Brentano: Sprich aus der Ferne – Analyse

Sprich aus der Ferne…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=983

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.eb&&ds=745&id=811&add=&start=0

http://herrlarbig.de/2010/09/24/gedichtinterpretation-clemens-brentano-sprich-aus-der-ferne/ (mit Interpretation)

https://robert-koch-gymnasium.de/_yac_data/2006-02/files/Brentano,_Sprich_aus_Musterloesung.pdf (dito)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/Roman/Godwi+oder+Das+steinerne+Bild+der+Mutter/Erster+Band/Fortsetzung+des+Tagebuchs (mit Kontext im Roman „Godwi“)

Im Roman „Godwi“ (1801) steht die Passage in einem Tagebuch, in dem Godwi von einer Entfremdung Otilies erzählt, die er durch seine rationalistische Erklärung dessen hervorgerufen hat, was für Otilie „stille Lichter“ sind. Sie geht neben ihm und singt das Lied „Sprich aus der Ferne…“ (dort vier Strophen). „So sang Tilie durch die Büsche, als bete sie. Der ganze Tempel der Nacht feierte über ihr, und ihre Töne, die in die dunkeln Büsche klangen, schienen sie mit goldnen, singenden Blüten zu überziehen. / Ich selbst war wunderbar gerührt und weinte fast, daß ich an der Seite dieses hellen freundlichen Bildes so trüb und verschoben dastehe.“

Alle Versuche, diesem Gedicht ein oder zwei feste Versmaße zuzuordnen, scheitern; es empfiehlt sich, den Link http://www.metricalizer.de/ heranzuziehen, dessen Diktum  lautet: „metrisch ungebunden“. Gleichwohl ist das Gedicht, genauer die vier großen Strophen in einem schwungvollen Rhythmus zu sprechen, wozu viele dreisilbige Takte (Daktylus, besser: Walzer) beitragen. Mit den großen Strophen kontrastieren die Refrains, die alle nur zwei Hebungen aufweisen (bei vier bis fünf Silben, gegen 9-11 Silben der langen Strophenverse, bei drei oder vier Hebungen – da kann man wunderbar streiten). In den Refrains kehrt im Sprechen die Ruhe ein, von der die heimliche Welt aus der Ferne „spricht“.

Das Gedicht beginnt mit einer Bitte bzw. der Anrufung der heimlichen Welt, die dem Ich sehr vertraut sei (V. 3 f.), und endet mit der gleichen Strophe. Wenn die 1. Strophe das Eingangsgebet darstellt, kann die letzte Strophe als Bitte um Fortsetzung der heiligen Kommunikation verstanden werden. Die Atmosphäre des Heiligen wird nicht nur im Kontext des Romans überdeutlich, sondern auch im Gedicht selber deutlich bezeugt: Heiliger Sinn (V. 10), Friede (V. 15), heiliges Grauen (V. 21), Allverbundenheit (V. 29 ff.). Das Gedicht gehört in den Kult der Natur, der literarisch seit dem Sturm und Drang betrieben wurde (u.a. Goethe; Ferdinand in Kabale und Liebe usw).

Der Aufbau der so umschlossenen sieben Strophen ist folgender: In den Wenn-Sätzen werden drei verschiedene Stufen bzw. Phasen der Nacht beschrieben: Die Sterne erscheinen im Dunkel (V. 5 ff.), der Mond geht auf (V. 13 f.), die Mitternacht ist mit ihrer Finsternis da (V. 21 ff.). Diesen (konditional wie auch temporal gemeinten) Wenn-Sätzen entsprechen drei (Dann)Hauptsätze: Dann kommt der heilige Sinn der Sterne (V. 9 ff.), dann kommt der himmlische Frieden (V. 15 f. – hier wird dann noch die Strophe V. 17-20 eingeschoben, wo der Austausch von Himmel und Erde mittels klingender Lieder beschrieben wird, also mittels Gedichten der Art Brentanos: das Zentrum des Gedichts), dann findet ein freundliches Spiel von Dunkel und Licht statt (V. 25 ff.). In der abschließenden siebten Strophe wird die Stunde und das Fest der Erlösung gefeiert, das bereits in den (Dann)Hauptsätzen umschrieben war: Alles ist miteinander verbunden und „ewig im Innern verwandt“ (V. 32).

Ich möchte noch einige schwierige Stellen klären: Die Nacht flicht die Kränze der Funken (die Sterne) um ihre eigene schattige Stirn (V. 7 f. – wie man hier wie Meyer-Sickendiek ans lyrische Ich denken kann, ist mir ein Rätsel). Die Tränen des Mondes lösen verborgenes Weh (V. 14): Das muss das Weh aller sein, sonst käme nicht die Allverbundenheit zustande (V. 29 ff.). Die Mitternacht mit ihrem Dunkel ist der notwendige Gegenpol der Sterne: Ohne das Zusammenspiel von Dunkel und Licht kein freundliches Spiel (V. 25 f.). Den schwierigen Satzbau V. 27 f. möchte ich so auflösen: Die Lichter (Subjekt) funkeln das Ziel (Objekt), sie bilden das Ziel der Sehnsucht. Auf die Sonderstellung der Strophe V. 17-20 hatte ich bereits hingewiesen: Dies ist auch die einzige Stelle, wo in der Stille der Nacht Laute erklingen (Lieder: gesungene Gedichte); denn der heilige Sinn der Sterne kommt tonlos angeweht (V. 9 ff.), ebenso der nächtliche Friede, und auch das Spiel von Dunkel und Licht ist still (V. 25 ff.).

Das Ich spricht in einer gehobenen Tonlage (Sprachebene); es gebraucht Personifikationen (sprechende Welt und Farbe, die Nacht flicht Kränze, Tränen des Mondes usw.), es beschreibt die Welt synästhetisch (freudige Farbe spricht, glänzende Lieder u.a.). Diese sprachliche Seite des Gedichts ist überaus wichtig. Die Alliterationen nenne ich nur (s-, V. 3; f-, V. 6; sch-, V. 8; t-, V. 30), Assonanzen übergehe ich. Ich spreche exemplarisch noch von der Semantik der Reime, die die Allverbundenheit symbolisch repräsentiert: aus der Ferne / zu mir gerne (V. 1/3); heimliche Welt / zu mir gesellt (V. 2/4); Abendrot niedergesunken / Kränze aus Funken (V. 5/7: Folge, Kontrast); keine Farbe spricht  /Kranz aus Licht flicht (V. 6/8, wie V. 5/7); usw.

Wenn man das Gedicht verstanden hat und um es noch besser zu verstehen, sollte man es ganz oft sprechen – im Sprechen den Rhythmus finden und sich dem Spiel der Worte und Bilder hingeben. Danach kann man sagen: Aha, so funktioniert die romantische Mystik der Nacht. „Auch das Motiv der Nacht war in der Romantik beliebt, verkörperte es doch die von den Romantikern propagierte Verschmelzung von Sinneseindrücken besonders gut, siehe z.B. das berühmte Gedicht Mondnacht von Eichendorff oder das Gedicht Ritt im Mondschein von Achim von Arnim, wo sich das Motiv der Nacht außerdem passenderweise mit dem der Liebe verbindet. In diesen Motivkreis gehören auch die Motive der Verbundenheit mit der Natur (allerdings in idealisierter Form), vgl. das Gedicht Nacht und Winter von Adelbert von Chamisso, in dem das Ich seine Stimmungen in der Natur gespiegelt sieht.“ (Wikipedia: Romantik) Brentano geht hier noch einen Schritt weiter als seine genannten Kollegen, denke ich; falls man diesen Schritt nicht nur ästhetisch tut, landet man im Sumpf der Esoteriker.

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/files/554/Fruehromantik_STUB.pdf (zum Godwi-Roman)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=NBgHjbxiFUY (Will Quadflieg)

https://www.youtube.com/watch?v=zgI5f1IjKyM (moderne Version: rap)

https://www.youtube.com/watch?v=yrcRAD5ztP0 (nur Musik)

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (Biografie und Werk)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens (Biografie und Werk Brentanos)

http://www.schreiben10.com/referate/Biographien/11/Clemens-Brentano—Leben-und-Werk-reon.php (Biografie und Werk)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

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