Kaléko: Ohne Überschrift … – Analyse

Komm, laß die Tür mich leise nach dir schließen…

Text

http://www.deutschelyrik.de/index.php/ohne-ueberschrift.html

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/ohne-ueberschrift-1581 (mit Vortrag)

Die Autorin verweigert uns mit der Überschrift einen Hinweis darauf, worum es im Gedicht geht. Gibt es dafür einen Grund?

Es spricht ein lyrisches Ich zu einem Du, das offenbar gerade nach Hause gekommen ist, am Ende eines Arbeitstages (V. 1 f.). Da das angesprochene Du aber nie antwortet, muss man die Äußerung als inneren Monolog des Ichs verstehen – was aber auch nicht immer Sinn ergibt: ‚Komm rein.’ „Wir sind zu zwein. Was kann uns schon geschehn?“ (V. 1-4) Die Frage in V. 4 bezieht sich darauf, dass der Tag schwer war (V. 2) und dass es regnet (V. 3) – aber „Wir sind zu zwein…“ Damit wird eine idyllische Liebessituation beschworen, zumindest Geborgenheit gegenüber dem feindlichen Draußen. Mit der Aufforderung „Laß andre schwärmen…“ wird die Äußerung im Sinn von V. 4 fortgesetzt (V. 5 f.): Licht der Lampe (drinnen) vs. Glanz der Sterne (draußen), das kleine Glück dominiert.

Gesprochen wird die Umgangssprache, wie die Elisionen „laß“ (V. 1) und „geschehn“ (V. 4) bezeugen. Ansonsten fünfhebiger Jambus, Wechsel der Kadenzen mit Kreuzreim, was zu einer Zweiteilung der vier Verse führt; die Reime sind sinnvoll: Tür schließen / draußen Regen fließen; schwerer Tag draußen stehn / Was kann uns (drinnen) schon geschehn?

In V. 7 stellt das Ich unvermittelt (Gedankenstrich, V. 7) eine Grundsatzfrage, als ob es einen alten Streitpunkt zwischen den beiden hervorkramte, ohne dass es dafür einen ersichtlichen Grund gibt: „Glaubst du es endlich…?“ Diese Frage wäre sinnvoll, wenn die beiden eine Situation der Ferne erlebt hätten – wobei „Ferne“ (V. 7) im Sinn der romantischen Ferne als großes fernes, endlich erreichtes Ziel zu verstehen wäre. Dass keine Ferne Versprochenes hält, könnte also der Taugenichts bestätigen, als er wieder aus Rom in die Heimat aufbricht – das arme Du ist mit dieser rechthaberischen Frage hier völlig überfordert.

Es wird ihm auch nicht Gelegenheit gegeben, sich zu dieser Frage zu äußern. Als ob es selbstverständlich recht hätte, setzt das lyrische Ich fort: „Tat dir das weh?“ (V. 9) Das unbestimmte „das“ muss die Einsicht sein, dass keine Ferne Versprochenes hält. „Natürlich tat das weh“, müsste das Du antworten, jede Enttäuschung schmerzt. Doch das Ich fragt sinnend weiter: „Hat uns der Herbst verändert?“ (V. 9) Hiermit wechselt es den metaphorisch bedachten Bereich vom Raum (Nähe/Ferne) zur Jahreszeit (Frühling/Herbst), wobei Herbst für Altern und Vergehen steht; das wird mit dem Bild vom Welken der Träume (V. 10) aufgegriffen, allerdings abgewandelt in die allgemeine Weisheit der Veränderung „mit der Zeit“ (V. 10). Gegen „Träume“ wird die Wirklichkeit gesetzt (V. 11), statt vom Herbst ist nun vom „Schlendern“ durch die Jahre die Rede – das Bild „schlendern“ passt nicht zum Vorgang der Enttäuschung, es setzt größere Leichtigkeit des Gehens voraus. Trotz der drei Fragen hat das Ich keine Antwort abgewartet, sondern im altersweisen Rückblick (V. 7-12) erklärt, wieso unsere Träume mit der Zeit welken. Mit der Ausgangssituation im Jetzt (V. 1-6) hat dieser Rückblick nichts zu tun.

In diese Situation blickt das Ich nun erneut (V. 13 ff.) und beschreibt, was man hört, „wenn wir schweigen“ (V. 13). Dann wendet es sich mit einem (unausgesprochenen!) Wunsch an das Du: nicht herumlaufen, mich allein lassen – Widerspruch zu V. 4!, und einer irrealen Erwartung (Konjunktiv II) an sich selbst: „Wenn sich die Zwei in mir nicht wieder stritten…“ (V. 23). Dabei führt es die aus dem „Faust“ bekannten zwei Seelen in der eigenen Brust (!) als Quell des Unheils ein – gegen alle bisherigen Erwägungen zum Welken der Ideale und aufregenden Hinundhergehen – ja, dann „Würd ich jetzt schweigen und dir nahe sein.“ (V. 24) Hätte das Ich in den langen Jahren ein wenig Umgang mit sich selbst gelernt, dann würde es tatsächlich schweigen. So plappert es nur Versatzstücke vom misslingenden Leben daher, ohne eines von ihnen wirklich zu bedenken.

Das Gedicht endet folgerichtig mit einer Klage: „So geht der Abend wieder mal daneben.“ (V. 25) Ich könnte dem Ich erklären, wieso es selbst daran schuld ist. „Ich bin so müd“, klagt es (V. 27), „Und habe nicht die Ruhe, auszuruhn“ (V. 28). Die wird es nie finden, wenn es nicht endlich zu denken beginnt; in monologisierenden Klagen und Anklagen kommt es sicher nicht zur Ruhe.

Zur Form des Gedichts war bereits oben das Wesentliche gesagt. Das Gedicht ist misslungen; beim ersten Lesen wirken die Versatzstücke aus der Reflexion des traurigen Lebens noch mit ihrem Stimmungsgehalt – beim zweiten Lesen entdeckt man, dass sie nicht miteinander verbunden, sondern nur aneinander geleimt und gereimt sind. Folgerichtig ist das Gedicht „Ohne Überschrift…“; ihm fehlt die innere Einheit. So blöde das klingt: Aus dem Schlager „Ich liebe das Leben“ könnte Mascha Kaléko lernen, wie eine einheitliche (nicht: die richtige) Antwort auf die Frage „Was kann uns schon geschehn?“ aussehen kann – aber dafür ist jetzt wohl zu spät. An den großen Fragen hat sie sich verhoben. Was sie dagegen konnte, war die flotte Großstadtlyrik (Großstadtliebe), Emigrantenklage (Emigrantenmonolog) oder persönliche Lyrik (An meinen Schutzengel) – am sichersten „im Stil von…“ Heine und anderen.

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=GcjA4ZdbvK8 (Fritz Stavenhagen, mit Musik von H. Weidner: Text unvollständig)

Eine Reihe von Gedichten hat Lutz Görner vorgetragen (http://www.rezitator.de/gdt/autor/), rund 80 Beiträge gibt es bei youtube.

Sonstiges

http://www.deutsche-biographie.de/sfz39587.html (Biografie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mascha_Kal%C3%A9ko (dito)

http://www.berlin-judentum.de/frauen/kaleko-1.htm (über M.K.)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten-1/die-lyrikerin-mascha-kaleko-zur-heimat-erkor-sie-sich-die-liebe-1436028.html (Würdigung)

https://www.youtube.com/watch?v=dWm6E3eKTOM (Biografie, mit Gedichten)

https://www.youtube.com/watch?v=7hR4AHguHVo (dito, Teil 2)

http://www.kaleko.ch/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1 (M.K.-Seite: http://www.maschakaleko.com/, mit 14 Gedichten)

http://www.literaturcafe.de/html/kaleko/index/ophp/ (zehn Gedichte als podcast)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/bescheidene-anfrage-1585 (sieben Gedichte, von M.K gelesen)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kaleko.html (33 Gedichte)

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/228-mascha-kaleko-lyrik-aus-den-30er-jahren-und-spaeter.html (einige Gedichte)

http://www.liberley.it/k/kaleko.htm (dito)

http://www.literaturforum.de/forum/lieblingsverse-gedichte/227-mascha-kaleko-gedichte-aus-dem-exil.html (dito)

7 thoughts on “Kaléko: Ohne Überschrift … – Analyse

  1. Ich würde das Gedicht nicht als misslungen ansehen. Wieso soll die Metaphorik erst in der dritten Strophe beginnen? Die erste Strophe kann genauso gut Metaphorisches transportieren: Es ist nun genug Welttreiben gewesen, das lyrische Ich, das sich selbst anspricht (deshalb antwortet niemand!) hat genug von dem schweren, vielleicht herzzerreißenden Auslug in die Wirklichkeit. Es wird also eine Weltflucht artikuliert, die dann auch thematisch zu dem Rest des Gedichtes passt. Es ist der Ausdruck eines melancholischen Selbstverständnisses, das hier zum Ausdruck kommt. „Grand Hotel Atlantic“ ist vielleicht eine Anspielung an Lukács Kritik an Adorno, dessen Philosophie er als „Grand Hotel Abgrund“ polemisch bezeichnete (1956 -wäre interessant, wann das Gedicht geschrieben wurde, aber ich habe dazu auf die Schnelle nichts gefunden). Die Reflexion vom Lebensabend aus und die Bitterkeit deckt sich auch biographisch nach dem Tod ihres Sohnes und der Isolation in Israel. Die zwei Herzen in der Brust sind auch ein Hinweis auf die deutsche Kultur allgemein, aber dadurch ist dieses Bild auch ein Hinweis auf die Zerrissenheit, die deutschsprachige Juden nach der Shoah oft empfanden: „Und duldest du, Mutter, wie einst, ach, daheim/ den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?“ Dadurch erhält das Gedicht eine Bedeutungstiefe, die hier in der Kritik nicht angesprochen wird, aber wofür sich sehr wohl Anhaltspunkte in dem Gedicht finden lassen. Es sind Selbstanklagen einer Schriftstellerin, die oft das Schreiben der Welt vorgezogen hat (andere Menschen haben mehr oder weniger konkrete Ziele in der wirklichen Welt, ihr genügte die Schreibtischlampe, V.5 u. 6) und die nun den Fortgang der Natur am Ende ihres Lebens als einen Trauermarsch selbst erlebt (V. 16), der im Gegensatz steht zu dem „Kitsch-Orchester“ (V. 20) eines luxuriösen Lebens. Daher hilft auch der Analyse der Verweis auf einen Schlager nicht viel, der ja auch nichts weiter ist als eine Zumutung von ewig positiv gestimmten Menschen, die die Gefühlstiefe einer melancholischen Weltbetrachtung und Lebenseinstellung schon alleine durch ihre Ignoranz nicht ermessen können.
    Trotzdem, vielen Dank für diese Besprechung und die Denkanstöße. Ich kannte das Gedicht von Mascha Kaléko irgendwoher, hatte mich aber nicht mehr näher damit beschäftigt.

    • Lieber Herr Schnier,

      darf ich ganz offen sagen, dass Ihre Kritik meine Ausführungen nicht trifft, weil Sie sie anscheinend nicht sorgfältig genug gelesen haben? Ich möchte das nur an einem Beispiel noch einmal explizieren – ansonsten steht ja bereits alles in meinem Aufsatz:
      Als großen Bruch sehe ich die Grundsatzfrage in V. 7 f., die sowohl sachlich unmotiviert wie unverständlich ist. Wieso kommt die Ichfigur auf einmal so rechthaberisch auf die Einsicht zu sprechen, dass die Ferne nicht hält, was sie verspricht? Soll das die Erfahrung glücklicher Nähe (V. 1-4) bekräftigen?
      In der Begründung dieser Einsicht wird dann mit einem Metaphernhopping gearbeitet: a) Die Frühling-Herbst-Metaphorik passt gedanklich nicht zur Metaphorik Nähe-Ferne, kann dort also auch nichts erklären oder begründen. b) Dass man sich mit den Jahren ändert, passt nicht zur Frühling-Herbst-Metaphorik. c) „schlendern“ passt nicht als Bezeichnung der Bewegung durch die Jahre.
      Metaphernwechsel ist in einer Litanei oder Lobeshymne gängig, passt aber nicht in eine Argumentation, wo es um das Prinzip der Analogie geht.

      Mein Hinweis auf den Schlager ist nur der Hinweis auf die innere Einheit einer Reaktion, nicht auf dessen Qualität; das sollten Sie eigentlich aus meinem Text herauslesen können. Versuchen Sie bitte einmal zu erklären, wieso nach Ansicht der Ichfigur „der Abend wieder mal daneben“ (V. 25) ist – darauf läuft das Gedicht ja hinaus – und was die einzelnen Gedanken des Ichs zur Erklärung des Misslingens beitragen.

  2. Vielen Dank für Ihre Erläuterungen. Die Grundsatzfrage ist kein großer Bruch, sondern passt sehr gut in das Gedicht finde ich. Es ist die Frage, was einst die Träume und Lebenswünsche aus der Jugend dem lyrischen ich versprachen und was nun davon übrig ist, wenn man am Lebensabend steht. Sieht man das Gedicht als eine Selbstreflexion, vielleicht kurz bevor man schmerzlich Bilanz zieht, braucht man einen Moment der Ruhe (V1-4), bevor man sich besinnen kann (V. 5-8), um dann festzustellen, dass die projizierten Jugendträume (Versprochnes, V.8) von damals heute, in der Ferne (V.7), nicht halten können, was sie einst versprachen.

    Der Abend geht wieder mal daneben, weil die Reflexion wieder nicht ein erzwungenes, positives Ergebnis zu Tage gefördert hat. Wie auch, wie soll man die Vergangenheit wieder einholen? So wird das lyrische Ich sich morgen Abend wieder zusammenraufen müssen, um sich vor dem Selbstgericht den Selbstzweifeln aussetzen müssen, die an ihm nagen. Das mag man kritisieren, an unseren Zeitgenossen oder an einem Menschen, der uns nahe steht. Aber man kann dem lyrischen Ich nicht die Artikulation dieser Geisteshaltung vorwerfen.

    • Vielen Dank für den Klärungsversuch:
      Die „Ferne“ ist nicht die zeitliche Ferne von der Jugend, sondern die vom romantischen „Wanderer“ erstrebte und ersehnte Ferne, die in die Fremde umschlägt, wenn man wie der Taugenichts „in Rom“ ist. V. 7 f. hat also einen anderen Sinn, als Sie konstruieren. Sie unterschlagen auch den prinzipiell dialogischen Charakter der Äußerungen – immerhin wird der Plural „uns“ (V. 9) und „wir“ (V. 13) ausdrücklich genannt.
      Vor allem unterschlagen Sie die ganze 6. Strophe – und dann die Abfolge der Äußerungen, die alle auf V. 25 hinauslaufen: Wie kann das Ganze als ein Kontinuum des Sprechens, Fühlens und Denkens verstanden werden? Mit der Grundsatzfrage negiert das Ich den anfänglich ausgemachten häuslichen Frieden – und die Grundsatzfrage (mit dem Modalwort „endlich“!) passt nicht zum häuslichen Frieden.

  3. Ah, vielen Dank. Ich verstehe schon, worauf sie hinaus wollen, finde aber den alternativen Erklärungsansatz (nach wie vor) plausibler. Wieso sollte das lyrische Ich im inneren Monolog nicht seinem jüngeren Ich aus der Jugendzeit Rede und Antwort stehen? Die 6. Strophe thematisiert die Auseinandersetzung und die Diskrepanz zwischen dem (damaligen) Wunsch und der (heutigen) Wirklichkeit, zwischen Anspruch und Realität. Es ist mitunter schwierig zu unterscheiden, wann mit dem lyrischen Du das heutige Ich in Selbstansprache oder das lyrische Ich mit den Jugendträumen gemeint ist. Das verschwimmt miteinander, aber ist insofern wieder stringent, da es sich ja um eine Person handelt, die da reflektiert. Eine chirurgisch eindeutige Trennung ist da nicht möglich und auch nicht nötig.
    Aber ich sehe nun mit Ihren weiteren Ausführungen Ihren Punkt deutlicher. Vielen Dank dafür!

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