Brentano: Der Spinnerin Nachtlied – Analyse

Es sang vor langen Jahren…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=963

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=747&id=757&add=&start=0

http://www.literaturwelt.com/werke/brentano/spinnerin-nachtlied.html

In diesem einfachen Gedicht Brentanos, 1818 (jedoch bereits 1806 als Lied) veröffentlicht und vermutlich 1802 entstanden, spricht oder singt eine Spinnerin. Als Überschrift finden wir sowohl „Der Spinnerin Nachtlied“ als auch „Der Spinnerin Lied“. „Spinnen“: „Es bedeutet: 1. Aus einem weichen und faserigen Körper einige Fasern ausziehen und solche zu Fäden zusammendrehen; daher sagt man: An der Spindel, an einem Rade spinnen. Sich mit Spinnen nähren. Grob, klar, fein spinnen. (…) Ohne nun noch weiter dieser Erfindung nachspüren zu wollen, deren Natur in der Spinne liegt, sei es genug, hier nur noch anzuführen, daß das Spinnen zu allen Zeiten bei unseren Vorfahren sehr hoch gehalten worden ist, und daß selbst Standespersonen sich desselben nicht geschämt haben. Königinnen und deren Töchter spannen, wie solches auch noch die Königin Sophia Dorothea, Gemahlin König Friedrich Wilhelms des Ersten von Preußen, mit ihren Töchtern gethan hat. Die Edelfrau saß mit ihrer Zofe und spann, und dieses erstreckte sich durch alle Stände, bis auf den einfachen Landmann herab.“ (Krünitz) Aus dem Spinnen kann man also nicht auf die Person der Spinnerin schließen, wohl aber aus dem, was und wie sie spricht.

Das lyrische Ich spricht ganz einfach, in kurzen Sätzen, von der vergangenen Liebe und von seiner Erinnerung daran; allerdings verwendet es auch Hypotaxen. Hinter dem einfachen Sprechen steht aber eine raffinierte Technik, die man einer einfachen Spinnerin nicht zutraut: Die beiden ersten Strophen leben von dem Gegensatz zwischen der erfüllten Liebe „vor langen Jahren“ (V. 1), „Da wir zusammen waren“ (V. 4), und dem gegenwärtigen Zustand: „Ich „spinne so allein“ (V. 6). Die Erinnerung an die vergangene Zeit wird durch den Gesang der Nachtigall ausgelöst (Es sang „auch die Nachtigall“, V. 2 – „Nun mahnet mich ihr Schall“, V. 11). Gegen die schöne Erinnerung, von der das Ich erzählt, steht die gegenwärtige traurige Wirklichkeit, die es beschreibt und beklagt (1./2. Str.).

Diese 8 Verse werden raffiniert aufgegriffen und fortgeführt: Der letzte Vers von Str. 1 wird zum 1. Vers von Str. 3, V.  8 -> V. 13 (minimal variiert), usw.; viermal wird das Schema durchgespielt. Ferner werden die beiden ersten Verse der 1. Str. (genauer: der 2. Vers als Satzkern bzw. Hauptsatz) in der 3. und 5. Str. wiederholt; „klar und rein“, das sind die letzten Worte in V. 7, 15 und 23; der letzte Vers der 1. Str. wird in der 3. Str. kontrastiert und in der 5. Str. wiederholt; die ganze letzte Strophe ist aus Versatzstücken vorheriger Strophen (v.a. der 2.) zusammengestellt: V. 16 – > 21; V. 6 -> V. 22; V. 7 und 8 –> V. 23, V. 5 -> 24. So wird das Gedicht zu einer formal geschlossenen Einheit voller Wiederholungen von eigenartiger Musikalität. Das wäre im Einzelnen genau zu untersuchen, ich nenne hier nur zwei Beispiele: Der zuerst gehörte Gesang der Nachtigall „war wohl süßer Schall“ (V. 3), „Da wir zusammen waren“ (V. 4). Der Nebensatz in V. 4 kann sowohl kausal wie einfach temporal gemeint sein. „Wohl“ ist hier „ein Umstandswort, da es denn den Begriff eines Verbi, oder andern Adverbii nur modificiret, und dabey oft so feine Nebenbedeutungen ausdruckt, daß sie sich nur dunkel empfinden, aber nicht leicht durch Worte klar machen lassen. Ich kann daher nur die vornehmsten und hervorstechendsten anführen. Es sind selbige: (1) Der Nebenbegriff des Zweifels, der Vermuthung, der Frage; wie vielleicht. Das kann wohl nicht seyn. Das ist wohl nicht erlaubt.“ (Adelung 1811) Mit „wohl“ (V. 2, 3) werden die Aussagen also ganz leicht modifiziert. V. 2 wird ohne „wohl“ in V. 10 wiederholt (in der Erklärung, warum nun ihr Gesang daran erinnert, dass „du von mir gefahren“ bist, V. 12). In V. 18 bekennt das lyrische Ich, dass seit der Trennung stets die Nachtigall  singt und, wie in V. 11 f. erklärt, die Erinnerung an die schöne Gemeinsamkeit wachruft. Die Variation V. 3 -> 11 -> 19 könnte man entsprechend durchspielen. Ich weise jetzt nur noch auf die „Objekte“ hin, die mit „klar und rein“ verbunden sind: Zuerst ist es der Faden der Spinnerin (V. 7), dann „mein Herz“ (V. 15), schließlich der Mond (V. 23); „klar“ gehört in die Bezeichnungen des Fadens beim Spinnen (s.o.), „rein“ dürfte aus der Gewissenserforschung und damit dem Bereich der Herzens stammen.

Diese zahlreichen Querverbindungen dürfen aber nicht den Blick dafür trüben, wie das lyrische Ich seine Äußerung entwickelt: Es erinnert sich der Zeit, da „wir“ (das Ich bleibt im Bereich der Pronomina, das geliebte Du hat nicht einmal einen Namen; „ich“ und „du“ werden so offen für alle Namen ähnlich Leidender) zusammen waren, und beklagt im Gegenzug dazu seine derzeitige Einsamkeit (1.-2. Str.). Es beschreibt dann Situationen, in denen es des geliebten Du gedenkt: nun beim Gesang der Nachtigall, und immer, wenn der Mond scheint (3.-4. Str.). In der 5. Str. wird das Adverbial „so oft“ (V. 13) in „stets“ (V. 18) aufgenommen, wird auch der Nachtigall das Amt des Dauermahners zuerkannt. Zum Schluss äußert das Ich gebetsartig zuerst seine Hoffnung auf erneute Vereinigung mit dem Du (V. 21, wie V. 16), wogegen sich seine derzeitige Verlassenheit abhebt (V. 22 ff., vgl. V. 6 und V. 5): Klage einer Frau, die in ihrem Liebesleid nicht einmal weinen kann. Nachtigall und Mond werden in den sechs Strophen abwechselnd erwähnt.

Was aus dem geliebten Du geworden ist, geht aus dem Text („von mir gefahren“, V. 12) nicht hervor: Das Du könnte als Handwerker abgereist sein, könnte das Ich treulos verlassen haben oder auch gestorben sein (dafür spricht vielleicht V. 16, V. 21) – wir wissen es nicht.

Das Gedicht besteht aus dreihebigen Jamben, die in einem umfassenden Reim aneinander gebunden sind; die äußeren Verse besitzen eine weibliche Kadenz (zusätzliche Silbe), die inneren eine männliche. Für die Innenreime wechseln sich stets „Nachtigall/Schall“ und „allein/klar und rein“ ab, was den Eindruck eintöniger Einfachheit der Sprecherin hervorruft.

Brentano gehört zwar in die Romantik; doch sind die Nachtigall und der Mond nicht ausschließlich romantische Attribute; die Nachtigall singt zwar öfter in Eichendorffs Gedichten, aber auch schon im 17. Jahrhundert und etwa bei Theodor Storm. Der Mond scheint in den Gedichten vieler Epochen, im Expressionismus sogar außerordentlich bedrohlich. Ich sehe das Gedicht vor allem als ein Formexperiment, welches das Kreisartige etwa der Terzinendichtung aufnimmt oder variiert und zum Ausdruck der Trauer und Hoffnung nutzt.

Eine gelehrte Analyse legt Wolfgang Frühwald vor (Die artistische  Konstruktion des Volkstons, in: Gedichte und Interpretationen, Bd. 3, RUB 7892, S. 269 ff.); sie geht weit über das hinaus, was man in der Schule vermitteln kann. Zwei Erkenntnisse sollen festgehalten werden, 1. dass die artistische Konstruktion eines scheinbar naiven Volkstons eine Leistung der deutschen Romantik war; 2. dass im Gedicht im a-Vers „das Glück der Einheit in der Vergangenheit, im invarianten ei-Vers aller Fassungen (‚Gott wolle uns vereinen’) Sehnsucht und Hoffnung auf eine Vereinigung in der Zukunft ausgedrückt ist, die dem Schmerz der [gegenwärtigen] Trennung nicht mehr unterliegt“ (S. 273). „Das Thema vom verlorenen Paradies, die Klage um seinen Verlust, die Sehnsucht nach seiner Regeneration ist für Brentano die Grundmelodie des Lebens.“ (S. 275)

http://www.dr-bettina-wehner.de/download/Doktorarbeit%20S.%20161%20bis%20210.pdf (Interpretation in einer alten Diss., weist auf das Volksliedartige hin: „Das monotone, stetige Kreisen oder vielmehr Schweifen der Worte symbolisiert die ausweglose Versunkenheit des Menschen in eine düstere, schmerzliche Grundstimmung.“)

http://www.zeit.de/1960/26/der-spinnerin-lied (R. Alewyn geht 1960 intensiv auf die sprachliche Form ein: „Wechsel und Wiederkehr, Stillstand und Verrinnen der Zeit – nichts anderes ist das Thema des Gedichts. Sie sind gebannt in die Situation des verlassenen Mädchens am Spinnrad. In dem Gegensatz der a-Strophen und der ei-Strophen schwingt der Wechsel der Zeit.“)

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/26/Interpretieren-Sie-ein-selbst-ausgewahltes-romantisches-Gedicht—Clemens-Brentano—Der-Spinneri.php (sprachlich etwas hochgestochen, geschwätzig, oft dumm; macht aus der femininen Person später durchweg ein „er“ und landet beim männlichen „Wesen“) = http://www.referatschleuder.de/deutsch.php?Anfangsposition=180&begrenzer=6 (dort Nr. 5)

http://lyrik.antikoerperchen.de/clemens-brentano-der-spinnerin-nachtlied,textbearbeitung,141.html (teilweise gesponnen, hilflos)

http://deutschlk.xobor.de/t57f29-Gedichtanalyse-Clemens-Brentano-Der-Spinnerin-Nachtlied.html (dito, viele „phantasievolle“ Deutungen)

http://www.deutschboard.de/topic,1881,-gedichtinterpretation-zu-undquot%3Bder-spinnerin-liedundquot%3B.html (dito, schwach, mit Korrekturvorschlägen)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_Spinnerin__Brentano_.pdf (schülerhaft, hilfloser Gedichtvergleich mit Günderode: Die eine Klage)

http://www.grin.com/de/e-book/105135/brentano-clemens-von-der-spinnerin-nachtlied-analyse-und-interpretation (Teil einer Analyse, hilflos)

http://www.inhaltsangabe.info/deutsch/die-spinnerin-nachtlied-goethe-analyse (Stichwörter, wie üblich vieldeutig – verschiedene Autoren; Überbewertung des Spinnrads: vermutlich fixe Idee des Lehres)

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Spinnerin_Nachtlied

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/der-spinnerin-lied.369.html (F. Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Lutz Görner, ab 7:58)

https://www.youtube.com/watch?v=i8-kcTBSWIs (Sprecherin, gut)

http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/deutsch/unterrichtseinheiten/lyrik/lyrikgespr/spinnerin.mp3 (Schülerin, hilflos)

https://www.youtube.com/watch?v=wjQ3u7qunuc (Schüler, schreit unmotiviert herum)

https://www.youtube.com/watch?v=koPGLJMhHXk (Schülerin, mit unpassenden Bildern verbunden – meine Güte, was alles als Klausurarbeit beim produktiven Arbeiten durchgeht!)

https://www.youtube.com/watch?v=3dx6TF0dK0Q (ähnlich, etwas besser)

https://www.youtube.com/watch?v=IrREhyCNmLM (zwei Sprecherinnen, sonst ähnlich)

https://www.youtube.com/watch?v=dIzm6dwX3Zo (Kunstlied A. Diepenbrocks)

Sonstiges

http://anthrowiki.at/Clemens_Brentano (Biografie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Biographie (Biografie und Gedichte Brentanos)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=3132 (Vertonungen von „Der Spinnerin Nachtlied“)

http://www.gym-nw.org/pages/fachbereiche/aufgabenfeld-a/deutsch/aktuelles/82-brentanos-spinnerin.php (Bilder einer Kl. 8 zum Text)

http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/deutsch/bs/lyrik/lit/literaturgeschichte.pdf (Liebeslyrik im Unterricht)

http://www.deutschlehrerzentrum.uni-goettingen.de/materialien/Vom_Umgang_mit_Zauberworten.pdf (Hinweise zur Interpretation romantischer Lyrik, vgl. http://wikis.zum.de/zum/Liebeslyrik_der_Romantik)

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