Droste-Hülshoff: Am Turme – Analyse

Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm…

Text

http://www.poemswithoutfrontiers.com/Am_Turme.html (mit engl. Übersetzung)

http://www.g.eversberg.eu/DUpdf/FrauenLyrik.pdf (dort das 2. Gedicht, mit Erläuterungen)

http://bdsae.org/annette-von-droste-hulshoff-arno-thaller/ (mit Parodie plus Erläuterungen dazu)

http://www.poezio.net/version?poem-id=543&version-id=1089,1090 (mit Übersetzung in Esperanto)

Das Gedicht, 1842 entstanden, ist recht einfach zu verstehen: Eine Frau spricht als lyrisches Ich von ihren Wünschen (Str. 1-3), die dem entgegenstehen, was sie tun muss (Str. 4): Sie möchte mit dem Sturm kämpfen (V. 5 ff.), möchte in die schäumenden Wogen springen und das Walross jagen (V. 13 ff.), möchte im mit den Wellen kämpfenden Schiff das Steuerruder ergreifen und losjagen (V. 21 ff.). Die einzige Möglichkeit, solche wilde Freiheit zu leben, besteht darin, dass sie offensichtlich allein „auf hohem Balkone am Turm“ (V. 1) steht und ihr offenes Haar im Wind flattern lässt („gleich einer Mänade“, V. 3, also gleich einer der ausgelassenen Frauen im Gefolge des Dionysos). In der letzten Strophe erklärt sie ihre Wünsche und ihr Tun: Wäre sie ein Mann, „so würde der Himmel mir raten“ (V. 28), d.h. es gäbe Gelegenheit, ihre wilden Wünsche auszuleben: als Jäger, als Soldat oder anders. Nun (V. 29), da sie „nur“ eine Frau ist, muss sie „sitzen so fein und klar / gleich einem artigen Kinde“ (V. 29 f.), was für eine Erwachsene demütigend ist, und darf „nur heimlich lösen mein Haar / und lassen es flattern im Winde“ (V. 31 f.) – eine symbolische Handlung, die den Anspruch auf Freiheit und freie Bewegung (statt stillem Sitzen) verborgen auszuleben erlaubt.

Die verschiedenen Szenen ihrer Freiheitsfantasien ergeben sich aus den Beschränkungen, denen Frauen zu ihrer Zeit (19. Jh.) unterliegen, und aus ihrem Standort mit seinen Möglichkeiten: Sie steht auf dem Balkon am Turm (V. 1) und erlebt dort den freien Wind; sie schaut hinunter auf den Strand (V. 9, evtl. des Bodensees) und sieht „drüben“ im Wasser einen Wimpel wehen (V. 17).

Das Gedicht besteht aus vier Strophen, die zweigeteilt sind: Situation/Wunsch (Str. 1-3) bzw. irreale Möglichkeit/Wirklichkeit (Str. 4). Jeweils zwei Verse bilden eine rhythmische Einheit mit ihrem Wechsel von 4 und 3 Hebungen, dem Kreuzreim und männlichem/weiblichem Schluss, was ein zügiges Durchsprechen der Doppelverse erfordert (meistens Enjambements). Die Füllungen zwischen den Hebungen sind frei; die erste Silbe eines Verses ist meistens unbetont (außer V. 14, 25, 27, 30), was das zügige Sprechen erleichtert. Für die Semantik der Reime muss man nur die jeweils zweiten Verse betrachten: schreiende Stare / flatternde Haare (V. 2/4: wildes Erleben); kräftig umschlingen / ringen (V. 6/8: Kampf); usw. Die Sprachebene liegt oft über der Umgangssprache (umstrichen vom Stare, V. 2; gleich einer Mänade, V. 3; o toller Fant, V. 5; Sehne an Sehne, V. 7; usw. Ein Fant ist ein junger Bursch, abwertend bezeichnet; „Sehne an Sehne“: im direkten körperlichen Kontakt). Formal gleichen sich die Strophen mit ihrer Teilung nach dem 4. Vers, dem dreimaligen o- im 5. Vers und dem und-Anschluss im 7. Vers.

Wenn man das Gedicht biografisch liest, zeigt es die Unzufriedenheit resp. Sehnsüchte und die Selbstbeschränkung einer 45jährigen unverheirateten adeligen Frau in der Mitte des 19. Jahrhunderts; es gelingt ihr nicht, ihrer Neigung zu folgen und aus dem vorgegebenen Lebenskreis mit seinen Konventionen auszubrechen, wozu sicher auch ihre Mutterbindung und ihre starke Religiosität beigetragen haben.

Wenn man in Ruhe über das Gedicht nachdenkt, muss man feststellen: Viel ist der Droste hier nicht eingefallen. Selbst wenn man die konservative, weil letztlich rollenbestätigende Fantasie „Ja, wenn ich ein Mann wäre…“ akzeptiert, sind die darin fantasierten Lebensvollzüge nur die von körperlich kräftigen jungen Männern; Jäger und Soldaten werden genannt – bedeutende Jäger und Soldaten des 19. Jahrhunderts kenne ich allerdings nicht. Jäger und Soldaten standen in Diensten des Adels, also im Rang unter der Droste, sie werden als knackige Jungs fantasiert. Die Reduktion des Mannes auf die körperlich sich frei entfaltende Kraft entspringt der kompensatorischen Fantasie einer älteren kränklichen Dame; emanzipatorisch und sachlich bedeutsam war das Gedicht bereits für ihre Zeitgenossen kaum, höchstens als Zeugnis des Leidens an der Frauenrolle. Auch wenn „Am Turme“ heute zu den (feministisch) geschätzten Gedichten der Droste gehört, ist es allenfalls historisch interessant: als Zeugnis des Leidens, nicht als Formulierung einer Utopie.

http://board.raidrush.ws/threads/384522-Gedichtsinterpretation-Annette-von-Droste-H%C3%BClshoff-%E2%80%9EAm-Turme%E2%80%9C

http://www.uni-protokolle.de/foren/viewt/154661,0.html (wie man so interpretiert)

http://lyrikonline.hep-verlag.ch/mod/data/view.php?d=2&rid=254 (Text plus kurze Erklärung)

http://de.wikipedia.org/wiki/Am_Turme

http://blogs.cornell.edu/glp-kpp25/2011/12/08/5-die-bedeutung-des-meeres-interpretationen-von-frauen-zu-verschiedenen-zeiten/

Vortrag

http://vorleser.net/droste_turme/hoerbuch.html (Julia Nogli, etwas zu schnell)

http://www.lutzgoerner.de/gdt/248/ (Lutz Görner, als er noch jünger war: gut, noch etwas schematisch)

http://www.rezitator.de/gdt/569/ (Lutz Görner, etwas älter: besser)

Sonstiges

http://www.nach100jahren.de/ueber-annette-von-droste/ (über die Droste – viele Materialien!)

http://www.deutsche-biographie.de/sfz45558.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Droste-H%C3%BClshoff,+Annette+von (Leben und Werke der Droste)

http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/neunzehntes/fruehromantik/droste/start.htm (Leben der Droste, mit Bildern und Gedichten)

http://de.wikipedia.org/wiki/Annette_von_Droste-H%C3%BClshoff (ähnlich)

http://www.der-schwache-glaube.de/?p=952 (dito)

http://www.grupello.de/dateien/C091.pdf („Zu früh, zu früh geboren“ Die Modernität der Droste)

https://archive.org/stream/dielyrikderannet00pfeiuoft/dielyrikderannet00pfeiuoft_djvu.txt (Die Lyrik der Droste – Diss. 1923)

http://www.gedichte.levrai.de/gedichte_von/droste_annette_von_droste_huelshoff.htm (Gedichte der Droste)

http://www.wissen-im-netz.info/literatur/droste/gedichte/index.htm (dito)

http://www.zgedichte.de/dichter_27.html (dito)

http://www.thokra.de/html/droste-hulshoff_5.html (dito)

http://www.dein-eigenes-gedicht.de/ausgewaehlte_gedichte/klassiker/droste.html (dito)

http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/annette-von-droste-huelshoff/gedichte-von-droste-huelshoff-mit-illustrationen-von-gerhard-wedepohl.html (Gedichte mit Illustrationen)

http://www.literaturportal-westfalen.de/main.php?id=00000157&author_id=00000080 (Droste im Literaturportal Westfalen)

http://www.xlibris.de/Epochen/Biedermeier (Epoche: Biedermeier)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/17/thema-literatur-des-biedermeier-1815-1848/ (dito)

http://www.youtube.com/results?search_query=lyrik%20f%C3%BCr%20alle%20Folge%2049&sm=3 (Droste bei Lutz Görner: Lyrik für alle, bis Folge 53!)

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