Kaléko: Rezept – Analyse

Jage die Ängste fort…

Text

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/566608/Mascha-Kaleko-Rezept

http://www.deutschelyrik.de/index.php/rezept.html

Mit „Rezept“ hat Mascha Kaléko eine saloppe Überschrift gewählt; es geht ihr um elementare Lebensweisheit, um kluge Lebensführung, wo man mit einem simplen Rezept nicht weiterkommt. Oder legt die Sprecherfigur, die als Ratgeber ein Du, prinzipiell jedes Du anspricht, doch nahe, dass es fürs richtige Leben ein Rezept gebe? Jedenfalls muss, wer so kluge Ratschläge erteilt, sich streng prüfen lassen: ob das alles denn auch Hand und Fuß hat.

„Jage die Ängste fort / Und die Angst vor den Ängsten.“ (V. 1 f.) Dieser Ratschlag (Imperativ) ist so elementar, dass er zum Schluss wiederholt wird (V. 35 f.) und damit den Rahmen für die übrigen Ratschläge bildet. Dieses elementare Wort klingt klug, ist es aber nicht: „Jage … die Angst vor den Ängsten [fort]“ heißt ja: „Lasse die Ängste zu!“ Das widerspricht aber dem ersten Imperativ „Jage die Ängste fort!“ Zweitens ist dieser erste Rat naiv: Angst kann man nicht fortjagen. Drittens ergibt sich aus der Begründung in V. 3 f., dass etwas anderes gemeint ist: „Sorge dich nicht“! Damit steht das Gedicht in einer langen Tradition der Ratgeber- oder Weisheitsliteratur, deren markantester Vertreter in unserer Kultur Jesus mit den Sprüchen aus der Bergpredigt ist: „Sorget euch nicht um euer Leben…“ (Mt 6,25 ff.). Solche Weisheiten verkaufen sich wie frische Semmeln und werden entsprechend verkündet, trivialisiert und parodiert, zum Beispiel:

* http://www.predigtpreis.de/predigtdatenbank/predigt/article/predigt-ueber-matthaeus-625-34-4.html (Predigt zu Mt. 6,25 ff.)

* Albrecht Goes: „Nehmen, neben“ http://www.zeit.de/1950/48/geben-nehmen

* http://www.reiki-online.de/Default.aspx?tabid=53 (Reiki Philosophie)

* http://www.youtube.com/watch?v=u7ScXMBQXS0 (Sorge dich nicht, Lied der Wise Guys)

* https://de.wikipedia.org/wiki/Dale_Carnegie (zu Dale Carnegie und seinem Buch „Sorge dich nicht, lebe“), mit tausend Fortsetzungen anstelle von „lebe“: fliege, reise, beame, diene, klebe, liebe, telefoniere, lerne…

* http://www.lyrikwelt.de/gedichte/gernhardtg5.htm (R. Gernhardt: Sorge dich nicht, borge)

* http://pigmalion.blog.de/2013/12/21/sorge-sterbe-anti-ratgeber-17445003/ (Anti-Ratgeber)

Was einen wahren Kern hat: ‚Normalerweise reicht zum Leben das, was du hast, sorge dich also nicht’ – das wird tausendfach variiert, von der Bibel über „Faust“ bis zu Robert Gernhardt.

In der 2. Strophe wird der gleiche Gedanke abgewandelt zur Haltung der Abschiedlichkeit, wie Wilhelm Weischedel sie als die dem Philosophen gemäße Haltung skizziert hat: „Lebe auf Zeit… Und halte den Koffer bereit.“ (V. 9 ff.) Auch das kann man schon in der stoischen Philosophie der Antike lesen (Epiktet: Der Ruf des Steuermanns).

In der 3. Strophe wird Ergebenheit ins Schicksal gepredigt – einerseits große Weisheit, anderseits oberflächliche kölsche Philosophie: „Et kütt, wie et kütt.“ Ohne weitere Erklärungen ist das eine Plattitude, welche Mascha Kaléko selber natürlich nicht befolgt hat: Sie ist emigriert, statt dem Leiden in Deutschland still ins Gesicht zu sehen.

Die 4. und die 5. Strophe gehören zusammen: Erwarte nichts (V. 19), aber lebe freundlich und normal in der Nachbarschaft (V. 25 ff.). Die Fortsetzung „hüte besorgt dein Geheimnis“ (V. 20) passt nicht zu V. 1 und auch nicht zu V. 31 f.; dass der eigene Bruder ein potenzieller Verräter ist, passt eher zu Brechts Gedicht „Verwisch die Spuren“ und dem Gedanken des Untergrundkampfs als zum sorg-losen Leben, nicht aber zum normalen Leben unter Nachbarn (5. Str.). In der 5. Strophe taucht ein neuer Gedanke wie ein Fremdkörper auf: „Die Wunde in dir halte wach / Unter dem Dach im Einstweilen.“ (V. 29 f.) Damit wird dem heimelig-heimatlichen Verständnis der 5. Strophe widersprochen und der Aspekt der Abschiedlichkeit (2. Str.) erneut aufgegriffen: Welche Wunde ist da in dir, von der bisher noch nicht die Rede war? Woher stammt sie? Da jedes Attribut fehlt, bleibt „die Wunde“ unbestimmt – der Spekulation stehen die Türen offen.

Die letzte Strophe bringt eine Überraschung mit sich: „Zerreiß dein Pläne.“ (V. 31) das passt zum Leben ohne Sorge um morgen und zur Haltung der Abschiedlichkeit. „Sei klug / Und halte dich an Wunder.“ (V. 31 f.) Das ist allerdings nicht nur überraschend, sondern auch in sich widersprüchlich: Mit Wundern zu rechnen ist nicht klug. Auch die Begründung des Sprechers hilft da nicht weiter: „Sie sind schon lang verzeichnet / Im grossen Plan.“ (V. 33 f.) Der große Plan, den kennen nur Eingeweihte, Spinner und Gläubige; bisher haben sich die großen Pläne regelmäßig als falsch erwiesen ist. Und außerdem – wenn man sich ans Wunder hält, wozu soll man dann sein Geheimnis besorgt hüten? Ich kann mir nicht helfen – Mascha Kaléko hat sich mit diesem Gedicht intellektuell übernommen, wenn man auch in der warmen Soße des großen Vertrauens sich wohlfühlen kann. Da liest man besser hier oder hier Epiktet: Handbüchlein der Moral; das ist wenigstens durchdacht, wenn vielleicht auch nicht das einzig „Wahre“.

Die Sprache des Gedichts ist einfach, gehobene Umgangssprache; die sechs Strophen weisen weder Metrum noch Reim auf, sie leben vom Zeilenschnitt – kleine semantische Einheiten oder Sätze machen einen Vers aus. Jeder Vers weist zwei oder drei Hebungen auf; der Stil erinnert an Brecht (Gedanken über die Dauer des Exils; Aus einem Lesebuch für Städtebewohner; u.ä.).

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=EzP_Z4pNJFk (Sprecherin)

Eine Reihe von Gedichten hat Lutz Görner vorgetragen (http://www.rezitator.de/gdt/autor/), rund 80 Beiträge gibt es bei youtube.

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz39587.html (Biografie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_Kal%C3%A9ko (dito)

http://www.berlin-judentum.de/frauen/kaleko-1.htm (über M.K.)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten-1/die-lyrikerin-mascha-kaleko-zur-heimat-erkor-sie-sich-die-liebe-1436028.html (Würdigung)

https://www.youtube.com/watch?v=dWm6E3eKTOM (Biografie, mit Gedichten)

https://www.youtube.com/watch?v=7hR4AHguHVo (dito, Teil 2)

http://www.kaleko.ch/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1 (M.K.-Seite: http://www.maschakaleko.com/, mit 14 Gedichten)

http://www.literaturcafe.de/html/kaleko/index/ophp/ (zehn Gedichte als podcast)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/bescheidene-anfrage-1585 (sieben Gedichte, von M.K gelesen)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kaleko.html (33 Gedichte)

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/228-mascha-kaleko-lyrik-aus-den-30er-jahren-und-spaeter.html (einige Gedichte)

http://www.liberley.it/k/kaleko.htm (dito)

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/227-mascha-kaleko-gedichte-aus-dem-exil.html (dito)

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