Droste-Hülshoff: Im Grase – Analyse

Süße Ruh’, süßer Taumel im Grase…

Text

http://www.poemswithoutfrontiers.com/Im_Grase.html (mit engl. Übersetzung)

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=389&id=586&add=&start=0

http://www.g.eversberg.eu/DUpdf/FrauenLyrik.pdf

„Im Grase“, vermutlich 1844 entstanden, gibt den Interpreten viele Rätsel auf, wie Heinz Rölleke in seiner Interpretation (in: Gedichte und Interpretationen, Bd. 4, RUB 7893, 1983/2000, S. 158 ff.) darlegt. Ich kann hier nur meine Lesart darstellen, indem ich kenntlich mache, wo und wie ich die im Gedicht vorhandenen Ellipsen oder Leerstellen fülle und warum ich es gerade so tue.

Es spricht ein lyrisches Ich, das in einer Wiese zu liegen scheint (V. 2, V. 5) und eine Liebessituation erlebt. Wenn man sorgfältig liest, wird man diese Situation jedoch nur für eine imaginierte halten können; denn die drei Wenn-Sätze (V. 4, 5, 9 ff.) passen nicht in eine erlebte Situation, sondern nur in eine vorgestellte.

Das Ich stellt sich also vor, in süßer Ruh im Gras zu liegen (V. 1 f.), während die/der Liebende sich über einen beugt und lacht und spricht (V. 5-7). Diese Situation ist vor allem süß (V. 1, wiederholt), ist ein „Taumel“ (V. 1), reißt hin und weg wie eine Flut (V. 3), die tief (wiederholt) und trunken (t-Alliteration, V. 3) ist. Es folgen zwei Wenn-Sätze, die sich auf die ganze bisherige Beschreibung beziehen können, vielleicht aber auch nur auf die Existenz der in V. 3 gepriesenen tiefen Flut. Die Wenn-Sätze geben hier keine Bedingung an, sondern sind im Sinn einer Aufzählung zu lesen: „Und wenn dann die Wolke verraucht…“ Die in dieser Situation verschwindende Wolke gibt es später auch bei Brecht („Erinnerung an die Marie A.“: „Und als ich aufsah, war sie nimmer da.“). Das Flut-Erleben wird im Bild vom schwimmenden Haupt aufgenommen (V. 5); Taumel und Müdigkeit (V. 1, 5) können sich nach dem Liebesakt einstellen. Die Taumel-Bewegung ist auch in den Äußerungen der/des Liebenden: Das Lachen „gaukelt“, die Stimme „säuselt und träuft [tropfenweise rinnen]“ herab, eben wie eine Lindenblüte fällt (V. 8) – die Lindenblüte ist m.E. wegen ihrer eigenartigen Bewegungsweise vergleichsweise genannt, nicht wegen der Symbolik des Lindenbaums, sie gaukelt und schaukelt. „gaukeln“ (= „Lächerliche Bewegungen, possenhafte Stellungen, wunderliche Geberden machen“, Adelung 1811) ist wie die anderen Verben metaphorisch gebraucht.

Es folgt im Vergleich der fallenden Lindenblüte eine Überraschung: wie die Blüte „auf ein Grab“ (V. 8) fällt. Dieser Zielort passt eigentlich gar nicht in eine Liebessituation – wenn er trotzdem nebenher und scheinbar harmlos genannt wird, deutet das in einem die Vergänglichkeit der Liebe an. Dieser dezente Hinweis wird im folgenden Wenn-Satz (2. Strophe) ausdrücklich aufgegriffen: In der Vorstellung des Ichs werden in der Situation erfüllter Liebe (1. Str.) auch die vergangenen Liebesgeschichten wieder lebendig: Wenn jede [Liebes]Leiche zum Leben erwacht und sich rührt, wenn alle die toten Schätze sich „berühren mit schüchternem Klang“… – dann findet die gegenwärtige Liebe ihren Zielort wie die Lindenblüte, dann erweisen sich aber auch die alten „toten“ Liebschaften als nicht gänzlich vergangen: Sie „berühren sich mit schüchternem Klang / Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt“ (V. 15 f.). Was „im Schutt verwühlt“ (V. 14) war oder schien, vermag noch leise, schüchtern (V. 15) nachzuklingen, ist also nicht gänzlich zertrümmert und verloren, wenn auch vergangen: „Tote Lieb’, tote Lust, tote Zeit“ (V. 15), alle toten Liebenden erwachen zu einem scheuen Leben.

Hier wechselt das Ich seine Perspektive: Es tritt reflektierend zur Betrachtung der süßen Ruh und der tiefen Flut zurück und bedenkt (3. Str.), dass sie ihre Vergänglichkeit in sich tragen (vgl. V. 8 und die 2. Str.): Es sind Stunden flüchtiger „als der Kuß / Eines Strahls auf den trauernden See“ (V. 17 f.), also aufs ganze (Er)Leben gesehen nur ein Moment – wobei der Kuss des Strahls (Metapher) direkt in den Bereich der Liebe verweist; dieser Vergleich wird noch dreimal variiert. Im kleinen Lied des Vogels „aus der Höh“ werden das süße Lachen und die liebe Stimme (V. 6 f.) aufgegriffen, die genauso herabtropfen wie des Vogels Lied (träufen/niederperlen, V. 7/20). Des Käfers Blicht- oder Lichtstrahl (V. 21) nimmt in seinem Nu noch einmal den Sonnenstrahl (V. 17 f.) auf; es folgt der kurze Händedruck beim Abschied als Signum der Flüchtigkeit (V. 23 f.). Kuss und Händedruck, Zeichen der Liebe, rahmen die naturhaften Phänomene flüchtigen Lebens ein. Das Ich hat die Wahrheit über die Stunden der Liebe offengelegt – doch in welchem Ton hat es gesprochen? Es hat die Flüchtigkeit, die Vergänglichkeit des Schönsten beklagt: „Auch das Schöne muß sterben!“ (Schiller: Nänie) Dieser Einsicht setzt das lyrische Ich sein großes „Dennoch“ (V. 25) entgegen. Es wendet sich an den „Himmel“ (V. 25) und bittet mit Inbrunst: „[Gib] immer mir nur / Dieses Eine“ (V. 25 f.), die vergängliche Liebe. Dabei greift es die drei in der 3. Strophe genannten flüchtigen Phänomene auf: den singenden Vogel, den blitzenden Lichtstrahl, die drückende Hand (V. 26 ff.) – sie alle sollen trotz ihrer Kürze einen Liebespartner finden: der Vogel eine mit ihm ziehende Seele, der Strahl einen farbigen Saum (s.u.), die Hand den antwortenden Händedruck des Ichs. Im letzten Vers fasst das Ich seine guten Wünsche zusammen: „Und für jedes Glück meinen Traum“ (V. 32). Der Traum vom Glück soll der Begleiter jedes Glücks sein und bleiben, auch wenn das Glück nach eigener Einsicht immer flüchtig ist. Zu solchem Glück sagt das Ich „Ja“. Dies wird auch durch die drei Possessiva der 1. Person (V. 30-32) bekräftigt. Das Ich könnte auch die beiden letzten Verse aus Schillers „Nänie“ zitieren:

„Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.“

Es bleibt noch zu klären, was der farbig schillernde Saum (V. 30) sein könnte; ich denke an die Spektralfarben, die jeder gebrochene Lichtstrahl erzeugt. Selbst der kärgliche (knappe, ärmliche, schlechte) Strahl vermag noch ein buntes Spektrum zu erzeugen; selbst die flüchtige Liebe kann Erfüllung und Glück bringen – soll es immer wieder bringen, bittet das Ich den Himmel (Gott).

Bisher haben wir v.a. die sprachlich-gedankliche Bewegung des lyrischen Ichs verfolgt: Wie es zu Beginn mitfühlend seine Vorstellung einer Liebesbegegnung mitsamt der Erinnerung an vergangene Lieben beschrieben, wie es dann im zweiten Teil sich reflektierend und bewertend der Erfahrung der Flüchtigkeit aller Liebe gestellt hat. Jetzt müssen wir uns zumindest kurz dem Rhythmus und den sprachlichen Feinheiten zuwenden. Die Verse umfassen acht oder neuen Silben, sie weisen dabei drei oder vier Hebungen mit freier Füllung auf. Die erste Silbe hat oft einen zumindest schwachen Akzent, die letzte Silbe eines Verses durchweg einen starken; manchmal könnte man streiten, ob 3 oder 4 oder auch nur 3½ Hebungen vorliegen – soll man zum Beispiel die drei „Wenn“ betonen? Soll man in V. 13 nicht nur die drei Nomina, sondern auch die erste Silbe (Tó-) betonen? Der einzige Vortrag, den ich kenne (Lutz Görner), kann hier nicht weiterhelfen. Jeder zweite Vers ist durch Paarreim an sein Pendant gebunden; da zwei Verse jeweils als syntaktisch-semantische Einheiten verstanden werden können, ist es nicht verwunderlich, dass sich durchweg sinnvolle Reime ergeben: vom Aroma umhaucht / am Azur verraucht (V. 2/4, zwei Eindrücke); gaukelt herab / wie die Blüte aufs Grab (V. 6/8, Abwärtsbewegung); usw. Die einzige Ausnahme bildet V. 26, wo der Einschnitt mitten im Vers liegt und am Ende ein Enjambement den Gedanken fortführt. Das ergibt insgesamt ein bewegtes Sprechen, das doch nach jedem zweiten Vers einen Ruhepunkt findet. Die zahlreichen Wiederholungen (süß, tief, Flut, leise, tote, jeder, wenn), vor allem aber die Aufzählungen und der Satzbau (häufig Einschnitte am Versende, auch in den Versen mit ungerader Nummer) dämpfen das Tempo deutlich, während Enjambements es unregelmäßig beschleunigen (V. 5, 7, 9, 15?, 17, 25, 27, 29). Rölleke weist auf zahlreiche Assonanzen und Alliterationen (s-, w-, sch-, gl-, l- in V. 1-16) hin. Die beiden Vergleiche am Ende der Strophen 1 und 2 schließen diese ab und setzen die Strophen parallel.

Die Sprachebene ist deutlich höher als die Umgangssprache (Taumel im Gras; Arom’; tief trunkene Flut; usw.), es werden altertümlich-dichterische Ausdrücke verwendet (träufen, V. 7; Odem, V. 11). Die zahlreichen Auslassungen von Vokalen (Ruh’; Arom; trunkne; Lindenblüt’ – allein in Str. 1) dienen dem Rhythmus (Silbenzahl pro Vers) und wirken teilweise „gehoben“.

Wir sollten darauf verzichten, das Gedicht „Im Grase“ biografisch bei der Droste zu verorten – ich weiß auch nicht, ob sie solche Situationen mit ihrem Levin erlebt hat und dabei auf vergangene Episoden zurückblicken konnte. Es genügt, dass hier allgemeine Erfahrungen dichterisch gestaltet sind; dabei ist das bewusste „Dennoch“ der 4. Strophe eine Geste, die dieses lyrische Ich auszeichnet und nicht von jedem Leser mitvollzogen werden wird. – Für eine so streng katholisch erzogene und gebliebene Frau wie die Droste, die ja unverheiratet war, war das im 19. Jh. schon ein recht gewagtes Gedicht.

Das Gedicht stellt hohe Anforderungen an den Sprecher; wenn ich daran denke, dass ich es einmal Schülern meines Philosophiekurses in einer Klausur vorgesetzt habe, kann ich heute nur mit dem Kopf schütteln – das war noch in der Zeit, als ich Klausuren konzipierte, ohne meine Lösungserwartung gleich mit zu formulieren.

http://www.litde.com/stationen-der-deutschen-lyrik/die-wirklichkeit-der-landschaften/von-drostehlshoff-ii-im-grase-alle-poren-zur-natur-geffnet.php

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=WnlONvqcWew (dort ab 4:55 – Text verändert: Lutz Görner, mit Einschränkungen hilfreich)

Sonstiges

http://www.zeno.org/Literatur/M/Droste-H%C3%BClshoff,+Annette+von (Leben und Werke der Droste)

http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/neunzehntes/fruehromantik/droste/start.htm (Leben der Droste, mit Bildern und Gedichten)

http://de.wikipedia.org/wiki/Annette_von_Droste-H%C3%BClshoff (ähnlich)

http://www.grupello.de/dateien/C091.pdf („Zu früh, zu früh geboren“ Die Modernität der Droste)

https://archive.org/stream/dielyrikderannet00pfeiuoft/dielyrikderannet00pfeiuoft_djvu.txt (Die Lyrik der Droste – Diss. 1923)

http://www.gedichte.levrai.de/gedichte_von/droste_annette_von_droste_huelshoff.htm (Gedichte der Droste)

http://www.zgedichte.de/dichter_27.html (dito)

http://www.thokra.de/html/droste-hulshoff_5.html (dito)

http://www.dein-eigenes-gedicht.de/ausgewaehlte_gedichte/klassiker/droste.html (dito)

http://www.literaturportal-westfalen.de/main.php?id=00000157&author_id=00000080 (Droste im Literaturportal Westfalen)

http://www.xlibris.de/Epochen/Biedermeier (Epoche: Biedermeier)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/17/thema-literatur-des-biedermeier-1815-1848/ (dito)

Linde, Symbol

http://www.uni-goettingen.de/de/41770.html

http://www.das-lindenblatt.info/frei/?autor=Michel%20Brunner&titel=Mythos%20Linde&text=mythoslinde

http://www.natuerlich-online.ch/fileadmin/Natuerlich/Archiv/2004/08-04/42-45_Linde.pdf

http://www.bunkahle.com/Kraeuter/Pflanzenbeschreibungen/Linde.pdf

http://www.traumdeuter.ch/texte/4629.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Sommer-Linde

http://www.baumkunde.de/pics/gr/0020pic_more1_gr.jpg (Lindenblüte)

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