Kaléko: Interview mit mir selbst – Analyse

Ich bin vor nicht zu langer Zeit geboren…

Text

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/interview-mit-mir-selbst-1586 (mit Vortrag)

http://www.salbader.de/heft/nummer19/016.html (mit Bildern)

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/227-mascha-kaleko-gedichte-aus-dem-exil.html (dort als Nr. 4 die überarbeitete Fassung und als Nr. 5 das „Post Scriptum“: Anno Fünfundvierzig)

Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe – wenn man solche schwerblütigen Gedichte noch im Ohr hat, weiß man sich des leichten Tons der Kaléko recht zu freuen. Unter dem Titel „Interview mit mir selbst“ (eine paradoxe Konstruktion: Sie kennt doch bereits die Antworten auf ihre eigenen Fragen!) kommentiert sie einige Stationen ihres bisherigen Lebenslaufs in der Ich-Form – sie „antwortet“ ja im Interview. Geburt und Heimatort (Str. 1), Kindheit (Str. 2), Schulzeit (Str. 3-5), Beruf (Str. 6), Freizeit (Str. 7), das sind die Punkte, zu denen sie sich distanziert äußert; zur Frage nach dem Geburtsdatum sagt sie eigentlich nichts, diese Frage (und damit das „Interview“) wird mit einer nichts sagenden Floskel abgetan.

Es ist die Distanz der erwachsenen Frau zu dem, was an Vorgaben auf sie zugekommen ist: Das Städtchen war „klatschbeflissen“ (V. 2; Neologismus, negativ – aber normal für Dörfer und Städtchen), hatte ein große Irrenanstalt (V. 4; negativ – weil es sonst kaum etwas hatte); in der 2. Str. meine ich in der ironischen Formulierung „kein einwandfreies Mutterglück“ (V. 6) eine Distanz zur Distanz zu spüren: Wer will schon einwandfreies Mutterglück gewesen sein und nie das wichtige „Nein!“ gesagt haben? V. 8 ist wieder paradox. Die Distanz zu dem, was sie in der Schule gelernt hat, zeigt sich in der korrigierten falschen Auffassung von Krieg und Frieden (V. 11 f.); auch in der Oberschule hat sie nicht gelernt, wie es in Wirklichkeit zugeht: „Abbau“ meinte Abbau der Arbeitnehmerrechte, Abbau der Sozialausgaben, Abbau der Steuerermäßigungen für Tabak und Zigaretten… (Suchwort „Abbau 1920“) – von der realen Verschlechterung der Lage der Menschen hat sie in der Oberschule nichts gehört (V. 16). Stattdessen wurden zur Schulentlassung die üblichen erbaulichen Reden geschwungen (5. Str.); mit dem Zeugma „ins Leben treten / ins Büro treten“ (. 19 f.) wird das Pathos der Abschlussrede entlarvt.

In den beiden letzten Strophen geht es um das gegenwärtige Leben des Ichs: Da wird die schlechte Bezahlung kritisiert (offen, V. 21 f.); dass die Entlohnung zu gering ist, wird indirekt auch durch einen raffinierten Zeilenschnitt (Enjambement) in V. 25 f. deutlich gemacht: reisen / (aber nur) per Bleistift auf der Landkarte. Der nächste Zeilenschnitt V. 27 f. trennt das Warten vom sogenannten Glück – das ist Persiflage „normaler“ Erwartungen, eine so reflektierte Autorin wartet sicher als Person nicht auf „das sogenannte Glück“; schon im Attribut „sogenannt“ hat sie sich von dieser Erwartung distanziert. Bereits in V. 17 f. haben wir einen ähnlichen Zeilenschnitt: Hinter den Nöten müsste der Mangel an Lebensmitteln und Berufsarbeit genannt werden; aber in der Schule werden nur die alten „Nöte der Jugend“ (Unreife, vermutlich sexuelle Probleme…) genannt. Auch die Parenthese V. 24 ist wohl nicht wörtlich zunehmen, sondern als Reaktion eines „normalen“ Vaters auf die literarische Produktion seiner Tochter zu nehmen; die Parenthese erinnert mich stilistisch an Kästner.

Die Beschreibung des Lebenslaufs wird von Kaléko zur Kritik an solchen Interviews, zur Kritik am normalen Schulbetrieb und vor allem der Sozialpolitik der 20er Jahre genutzt. Die Sprache ist einfach, gehoben nur in Zitaten (V. 18 f.). Es gelingt der Kaléko mühelos, den fünfhebigen Jambus durchzuhalten; die Reimform wechselt zwischen Kreuz- und umfassendem Reim, was ohne tiefere Bedeutung ist. Die auffallenden Enjambements sind bereits genannt; hinzu kommt noch das in V. 3 f. (Kritik am Niveau des Städtchens). Die Form des Gedichts ist gefällig, der Ton locker und kritisch – damit könnte man im Kabarett auftreten. Auch die Reime sind ohne tiefere Bedeutung, so passen sie recht zum Gedicht der Mascha Kaléko.

Es gibt eine überarbeitete Fassung des Gedichts mit dem Untertitel „Anno Zwounddreißig“ und vier Textänderungen (V. 1: „als Emigrantenkind“ – damit bereitet sie das „Post Scriptum“ und die Bezeichnung ihres Sohnes als Emigrantenkind vor). In V. 9 wird jetzt der erste Weltkrieg genannt – man müsste also einen zweiten kennen; die Veränderung in V. 11 (zwölf -> sechs) qualifiziert diesen Glauben vielleicht als Kinderglauben, als naiv. In V. 16 wird der Anfang antinazistisch verändert: „Ein Volk ‚Die Arier’ ham wir nicht gehabt.“ Damit trägt sie den Veränderung der Zeit Rechnung, die Nachkriegsnot scheint vergessen zu sein, bedrohlich ist jetzt (wann genau?) der Arier-Mythos. In der letzten Strophe scheinen einige Zeichen verändert worden zu sein. Über das genaue Datum der ersten Fassung und der Überarbeitung weiß ich leider nichts. Das „Post Scriptum“ mit dem Untertitel „Anno Fünfundvierzig“ gehört als „Fortsetzung“ ebenfalls zur Überarbeitung; die Pointe finde ich in V. 14: „Wenn ich mir das Dacapo so betrachte…“, was dann in V. 15 f. parallel V. 11 f. der ersten Fassung durchgespielt wird; vielleicht erklärt sich daraus auch die Veränderung in V. 13 (zwölf –> sechs, s.o.).

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=U2GQkiDX7_k (schülerhaft)

https://www.youtube.com/watch?v=BuegS2sRn9M (Der Film trägt nichts zum Verständnis des Gedichts bei: der gängige „produktive“ Quatsch!)

Eine Reihe von Gedichten hat Lutz Görner vorgetragen (http://www.rezitator.de/gdt/autor/), rund 80 Beiträge gibt es bei youtube.

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz39587.html (Biografie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_Kal%C3%A9ko (dito)

http://www.berlin-judentum.de/frauen/kaleko-1.htm (über M.K.)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten-1/die-lyrikerin-mascha-kaleko-zur-heimat-erkor-sie-sich-die-liebe-1436028.html (Würdigung)

http://www.kaleko.ch/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1 (M.K.-Seite: http://www.maschakaleko.com/, mit 14 Gedichten)

http://www.literaturcafe.de/html/kaleko/index/ophp/ (zehn Gedichte als podcast)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/bescheidene-anfrage-1585 (sieben Gedichte, von M.K gelesen)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kaleko.html (33 Gedichte)

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/228-mascha-kaleko-lyrik-aus-den-30er-jahren-und-spaeter.html (einige Gedichte)

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/227-mascha-kaleko-gedichte-aus-dem-exil.html (dito)

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