P. Schneider: Rebellion und Wahn. Mein ’68 – Besprechung

Neben einigen Sammelrezensionen habe ich i.W. drei Besprechungen des 2008 erschienen Buches gefunden, die alle drei nicht gelungen sind: zwei polemische von Leuten, die 68 nachtrauern, und eine, deren Autor anscheinend nach dem ersten Drittel der Lektüre kaum noch Notizen gemacht hat und v.a. an Anekdotischem interessiert ist.

Schneiders Buch ist subjektiv: Es geht um seinen Weg in den SDS, seine Teilnahme an dessen Aktionen, seinen Ausstieg aus der Bewegung. Schneider stützt sich dabei auf seine Tagebücher; er führt quasi als alter Herr ein Gespräch mit sich als Jugendlichem und jungem Mann. Als Motiv des Buches erweist sich Schneiders Forderung, man dürfe von den ehemaligen Aktivisten „doch eine Auskunft darüber erwarten, wie sie persönlich die biblischen Jahre der Gefangenschaft in der maoistischen Idiotie verbracht und hinter sich gelassen haben“ (S. 337). Diese Rechenschaft legt Schneider ab – wobei mir persönlich seine Probleme mit seiner großen Liebe L. zu häufig und zu aufdringlich vorgetragen werden (etwa Kap. 28 und 35; anders Kap. 39 mit der Analyse seiner Zerrissenheit). Auch in einer kritischen Bemerkung zu H. M. Enzensberger, der später seine Rolle bei der 68er-Bewegung heruntergespielt hat, zeigt sich dieses Motiv: „Aber was ist eigentlich so schlimm an seinen Irrungen und Wirrungen? Nebst den Erkenntnissen gehören eingestandene und intelligent analysierte Irrtümer zum Besten, was Intellektuelle zum Fortschritt beizutragen haben.“ (S. 197) Hat Schneider seine Irrtümer intelligent analysiert?

 

Die äußeren Ereignisse, die Schneider darstellt, sind nicht neu:

  • Der große Eindruck, den Peter Weiss’ Stück „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ (1964) (auf ihn) gemacht hat: „Er stellte alle Leidenschaften und Widersprüche auf die Bühne, die wenig später in der Revolte von 67/68 hervorbrachen: politischer Aufstand und/oder sexuelle Revolte, Kollektivwahn und/oder Ichbesessenheit: ‚Denn was wäre schon diese Revolution / ohne eine allgemeine Kopulation’.“ (S. 59).
  • Die Vietnamdemonstrationen (Kap. 15)
  • Die Bedeutung der Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1966 (S. 164 ff.)
  • Die Flugblätter der Kommune I zur Kaufhausbrandhausstiftung in Brüssel mit vielen Toten (S. 171 ff.)
  • Schneiders Vorbereitung des Springer-Tribunals (S. 243 ff.)
  • Der Vietnamkongress (S. 254 ff.)
  • Das Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 (Kap. 40)
  • Schneiders Mitwirken an der italienischen Studentenrevolte (S. 307 ff.)

Wichtiger sind die inneren Ereignisse und die späten Einsichten Schneiders:

  • Die Situation der Kriegs- und Nachkriegskinder, „aus dem Nest gefallene Küken, die sich in ihren Körpern nicht wohlfühlten und sich und andere nicht lieben konnten“ (S. 74)
  • Die Ursache des weltweiten Aufbruchs: bisher nicht erklärt. Es war so etwas „wie ein nonverbales, weltweit kommuniziertes Signal zum Aufbruch, das nur die jungen Leute hörten: Laßt auf der Stelle alles, was ihr tut und getan habt, liegen und beginnt ein neues, selbstbestimmtes Leben.“ (S. 106)
  • Die neue Offenheit gegen wildfremde Menschen (S. 118 ff.)
  • Der antifaschistische Impuls (S. 124 ff.)
  • Der Übergang vom Denken in der Ich- zur Wir-Kategorie (S. 140)
  • „Es entstand eine neue Art Gehorsam im Namen der Solidarität. Wer seiner Kritik an der neuen Intoleranz Ausdruck gab, stand im Verdacht, die Sprache des Feindes zu sprechen.“ (S. 202)
  • Die Ideologisierung im Sommer 1967 (Kap. 32): „Nach den Vorgaben einer ‚wissenschaftlichen’, nicht genauer hinterfragten ‚Klassenanalyse’ brachten wir/ich den jeweiligen Gegner um seinen Namen und ordneten ihn einer feindlichen Gruppe zu. Indem wir/ich unseren Kontrahenten ihre Individualität absprachen, begannen auch wir/ich uns unserer Individualität zu entledigen.“ (S. 209)
  • Wie Radikalisierung vor sich geht (S. 273 ff.): Am Anfang steht eine reale und gut begründete Empörung. – Der Protest beginnt sich zu verselbständigen. – Die Medien interessieren sich genausowenig wie aufgeputschte Intellektuelle für den Kompromiss. – Damit der Protest stabil wird, bedarf es einer „neuen Sprache“ (vgl. den bereits genannten Aspekt der Ideologisierung; ebenso die Freude, immer recht zu haben, S. 140).

 

Das Fazit:

1. „Die wichtigste Errungenschaft der 68er-Bewegung in Deutschland bleibt, daß sie massenhaft – und vielleicht für immer – mit der Kultur des Gehorsams gebrochen hat. Ihre größte Sünde war, daß ihre Anführer (…) einer im Kern antidemokratischen Doktrin erlagen und vor den Verbrechen ihrer revolutionären Vorbilder (…) die Augen schlossen.“

2. „Vielleicht zeigt jede Revolte dieses Doppelgesicht: Sie bietet den Unruhigen und Unzufriedenen aller Disziplinen eine Erklärung für die Versagung ihrer Wünsche an, die ihnen den Selbstzweifel erspart. Andererseits würde sie nie zu einer historischen Kraft werden, wenn sie nicht mehr wäre als ein Sammelbecken der Unzufriedenen; wenn sie nicht jetzt und hier eine Alternative zu jener Lebensform anböte, deren Ende sie verkündet.“ (S. 123 f.)

 

Zu Peter Schneider:

  • Er kommt später zur Besinnung, dass er gegenüber seinem Vater ungerecht war (S. 185).
  • Er reflektiert öfter die Frage, wie weit man seinen Erinnerungen trauen darf (u.a. S. 173): gar nicht!
  • Er weist in der Analyse eines eigenen Aufsatzes in „konret“ auf die Frage der Gewaltanwendung hin (Kap. 41; vgl. S. 168) – seine Position in dieser zentralen Frage war es, die ihn letztlich vor dem Äußersten bewahrt hat.
  • Sein Ausstieg wird dadurch veranlasst, dass er erkennt, dass die Frauen bei Bosch, mit denen er arbeitet, nichts von seiner Revolution wissen wollen (S. 348).
  • Die gescheiterte Gruppentherapie bei Dr. Ammon in Berlin (Kap. 55, 57)
  • Der endgültige Abschied von L. und der Revolution (Kap. 58): mit Hilfe von neuen Freunden und der Arbeit an seiner Erzählung „Lenz“
  • Gegen Schneider (S. 42) erinnere ich daran, dass die Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses 1949 von A. Mitscherlich herausgegeben wurden, dann als Fischer-Taschenbuch 332 ab 1950 vorlagen.

 

Ich habe in meiner Zusammenfassung ausgewählt und das dargestellt, was mir wichtig erschien; die fatale Frau L., seine große Liebe, nimmt viel Platz in Schneiders Buch ein – sie kommt bei mir absolut zu kurz, weil es da um ein persönliches Problem zweier Menschen geht. Was ich vermisst habe, ist ein Hinweis auf die Bedeutung der Subversiven Aktion (s.u.). Hat Schneider seine Irrtümer intelligent analysiert? Ja, das hat er getan. Das ist mir sympathisch, dass er wie Nietzsche bejaht, dass wir unseren Irrtümern nicht treu sein müssen – Barth-Engelbart und vor allem Anja Röhl scheinen das anders zu sehen.

 

http://www.bookpedia.de/buecher/Rebellion_und_Wahn_-_Mein_%2768._Eine_autobiographische_Erz%C3%A4hlung (viele Details vom Anfang des Buches; Wesentliches fehlt)

http://www.barth-engelbart.de/?p=153 (Da salbadert H. Barth-Engelbart, Grundschullehrer und Kinderchorleiter, bis 1979 im KBW aktiv, ellenlang besserwisserisch.)

http://www.anjaroehl.de/peter-schneiders-wahn/ (Anja Röhl, Tochter aus K. R. Röhls erster Ehe und damit Stieftochter von Ulrike Meinhof: Sie wird mit ihrer Analyse autoritärer Erziehung dem Buch nicht gerecht, beklagt Schneiders Abkehr von den alten Idealen und bringt viel Polemik gegen die NS- und ns-ähnliche Erziehung in ihre Besprechung hinein. Ihr Buch „Die Frau meines Vaters“ lässt ihre Schneider-Besprechung besser verstehen.)

http://www.fr-online.de/zeitgeschichte/buch–rebellion-und-wahn–rudis-gedaechtnis,1477344,2814934.html (Auszug: Begegnung mit Dutschke in Italien)

http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/35658/rebellion-und-wahn-mein-68 (das Buch für 1,- € bei bpb)

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/peter-schneider-zum-70-geburtstag-schriftsteller-phaenomen-feiner-kerl-a-690305.html (Würdigung zum 70. Geburtstag)

http://www.zeit.de/kultur/2010-04/peter-schneider-70 (Interview)

http://www.nng.uni-jena.de/lsnngmedia/Downloads/Adelbert_Reif_im_Gespraech_mit_Norbert_Frei.pdf (Gespräch mit Norbert Frei über „68“)

http://www.blz.bayern.de/blz/eup/01_06/9.asp (Monika Franz: Das Tribunal der Kinder. Literarische Blicke der „68er“)

Zur Bedeutung der Subversiven Aktion:

https://wiki.fernuni-hagen.de/zeitgeschichte/index.php/Subversive_Aktion

http://www.mao-projekt.de/BRD/ORG/SDS/Anschlaggruppe.shtml, mit dem übergeordneten Link http://www.mao-projekt.de/ und Verweis auf http://userpage.fu-berlin.de/~archapo/Online/SPUR.htm

http://rabehl.wordpress.com/2009/05/22/der-mord-an-benno-ohnesorg/

http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/jugendkulturen-in-deutschland/36181/subversive-aktion

http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/jugendkulturen-in-deutschland/36176/der-aufstand-der-bildungseliten (der übergeordnete Link)

P.S. Ein wichtiger Aspekt zum Verständnis der harten 68er scheint mir die Tatsache zu sein, dass sie sich als die Wissenden und Entschiedenen für auserwählt hielten, die „Arbeiterklasse“ zur Revolution zu führen und so die Rettung der Welt zu betreiben. Jede Form des Wahns, auserwählt zu sein, bringt Intoleranz und Skrupellosigkeit hervor, gleichgültig, ob es sich um religiöse oder politische „Erwählung“ handelt. Vgl. dazu

http://www.sgipt.org/medppp/auserw/auserw0.htm

http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ4/tepe/tepeSite/mim/journalMIM/band01/SB_messianismus.htm

http://also42.wordpress.com/2012/08/03/berufen-und-erwahlt-ein-wahn/

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