Brentano: Wenn der lahme Weber träumt, er webe – Analyse

Wenn der lahme Weber träumt, er webe…

Text

http://gedichte.xbib.de/Brentano_gedicht_Wenn+der+lahme+Weber+tr%E4umt,+er+webe….htm

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=980

Das Gedicht steht in einem Beziehungsgeflecht vieler Texte und ist deshalb nicht leicht angemessen zu verstehen: Erstens steht es in Brentanos Märchen „Gockel, Hinkel und Gackeleia“, im 36. Kapitel. Dort singt es die verrückte Klareta; die Ich-Erzählerin hört ihr nicht richtig zu. Klareta weigert sich darauf, süße Früchte zu essen; dazu zitiert sie die beiden letzten Verse des Gedichts. Schließlich ist sie doch bereit, „mir zum Opfer“ ein paar Früchte zu essen. Die Frage ergibt sich, ob das Gedicht nur aus dem Kontext des Märchens verstanden werden kann oder nicht.

Das Motiv vom lahmen Weber, der träumt, beherrscht in seinen Variationen das Gedicht. Es greift die Antwort Jesu auf die Frage des Täufers auf, ob jener der erwartete Messias sei. Jesus antwortet mit einer Abwandlung der Heilsverheißung aus Jes 35,1 ff.: „Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Mt. 11,5)

In der Reihe der Motive folgt als drittes das von der stummen Nachtigall, die träumt, „sie singe, / Daß das Herz des Widerhalls zerspringe“ (V. 3 f.). Damit wird ein Gedicht Friedrich Spees berührt, das 1649 veröffentlicht wurde: Das 4. Gedicht seiner Sammlung „Trutznachtigall“, „Die gesponß Jesu seufftzet nach jhrem Bräutigam…“, ab der 6. Strophe. Dass hier auch noch andere romantische Texte berührt werden, zeigt Gerhart von Graevenitz. Graevenitz, Jaeger und Gerhard Kaiser (Augenblicke deutscher Lyrik. Insel 1987, S. 235 ff.) gehen u.a. den zahlreichen Textverflechtungen nach; das können wir hier nicht im gleichen Umfang leisten, wir müssen uns aufs Elementare beschränken.

Elementar ist also die poetische Fiktion eines Zeitalters der umfassenden Erlösung, das im ersten Wenn-Satz beschworen wird: „Wenn der lahme Weber träumt, er webe“ (V. 1). Wenn man verstehen will, warum ein Lahmer offenbar nicht weben kann, muss man ein Bild vom Weben und vom Webstuhl haben: Die beiden Teile der Kette werden abwechselnd gehoben bzw. gesenkt, was der Weber mit seinen Beinen besorgte (http://www.zeno.org/Meyers-1905/B/Weben). Kann er das nicht mehr, dann ist er eben kein Weber, sondern ein Krüppel – ihm bleibt nur der Traum davon, wieder weben zu können und so ganz zu sein. Vom Träumen singt die Sprecherin im Wenn-Modus und eröffnet so „das Bild einer zu ihrem Heil verkehrten Welt, des Paradieses“ (G. Kaiser, S. 256).

An diesen einleitenden Vers schließen sich 9 Verse an – wer spricht, wird nicht gesagt – bei denen nicht klar ist, ob es sich um Fortsetzungen des Wenn-Satzes oder um korrespondierende [Dann-]Sätze handelt. Wegen des Aufbaus des Gedichts halte ich es für ziemlich sicher, dass ab V. 2 die Hauptsätze auf den Wenn-Satz folgen.

Aufbau: Das Gedicht „unterteilt sich in drei Teile: erstens in einen Traum (1-10), bestehend aus der Darstellung von acht Impossibilia, zweitens in die den Traum zerstörende Wahrheit (11-16) und drittens in eine Schlussfolgerung bzw. Warnung (17/18)“. Die acht Träume sind von einem in der Wirklichkeit nicht heilbaren Mangel bzw. nicht zu erfüllenden Wunsch des Traumsubjekts geprägt. (…) Ab dem vierten Traum wird der Bezug zwischen Traumsubjekt und Mangel unbestimmter. (…) Mögliche Identitäten, Träume und Realitäten sind in einem dichten Netz von Reimen und Klängen versponnen, so daß sie nicht mehr identifiziert werden können.“ (S. Jaeger, S. 120 f.) Ich möchte noch auf die schüttelreimartigen Wortspiele am Ende der Verse 5 f., 7 f. und 9 f. hinweisen, ohne dass ich damit behaupten will, hier werde nur ein Jux getrieben.

Kaiser sieht es als bedeutsam an, dass die utopischen Wenn-Träume alle vom Traum des Webers abhängig sind. Er verweist auf ein Klagelied des Königs Hiskija, in dem dieser ausruft: „Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben, / du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch.“ (Jes 38,12 – Einheitsübersetzung). Dort erscheint GOTT in der Rolle des Webers (vgl. den Erdgeist in „Faust“), wodurch über Gewebe/Textil/Text ein poetologischer Sinn des Gedichts erschlossen wird: Das Traumgedicht sei ein „Gedicht vom Dichter, der von einem Text träumt, der alle seine Figuren den Traum vom vollkommenen Leben träumen läßt“ (S. 258); der Dichter ist jedoch lahm, wie alle nach Adam Geborenen. „Beginnt der Dichtertraum, dann hört de Dichter auf, eindeutig Subjekt des Traums zu sein. Er geht in den Traum des Textes mit ein.“ (S. 258 f.)

In V. 11 bricht das Gedicht dann um, und zwar so heftig, dass sogar das Reimschema gestört wird (Paarreim -> umfassender Reim, V. 11-14): Die Wahrheit rennt den Traum über den Haufen; „Wahrheit“ steht hier für Aufklärung und Licht, „Traum“ für Dunkel und Nacht (Romantik/Religion). „Hier zerbricht die Möglichkeit einer eindeutigen, linearen Taum-Wahrheit-Zuordnung endgültig.“ (Jaeger, S. 121) Die Wahrheit erzeugt ein Klangspektakel, „einen Rausch der Töne, Synästhesien und Reime, gipfeln im Binnen-Endreim:

Horch! Die Fackel lacht, horch! Schmerz-Schalmeien

Der erwachten Nacht ins Herz all schreien. (V. 15 f.)“ (S. 121 f.)

Jaeger sieht hier nach V. 3 f. einen zweiten Bezug auf Spees Nachtigall, „Nacht – all“ (V. 16, mit fehlendem g), V. 15 f. sei der Echoreim  zu V. 3 f. (S. 122 f.).

Die Wahrheit ist tödlich für die armen Herzen, die von Heilung und süßen Wundern träumen. So bleibt zum Schluss der Wehruf: „Weh, ohn Opfer…“ (V. 17 f.) – nur der Opfertod Jesu mit seinen Heils-Aussichten könne die armen Herzen retten. „Die Stimme, die da spricht, (…) läßt das Gedicht samt Wahrheitseinbruch und Heilszeugnis in den Heilstraum des lahmen Webers zurückmünden…“ (Kaiser, S. 263) So behaupte das Gedicht sich in der Selbstaufhebung (G. Kaiser).

Fazit: Ich habe mich an drei Interpretationen angelehnt – vielleicht muss man jedoch eine eigene Interpretation anfertigen, damit alles zueinander passt. Jedenfalls kommt eine Interpretation nicht ohne viel Fantasie aus; vielleicht muss man auch der Sängerin, der verrückten Klareta, einiges zugute halten… und dem Ort „Märchen“ als Heimatgrund des Gedichts? Ich bin sehr unsicher, das Gedicht führt mich heftig an meine Grenzen.

Analysen

http://edoc.hu-berlin.de/hostings/athenaeum/documents/athenaeum/2000-10/jaeger-stephan-109/PDF/jaeger.pdf (Stephan Jaeger, dort v.a. S. 119 ff.)

https://kops.ub.uni-konstanz.de/xmlui/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-47609/Contextio_und_conjointure.pdf?sequence=1 (Gerhart von Graevenitz, dort v.a. S. 249 ff.)

Textgeflecht

http://gutenberg.spiegel.de/buch/359/1 (Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia, 1838)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens/M%C3%A4rchen-Sammlung/Italienische+M%C3%A4rchen/Das+M%C3%A4rchen+von+Gockel+und+Hinkel (dito)

http://www.hs-augsburg.de/~%20harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Brentano/bre_go00.html (dito)

http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/mt11.html (Matthäus 11,2-6: Die Frage des Täufers, Bezugstext Jesaja 35,1 ff: http://www.bibleserver.com/text/EU/Jesaja35,1)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Spee,+Friedrich/Gedichte/Trutznachtigall (Friedrich Spee, 1591-1635: Trutznachtigall, v.a. das 4., aber auch das 5. Gedicht)

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz60807.html (Biografie und Werk)

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano (Biografie)

http://fxneumann.de/thalion/brentano/ (Biografie)

http://www.in-output.de/AKE/akebrentano.html (Biografie)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Brentano,+Clemens (Biografie und Werk Brentanos)

http://www.schreiben10.com/referate/Biographien/11/Clemens-Brentano—Leben-und-Werk-reon.php (Biografie und Werk)

http://gutenberg.spiegel.de/autor/75 (Werke Brentanos)

https://www.youtube.com/watch?v=6sTiem_tzJk (Lutz Görner: Brentano)

https://www.youtube.com/watch?v=hpIXaAOzbYI (Görner: Fortsetzung)

https://www.youtube.com/watch?v=hBQhc5tD9Lc (Görner: Schluss)

https://openlibrary.org/books/OL23336096M/Untersuchung_des_M%C3%A4rchens_Gockel_Hinkel_und_Gackeleia_und_des_Tagebuchs_der_Ahnfrau_von_Clemens_Bren (Wilhelm Schellberg: Untersuchung des Märchens, Diss. 1903)

http://norberto42-2.blog.de/2005/06/20/weben_als_metapher_1/ (Metapher „weben“)

Heidi Gidion: Phantastische Nächte. Traumerfahrungen in Poesie und Prosa, 2006, S. 59 f. Gidion trägt wenig zum Verständnis des Gedichtes bei, stellt es jedoch in einen großen thematischen Zusammenhang. – Im Anschluss an Jes 38,12 werde spekuliert, referiert sie, „dass der Mensch es ja wohl allenfalls zum lahmen Weber bringen könne – zu einem, der Träume erzählt, einem Dichter. Dieser Spekulation gemäß ginge es im Gedicht um einen Dichter, der von einem Text träumt, der alle seine Figuren den Traum von einem unbeschädigten Leben träumen ließe“ (S. 59).

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