Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit – Analyse

In stiller Nacht und monogamen Betten…

Text

http://www.textlog.de/tucholsky-ideal-gedichte.html („das“ gehört an den Anfang von V. 6, nicht ans Ende von V. 5!)

http://de.wikisource.org/wiki/Ideal_und_Wirklichkeit

http://www.ngiyaw-ebooks.org/ (dort „Tucholsky“, dort „Ideal und Wirklichkeit“ – das Original!)

http://www.wisdominalphabeticalorder.com/formate/akademisches/kurt-tucholsky-ideal-und-wirklichkeit-interpretation (Text, mit Interpretation)

In diesem Gedicht aus dem Jahr 1929 geht es um die ewige Differenz zwischen „Ideal und Wirklichkeit“ (Überschrift), wobei „Ideal“ auch eine Wunschvorstellung oder eine Imagination bedeuten kann. Es spricht ein ungenannter Sprecher, der „das Leben“ durchschaut, zu allen möglichen Leuten, wobei direkt Männer angesprochen sind: „du“ (V. 2), wobei „du“ jedermann ist. Das sieht man auch daran, dass er sich auf das Indefinitpronomen „man“ bezieht, wenn er das Subjekt der nicht erfüllten Wünsche nennt (V. 7 f. usw.). Im gleichen Sinn, aber eben aus der Perspektive der Wünschenden, gebraucht er das Pronomen „wir“ (V. 3 f.); nicht wegen der 2. Person des Pronomens, sondern wegen der allgemeinen Verbreitung entsprechender Wünsche und Phantasien spricht der Sprecher indirekt auch die Leser an – ich denke, auch die Frauen, wenn auch die Beispiele männlichen Lesern angepasst sind. Das Pronomen „Wir“ in V. 23 bezieht sich auf die republikanisch gesinnten Deutschen in der Zeit vor und um 1918, ist also ein Sonderfall in dem Tableau der Pronomina: ein Beispiel für ein politisches Ideal, das wieder nur auf krumme Weise wirklich wurde.

Wenn man die Struktur der 1. Strophe beschreibt, kann man im Vergleich mit dieser den Aufbau der anderen leichter erfassen. In den ersten 4 Versen wird also vom Sprecher beschrieben, wie man sich in stillen Stunden vorstellt, was einem zum Glück „am Leben fehlt“. In V. 5 f. wird dann die allgemeine Erfahrung beschrieben, dass man dieses so Vorgestellte „nie“ bekommt (V. 6). In V. 7-8 wird diese allgemeine Männer-Erfahrung an einem komischen Beispiel verdeutlicht: „Man möchte immer eine große Lange, / und dann bekommt man eine kleine Dicke –“; darauf folgt ein resignierender Kommentar: „C’est la vie – !“ (V. 9).

Diese Betrachtung über die Vergeblichkeit heimlichen Wünschens wird in einem insgesamt heiter-skeptischen Ton vorgetragen. Dazu trägt gleich das satirische Zeugma in V. 1 bei; „In stiller Nacht“ zitiert den Beginn eines christlichen Passionsliedes (von Spee), wird hier als Datum der erotischen Phantasien verwendet; auch der Plural „Betten“ wirkt komisch, weil der Monogame ja nur in einem Bett schläft und nicht durch die Betten hüpft. In V. 2 hat das Verb „sich ausdenken“ den Unterton des Willkürlichen. Durch diese Situation des Sich-Ausdenkens ist der Inhalt schon vorgezeichnet: Es geht um das Superweib, wie es in V. 10 ff. beschrieben wird. Zunächst wird das derart Ausgedachte noch allgemein beschrieben: aufregend (V. 3 a), dann aus der Perspektive der Wünschenden gesagt: „Wenn wir das doch hätten…“ (V. 3 f.); in V. 4 wird der Sehnsucht-Charakter der Wünsche deutlich: Es quält das, was nicht da ist, aber ersehnt wird – normalerweise quält nur etwas, was da ist. Im Präsens „du präparierst“ (arbeitest heraus) und im Adverbial „nie“ wird die allgemeine Gültigkeit dieser Defiziterfahrung festgehalten, die dann im komischen Beispiel (V. 7 f.) plausibel gemacht wird.

Der Takt der Verse ist ein Jambus, durchweg mit 5 Hebungen (Ausnahme V. 15 und V. 22), abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen, dazu ein Kreuzreim – die semantischen Einheiten bestehen also aus Doppelversen. Nur der 8. Vers jeder Strophe passt nicht ins Reimschema; doch wenn man die drei Silben von V. 9 zu V. 8 zählt, reimt sich „la vie“ bzw. „lawih“ auf den V. 6. Die Reime der V. 2/4 und 6/8(9) sind semantisch sinnvoll: was dir fehlt / was leise quält (V. 2/4); kriegst du’s nie / C’est la vie (V. 6/9); usw. Vom gängigen Metrum weichen „denkst“ (V. 2), „das“ (V. 6) und „C’est“ ab; in den beiden ersten Fällen wird so ein wichtiges Wort hervorgehoben, in V. 9 nur das Metrum nach einer weiblichen Kadenz passend fortgesetzt.

In der 2. Str. wird in V. 1-4 das Superweib der erotischen Phantasie beschrieben; der Vergleich „wie in einem Kugellager“ passt nicht zu einer Frau: satirisch. „zuwenig“ (V. 12) ist übertrieben, „weniger“ passte sachlich; „in den Haaren sich sonnen“ (V. 13) ist ein schräges Bild (satirisch). In V. 5 f. folgt die Erklärung, warum die Wünsche nicht Wirklichkeit werden: der verfluchte Hang, das ist ohne Präpositionalobjekt ziemlich unbestimmt – vielleicht ist der Hang zum ewig Weiblichen, unabhängig von dessen Idealform, gemeint. Dazu passt die Eile (V. 15), während „die Phantasie“, mit der man das reale Mängelwesen als eine Idealform sieht, gerade die von der Fantasie erträumte Idealform(en) (V. 1-4!) negiert: ein innerer Widerspruch (Satire!?) des Menschen, der seiner Imagination folgt: dessen Leben selbst ist eine Satire! V. 16-18 entsprechen wieder V. 7-9, nur dass hier die saloppe Eindeutschung „Ssälawih“ vorliegt (Satire).

In der 3. Strophe stehen zu Beginn Beispiele dafür, wie die Wünsche aus unterschiedlichen Gründen nicht Wirklichkeit werden (V. 19-22); es folgt dann das einzige politische Beispiel einer Enttäuschung (ohne Analyse der Gründe, die man hier aus dem Kontext der beiden ersten Strophen ergänzt): die Weimarer Republik (V. 23 f.). V. 25-27 sind dann wieder gleich V. 16-18.

Ist V. 23 f. die Pointe des Gedichts? Ich denke, dass dies nicht der Fall ist; Plausibilität erhalten die Erklärungen des Sprechers dadurch, dass sie sich auf die allgemeinen Erfahrungen der Leser beziehen. Die Weimarer Republik als unschöne Wirklichkeit gegenüber dem vor 1918 Erträumten kann ernsthaft nicht so locker analysiert werden, wie Tucholsky dies mit der Gegenüberstellung von „Ideal und Wirklichkeit“ tut; vielmehr wird sie in den heiteren Ton des resignierenden „Ssälawih“ einbezogen, was in der kölschen Philosophie „Et kütt, wie et kütt“ heißt. Das Gedicht passt ins Kabarett (s. Vortrag: G. Pfitzmann), da ist es gut.

Die Textgestalt im Internet ist nicht immer sauber – am besten hält man sich an eine gedruckte Ausgabe, sofern sie zur Hand ist (z.B. „Der große Conrady“, 2000, S. 631).

Vortrag

http://www.srf.ch/player/radio/lyrik-am-mittag/audio/kurt-tucholsky-ideal-und-wirklichkeit?id=1d7934d6-641c-4b4b-95a0-f19d1c170a90

http://www.mp3olimp.net/kurt-tucholsky-ideal-und-wirklichkeit/

https://www.youtube.com/watch?v=KWdawKNEuK0 (?)

https://www.youtube.com/watch?v=O2P4DWGl2AA (?)

https://www.youtube.com/watch?v=_DhLjqa9i0A (Eisler, gesungen von E. Verenin)

https://www.youtube.com/watch?v=vzn2wT4epEY (Günter Pfitzmann, z.T. gesungen) = http://supersan.net/videos/tr/video/vzn2wT4epEY/Kurt-Tucholsky-Ideal-und-Wirklichkeit-G%C3%BCnter-Pfitzmann

https://www.youtube.com/watch?v=KAr9xY6dLqE (gesungen von H. Schott)

https://www.youtube.com/watch?v=bMvtqf8hxjg (Musik: Eisler)

Gedichte

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky%2C135,0.htm

http://ingeb.org/tucholsk.html

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/tucholsky.htm (Liebeslyrik)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Tucholsky-Kurt-1890-1935-Gedichte-und-Lieder

http://gedichte.jobaloha.de/autor/15/kurt.tucholsky/

http://www.gedichtsuche.de/gedichtliste/items/Tucholsky,%20Kurt.html (einige)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/tucholsky.html (Fritz Stavenhagen spricht Tucholsky-Gedichte)

http://www.rezitator.de/gdt/autor/ (Lutz Görner spricht Tucholsky-Gedichte)

Werke

http://de.wikisource.org/wiki/Kategorie:Kurt_Tucholsky (Texte Tucholskys bei Wikisource)

http://www.tucholsky.org/

http://gutenberg.spiegel.de/autor/598

http://www.textlog.de/kurt-tucholsky.html (Leben und Werke)

Biografie

http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky

http://www.kurt-tucholsky.info/lebenslauf.php

http://www.whoswho.de/templ/te_bio.php?PID=545&RID=1

http://www.xlibris.de/Autoren/Tucholsky/Biographie

http://www.kuenstlerkolonie-berlin.de/bewohner/bio_tuch.htm (Leben und Links)

http://www.tucholsky-gesellschaft.de/ (Tucholsky-Gesellschaft)

Sonstiges

http://norberto42-1.blog.de/2005/08/27/uber_die_imagination~146375/ (Über die Imagination)

http://also.kulando.de/post/2008/12/02/die-sache-mit-dem-gl-ck (dito)

http://also.kulando.de/post/2008/08/02/i-21-ber-die-macht-der-phantasie (Über die Phantasie)

http://also.kulando.de/post/2007/09/03/moglich_moglichkeit (Über das Mögliche)

http://also.kulando.de/post/2006/12/30/ber_zufriedenheit_und_die_suche_nach_dem_besten (Über die Suche nach dem Besten)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=forum&sub=reply&add=522 (Spee: Bei stiller Nacht)

http://www.liederlexikon.de/lieder/in_stiller_nacht_zur_ersten_wacht (In stiller Nacht)

http://www.youtube.com/watch?v=c5JtO-vBlsY (Bei stiller Nacht)

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