Brentano: Hörst du, wie die Brunnen rauschen – Analyse

Hörst du, wie die Brunnen rauschen…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1012

http://gutenberg.spiegel.de/buch/360/92 

http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350450_0213_Brentano_Brunnen.pdf (mit grausamer Textbeschreibung: 1. Es gibt im Gedicht keine Naturbeschreibungen, 2. es geht nicht um die positiven Gefühle des Ich.)

Das Gedicht ist wohl 1811 entstanden, und zwar für Brentanos Märchen. „Mit den ‚Italienischen Märchen’, wozu ‚La Mortella’, das ‚Myrtenfräulein’ gehört, hat Clemens Brentano, der Sohn eines italienischen Kaufmanns, einige der Geschichten aus dem ‚Pentamerone’, der berühmten Märchensammlung des Giambattista Basile aus dem siebzehnten Jahrhundert, adaptiert und durch Rollengedichte wie dieses bereichert.“ (H.-J. Simm)

Das Märchen von dem Myrtenfräulein: Inhalt und Text. Der Prinz singt das Lied für sein unsichtbares, aber sprechendes und fühlbares Myrtenfräulein, als Schlaflied. „Und dies Lied wirkte so durch die sanfte Weise, in welcher er es sang, daß das Myrtenfräulein zu den Füßen des Prinzen entschlummerte…“

Sprecher bzw. Sänger ist ein verliebter Prinz, das angesprochene Du das wundersame Myrtenfräulein. Der Sprecher beginnt mit der doppelten (rhetorischen) Frage „Hörst du…“, womit er jedoch nur auf die leisen Geräusche der Nacht hinweist; „stille“ (V. 3), ebenfalls wiederholt, ist ein verkürzter Imperativ: „sei stille“, worauf die Aufforderung „laß uns lauschen“ (V. 3) folgt. Das heißt: Lass uns uns gemeinsam dem Nächtlichen zuwenden – die elementare Bedeutung dieser Aufforderung wird in den folgenden Seligpreisungen ausgeführt: Wer sein bewusstes Ich hinter sich lässt, also „wer in Träumen stirbt“ (V. 4), ist selig, verkündet der Sprecher.

Es folgen sechs Verse entsprechender Seligpreisungen, die den Bereich des Traumlebens umschreiben: „wen die Wolken wiegen“ (weiche w-Alliteration, V. 5), dazu passend das vom Mond gesungene Schlaflied (V. 6); dazu passend die Möglichkeit, im Traum zu fliegen – hier im kühnen personifizierten Bild „der Traum schwingt den Flügel“. Im folgenden konsekutiven Nebensatz (V. 9 f.) wird das Bild des Himmelsfluges (V. 7 f.) ausgeweitet: Sterne wie Blumen pflücken.

Abschließend folgen die dreifache Bitte an das geliebte Du, sich dem Traum-Flug hinzugeben (V. 11), und die Versicherung, es bald wieder zu wecken. Der Schluss wirkt ein bisschen sperrig: 1. Warum soll das so selig träumende Du bald geweckt werden? 2. Der Hinweis „ich … bin beglückt“ (V. 12) mit dem Fokus auf „ich“ lässt das Du außer Betracht. Beide Aspekte verlieren das Sperrige, wenn man das Wecken so versteht, dass Du und Ich dann in einer gemeinsamen Welt leben, so dass das Ich auch beglückt sein kann. Im Kontext des Märchens könnte der Prinz bei seiner letzten Äußerung daran denken, dass er dann ja das Myrtenfräulein leibhaftig sehen kann – das wäre eine plausible Begründung dafür, sie aus dem Traumflug zu wecken. Ohne den Märchenkontext behalten die beiden letzten Verse einen Impuls, der dem großen Flug-Traum-Wunsch entgegen steht.

Der Text wird ganz nächtlich-ruhig gesprochen, auch langsam und meditativ. Die vierhebigen Trochäen werden dadurch gebremst, dass sie im Kreuzreim verbunden sind, dass jeweils der erste Vers eine weibliche Kadenz aufweist, der zweite zwar eine männliche, aber ein Satzende markiert.

Die Reime passen vor allem im ersten Teil des Gedichts zueinander, weil dort ein Vers eine semantische Einheit ist (ab V. 9 nicht mehr): Brunnen rauschen / lass uns lauschen (V. 1/3); die Grille zirpt/wer in Träumen stirbt (V. 2/4 – wer auf das Zirpen lauscht, kann in Träumen sterben: Folge); die Wolken wiegen/fliegen (V. 5/7); der Mond singt/der Traum schwingt (V. 6/8: Erlebnisse in der Traum-Nacht). Die Wiederholungen (Hörst du, V. 1 f.; Stille, V. 3; Selig, V. 4 f. und V. 7) tragen ebenso wie das ausgebaute Bild vom Traumerleben (V. 5-10) zum Eindruck der friedlichen Ruhe bei, den das Gedicht verbreitet. Die Personifikationen von Wolken, Mond und Traum passen in die Traumwelt und ihr Erleben.

Wenn man das Gedicht ohne den Märchenkontext liest, verblassen Sprecher und Du zum lyrischen Ich und zur angesprochenen Person (bitte nicht: der Rezipient bzw. Leser!); Nacht und Traumwelt müssen dann aus sich so viel Zauber entlassen, dass die Seligpreisungen glaubhaft bleiben – das Aufwecken kann auf das morgendliche Wecken bezogen, das Gedicht also als „normales“ Schlaflied verstanden werden, welches den Charakter des Liebeslieds verloren hat.

Wenn man sieht, wie hilflos und dumm die Textbeschreibung im Klett-Link ist, wundert man sich über gar nichts mehr und fragt sich, warum Brentano überhaupt gedichtet hat – er hätte schließlich sagen bzw. den Prinzen sagen lassen können: ‚Ich habe positive Gefühle.’

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/frankfurter-anthologie/gedicht-interpretation-lesung-hoerst-du-wie-die-brunnen-rauschen-von-clemens-brentano-12081761.html

http://www.gedichteforen.de/index.php?page=Thread&postID=154712&highlight=brentano#post154712 (mit Diskussion)

http://www.hinzz.de/uni/Docs/Romantische%20Lyrik/Hoerst%20du%20wie%20die%20Brunnen%20rauschen%20Interpretation%20und%20Analyse.pdf (Stichworte)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_1_Horst_du__Brentano_.pdf (Gedichtvergleich mit Eichendorff: Zauberei der Nacht)

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/792/ (Lutz Görner)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/hoerst-du-wie-die-brunnen-rauschen.html (Fritz Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=DwKA-Yvq39I (Vortrag gut – Bilder sinnlos)

http://www.youtube.com/watch?v=DmYLt4ngpTA (aus einer Serie mit dem flötenden Onkel)

http://www.youtube.com/watch?v=NG1lugtVBao (Chor – vertont von M. Aschauer)

Sonstiges

http://anthrowiki.at/Clemens_Brentano (Biografie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Biographie (Biografie und Gedichte Brentanos)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

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