Brentano: Einsam will ich untergehn – Analyse

Einsam will ich untergehn…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1035

(http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=1044 späte Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Gedichte/Ausgew%C3%A4hlte+Gedichte/25.+August+1817

http://www.lutzgoerner.de/get/shows/129.pdf (mit biograf. Kontext, allerdings nicht richtig, vgl. http://www.in-output.de/AKE/akebrkon)

Entgegen Lutz Görners Darstellung legte Brentano im Februar 1817 die Generalbeichte ab; was geschah also am 25. August 1817? Ich habe es nicht herausfinden können – es ist anscheinend ein Datum aus Brentanos Kampf um den rechten Glauben und Luise Hensel, die fromme evangelische Pfarrerstochter.

„Luise Hensel weist Brentanos leidenschaftliche Liebe in die  Schranken seelischer Neigung zurück. Mitten in der Unruhe  der gottentfremdeten Welt will sie ganz bei ihrem himmlischen Vater aushalten, wie eine Tochter, die aus Liebe zu ihrem einsamen Vater jeder Heirat abgeschworen hat. Gütig, aber entschieden erklärt sie auf seinen Antrag, daß jeder Gedanke an eine Heirat vergeblich sei. Ein letzter Flammensturm durchbebt Brentanos Seele: ‚Du hast mir das Dach abgedeckt und  Türe und Fenster ausgehoben; Du hast mir den Mantel genommen, ja die Brust eingestoßen. . . . Weißt Du, was Du getan hast, als Du mein Herz von Gott annahmst? Du hast  eine Pflicht genommen, es zu heilen und zu heiligen. . . . Du  selbst hast es gefühlt und ausgesprochen, daß dieses Herz Dein  ist; Du weißt es, ich weiß es, Gott weiß es! Aber vergeblich muß ich nun schreien, das entsetzliche Wort . . . vergeblich  Fahr hin in Deiner Heiligkeit, Du Törin, Du Wahnsinnige,aber ich sage Dir hier in die Seele: Wenn Du vor den Herrn  kommst, wird er Dich fragen: ‚Wo hast Du das Herz dessen,  den ich Dir übergeben habe?’ und ich werde Dir nachschreien mein Vergeblich bis jenseits der Ewigkeit.’In diesen Stürmen und Kämpfen entstehen viele, und zwar die ergreifendsten von Brentanos Gedichten. In ihrem Schmerz und Zwiespalt haben sie die ursprüngliche einfache Melodik und Naturverbundenheit des Volksliedes gesprengt. Sie sind nicht mehr liedartig, sie sind thematisch aufgebaut. Das Allgemeine, Musikalische in ihnen ist bewußter, schmerzlicher, ringender. Aber wieder ist es eine Grundstimmung, ein schwerer, dunkler Strom nunmehr, aus dem die einzelnen Strophen und Bilder nur als Wellen aufrauschen. Wieder kann sich Brentano nicht im ideellen Nacheinander entwickeln, sondern im  musikalischen Nebeneinander. Wieder fließt ihm dabei die  Form ins Ungemessene. Wieder bedient er sich des Refrains  als Bindemittel, aber in selbständiger, mannigfaltiger Ausbildung. Im ‚Wiegenlied eines jammernden Herzens’ setzt jede Strophe ein mit dem schmerzlich beschwichtigenden Ausruf: ‚O schweig nur Herz!’ […]

Weit über den Refrain hinaus aber, musikalisch am tiefsten  durchgebildet in ihrem Bau sind die Gedichte ‚Einsam will  ich untergehn’, ‚Das Elend soll ich einsam bauen’ und ‚Nun  soll ich in die Fremde ziehen’, in denen die hilflose Verlassenheit des Liebenden aufklagt. […]

Die äußere Linienführung erinnert an die Form des Trioletts, aber dessen mozartischer Rokoko-Zierlichkeit tritt hier eine Beethovensche Schwere und Dunkelheit gegenüber.“ (Philipp Witkop: Die deutschen Lyriker von Luther bis Nietzsche, Bd. 2, 2. Aufl. 1921, S. 44 f.)

Unser Gedicht ist damit biografisch verortet. In Brentanos Gedicht geht es um das Licht des Sterns, den das lyrische Ich gesehen hat und den es nicht zu verlieren wünscht. Welches Licht, welcher Stern ihm aufgegangen ist, wird nicht gesagt – biografisch kann es nur das Licht des Glaubens in Form des katholischen Christentums sein, verbunden mit Maria Hensel als (Glaubens)Gefährtin. Wir müssen uns hier daran halten, was das Symbol allgemein bedeutet und wie das Ich von ihm spricht.

„Die Sterne sind Zeichen und Bringer des Lichts, Trostspender in dunkler Nacht, durchdringen sie doch die Dunkelheit und nehmen an dem beständigen Kampf zwischen Mächten des Lichts und der Finsternis teil. Sie bedeuten Hoffnung, denn sie leuchten im Dunkeln, sind die Augen der Nacht.“ (http://www.symbolonline.de/index.php?title=Stern) Der „Stern, den ich gesehn“ (V. 3 und jeder 3. Vers in allen Strophen) könnte ihm entrissen werden (1. Str.), könnte zum letzten Mal grüßen (2. Str.), könnte ihm das Geleit verweigern (3. Str.), könnte nicht mehr „auf mich niederschauen“ (4. Str.), usw. – es könnte ihn schuldhaft verlieren (8. Str.). Das wäre dann der Grund zu vollendeter Verzweiflung – das ist der Inhalt des Gedichts. Es spricht ein lyrisches Ich zu einem Du, wie sich erst ganz am Ende zeigt (V. 48). Dass das Ich so vielfach abgewandelt vom möglichen Verlust des Sterns spricht, verrät eine Unsicherheit, die schlecht zum Glück des Findens eines solchen Sterns passt.

Die Strophen des Gedichts ist sind nach einem Kettenschema gebaut, welches man am einfachsten an der 2. Strophe erklärt, weil dort die Verkettung beginnt : „Einsam will ich untergehn / Wie ein Pilger in der Wüste“ (V. 7 f.), sagt das Ich, womit es die beiden letzten Verse von Str. 1 aufgreift, wobei es nur drei Wörter umstellt. Die klagend-drohende Formel „Einsam will ich untergehn / Wie…“ findet sich in allen Str. 2-8, wobei nur der Vergleich wechselt. In V. 9 f. folgt ein Konditionalsatz vom möglichen Verlust des Sterns; dabei wechselt die Wortwahl von Strophe zu Strophe, aber nicht der Sinn des Konditionalsatzes. Dieser Nebensatz (der auch zum vorhergehenden Hauptsatz passte – die Sätze V. 7 f. und V. 11 f. unterscheiden sich ja auch kaum in ihrer Bedeutung) leitet den folgenden Hauptsatz ein, der wieder dem Hauptsatz von V. 5 f. gleicht, wobei allerdings der Vergleich nach dem „Wie“ wechselt – andernfalls könnte es ja keine neue Strophe geben, weil die neue Formulierung (V. 11 f.) wieder den Anfang der nächsten Strophe bildet (V. 13 f.). So wird das Prinzip der Verkettung gewahrt.

Es bleibt jetzt noch zu klären, wie dieses Prinzip am Anfang und am Ende aufgebrochen wird, ehe wir uns kurz den einzelnen Vergleichen zuwenden. In der 1. Strophe entfällt der erste Vergleich (V. 2), mit dem an eine vorgehende Strophe angeknüpft werden müsste – es gibt sie ja nicht. Stattdessen wird durch den neuen Satz „Keiner soll mein Leiden wissen“ (V. 2) das Satzadjektiv „Einsam“ (V. 1), vielleicht auch der ganze Satz (V. 1) paraphrasiert. Im Sprechen selber widerspricht sich das Ich, falls es sich an ein Du richtet (V. 48) – es sei denn, man fasse auch V. 48 monologisch auf und denke sich das Du nicht als Adressaten. In der letzten Strophe wird der Schlussvergleich so formuliert, dass eine Fortsetzung entfällt: „[untergehn] Wie mein Herz in deinem Herzen“ (V. 48). Damit bekommt der V. 48 eine Sonderstellung im Gedicht, das darin enthaltene Liebesbekenntnis wird aufs Äußerste überhöht. Auch dieses Bekenntnis (Stichwort „untergehn“) zeigt die gleiche Ambivalenz wie die Sorge, dass der überaus helle Stern verlorengehen könnte (V. 3 f. in jeder Strophe): Auch in der Liebe ist ein Untergang nicht gut, wenn das Ich-Herz dabei einsam bleibt, wird es auch nicht besser (V. 47 f.).

Die Bilder der Untergehenden (V. 2 der Strophen) sind nicht originell: ein Pilger in der Wüste, ein Bettler auf der Heide, der Tag im Abendgrauen, der Sklave an der Kette… Der Pilger und der Bettler stellen sich dumm an: Als Pilger soll man nicht allein durch die Wüste ziehen und als Bettler nicht in die Heide gehen – wer könnte einem dort etwas geben? Auch dass der Trost in stummen  Schmerzen untergeht (V. 44), leuchtet mir nicht ein; ich denke, hier hat das Schema oder die Notwendigkeit, passende Reimwörter zu finden (stumme Schmerzen / verscherzen), gesiegt.

Die Form der einzelnen Strophe ist recht einfach und auf das Kettenprinzip angelegt: vierhebige Trochäen mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz; dabei bilden die ersten vier Verse einen Kreuzreim. Die Wörter „untergehn, gesehn, untergehn“ stehen am Schluss jedes 1., 3. und 5. Verses; das Schlusswort von V. 6 bildet das Reimwort in V. 2 und 4 der nächsten Strophe. Nur in der letzten Strophe ist mit „Herzen“ (V. 48) ein Reimwort zu V. 44 und 46 gefunden worden, wobei ich den dadurch möglichen Vergleich V. 47 f. allerdings nicht für gut halte. Wegen der Starre des Strophenbaus und der Eigenart der Satzbildung (V. 7: Enjambement; V. 8/10: Vergleich/Verlust des Sterns) kann man nicht erwarten, dass die reimenden Verse in semantische Beziehungen gestellt würden.

Die beinahe gleiche Technik des Gedichtaufbaus finden wir auch in „Der Spinnerin Nachtlied“; sie wirkt hier auf mich allerdings schematisch – ich kann dem Gedicht nicht die gleiche Bedeutung wie Philipp Witkop (s.o.) zuerkennen, auch wenn es seinen Platz in Anthologien bis heute behauptet.

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (Biografie und Werk)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens (Biografie und Werk Brentanos)

http://www.schreiben10.com/referate/Biographien/11/Clemens-Brentano—Leben-und-Werk-reon.php (Biografie und Werk)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

Stern/Licht

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Stern (Stern, auch ein wenig spinnert)

http://www.elfenbeinturm.net/archiv/2003/09.html (christlich-jüdische Lichtmetaphorik)

http://www.lichtkreis.at/html/Wissenswelten/Symbolik_Talismane/bedeutung-symbol-stern.htm (esoterisch: Lichtkreis usw.)

http://www.architektur-und-freikirche.de/PDF-dateien/Licht%20und%20Finsternis%20in%20den%20Religionen%20der%20Welt.pdf (Licht)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Finsternis (Finsternis)

http://www.bistummainz.de/pfarreien/dekanat-bergstrasse-west/pg-vhm-aposteln-marien/Glaube/liturgieserie/licht.html (Licht)

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