J. Wassermann: Etzel Andergast – Besprechung

Nach „Der Fall Maurizius“ habe ich mit der Lektüre von Wassermanns „Etzel Andergast“ begonnen; bis zum 11. Kapitel habe ich tapfer durchgelesen: den Roman von den Ausnahmemenschen Irler, Kerkhoven und Andergast. Es ist ein Roman vom Wert der Begegnung mit dem Ausnahmemenschen: Kerkhoven findet durch die Begegnung mit Irler zu sich und seinem überragenden ärztlichen Können (und nebenher zu seiner neuen Frau Marie); Andergast findet durch die Begegnung mit dem Ausnahmemenschen Kerkhoven… Aber nach 11 Kapiteln konnte ich das Gerede vom Ausnahmenschen Andergast nicht mehr lesen: Der Kerl ist 21, habt aber nicht nur sich in beinahe allen Wissenschaften, sondern auch in allen Spelunken und an allen schrägen Orten getummelt… So habe ich das elfte Kapitel im Wesentlichen nur ganz kurz gestreift, um dann festzustellen, dass im 12. Kapitel die Geschichte Lorriners erzählt wird – es passiert also wieder nichts, es wird geredet und geredet. So breche ich die Lektüre ab: Wozu soll ich einen 80 Jahre alten Unterhaltungsroman zu Ende lesen?

Wenn ich mich nicht vertue, gibt es im Netz derzeit eine einzige Inhaltsangabe und keine wirkliche Besprechung (trotz einiger kleinlicher Ansätze im Wikipedia-Artikel): http://de.wikipedia.org/wiki/Etzel_Andergast

Von einigen Eindrücken will ich doch kurz berichten:

  • Irlen liest im Paracelsus und schöpft daraus tiefe medizinische Einsichten (Ausgabe dtv 12960, S. 66 ff.).

  • Kerkhoven war „durch die innige Hingabe an den einen Gegenstand“ mit Irlens physischer Beschaffenheit völlig vertraut geworden, er konnte sich „die leibliche Gestalt wie das Spiel der inneren Teile“ gänzlich vergegenwärtigen (S. 87).

  • Gelegentlich tritt das Erzähler-Ich reflektierend zutage: „Mir obliegt Geschichtsschreibung, Schicksalsdarstellung, Blick in die Tiefe der Epoche.“ (S. 113)

  • Obwohl er in seinem Wissen beschränkt ist, kennt der Erzähler Maries Traum, während sie selbst ihn unmittelbar nach dem Erwachen vergisst. (S. 164)

  • Seltsame Vorstellung: „Wenn sich ein Mensch nicht zu der Idee durchringt, die er nach dem Plan der Schöpfung vorstellt, ist er eine Uhr ohne Zifferblatt.“ (S. 184)

  • Eines der Grundgesetze, denen die Existenzen unterworfen sind, ist das der Begegnung. Darin wirkt sich recht eigentlich der geheime Wille der oberen Mächte aus, das, was wir Schicksal heißen.“ (S. 235 – der Erzählerkommentar geht über zwei Seiten)

  • Vorstellung vom Volkskörper, der als ganzer krank ist, „kein Chirurg konnte da herankommen“ (S. 282); auch dem Blut und dem Blutsmäßigen wird zum Erstaunen heutiger Leser öfter große Bedeutung zugemessen.

  • In einem Brief an Etzels Mutter entwickelt Kerkhoven eine Theorie der Jugend bzw. des Jugendalters (S. 302 ff.).

  • In diesem Brief entwickelt er auch eine Theorie der Gewordenheit: Jeder blickt „auf sein früheres Ich wie auf eine unvollkommene Form herab, deren er sich zu schämen hat, in die verdammt er das Opfer tadelnswerter Verirrungen war. Warum denn bloß? Warum liebt kein Gewordener den, aus dem er geworden ist? Als ob jedes Heute das Gestern umbringen und auffressen müßte, damit ein Morgen sein kann. Lernten wir doch wieder zurückzuschauen, die Gegenwart wäre uns vielleicht erträglicher und die Zukunft nicht so finster.“ (S. 304)

Damit stelle ich die Lektüre der Bücher Feuchtwangers und Wassermanns ein – ich hatte einen Eindruck von diesen relativ bedeutenden jüdischen Autoren der Vorkriegszeit gewinnen wollen; jetzt habe ich den Eindruck – sie waren zu ihrer Zeit bedeutend, aus heutiger Sicht Feuchtwanger noch mehr als Wassermann. Feuchtwangers „Erfolg“ ist auf seine Art immer noch lesenswert,  „Die Geschwister Oppermann“ vermittelt einen Eindruck von dem, was 1933 passierte. (Bei Wassermann habe ich bereits die Lektüre des zweiten Bandes der Trilogie abgebrochen, bei Feuchtwanger erst die des dritten.)

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