gustav Dorés aufgenommen hat; ich kenne das Original nicht, finde im Netz nur verschieden getönte Reproduktionen, von denen ich zwei zur Auswahl präsentiere:

1) http://neuwied-rein.de/JVA_KO/Pix/Zuchthaus_Newgate_van_Gogh_902x6221.JPG

2) http://paintings4u.ch/images/product_images/original_images/vincent_van_gogh_die_runde_der_gefangenen_1.jpg

Bedeutend ist das Gedicht nicht durch seine Form – die ist ganz der Tradition verhaftet; neu ist das Gedicht durch sein Thema: das elende Leben der Gefangenen. Das ist ein Ton, der sich dann auch in „Der Gott der Stadt“, „Der Hunger“, „Die Dämonen der Stadt“ und „Die Vorstadt“ bemerkbar macht – allesamt Gedicht aus dem Band „Ignis“ (= „Feuer“, 1911). Im Feuer steht eine Welt, die alte Welt verbrennt – was bleibt von ihr erhalten? Was wird in den Ruinen neu gebaut werden?

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=rRC8GA19Skg (Verfilmung, Text gedruckt)

Sonstiges

http://www.w3l.net/w3lnet2/Material/heym.html (Gedichte)

http://archive.is/VsgZa (Gedichte)

http://www.cluberzengel.de/download/ebooks/pdf/Heym,%20Georg%20-%20Ausgewaehlte%20Gedichte.pdf (Gedichte)

http://www.liberley.it/h/heym_g.htm (Texte im Internet)

http://www.schwarzbrenner.de/wp-content/uploads/Media/GeorgHeymGoetzEisenberg.pdf (Würdigung Heyms, zum 10.. Geburtstag)

https://tidsskrift.dk/index.php/Orbis_Litterarum/article/view/50534/93572 (W. Kohlschmidt: Der deutsche Frühexpressionismus im Werke Georg Heyms und Georg Trakls)

https://archive.org/stream/menschheitsdmm00pintuoft#page/n5/mode/2up (Anthologie „Menschheitsdämmerung“, 1920)

https://archive.org/stream/verkndigungant00kays#page/n5/mode/2up (Verkündigung. Anthologie junger Lyrik, hrsg. von Rudolf Kayser, München 1921)

http://dspace.library.uu.nl/bitstream/handle/1874/209057/Abschlussarbeit_nieuwe_versie%5B1%5D.pdf?sequence=1 (Rick Duijf: Das Sonett in der expressionistischen Lyrik, Bachelor-Arbeit 2011)

http://delabar.net/storage/216c27f9Vorlesung_02_Expressionismus.PDF (Delabar, Lyrik des 20. Jh.: Expressionismus)

http://m.schuelerlexikon.de/mobile_deutsch/Expressionismus.htm („Expressionismus“ im Schülerlexikon)

http://universal_lexikon.deacademic.com/236275/Expressionismus_in_der_Literatur%3A_Aufschrei_und_Zeitdiagnose (Expressionismus)

http://www.literatur-hausarbeiten.com/lektuere/expressionismus/index.php (zu: Expressionismus)

http://home.arcor.de/dsmirr/texte24/Schule/Expressionismus.doc (Expressionistische Lyrik als Paradigma der Moderne)

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