Götz Aly: Unser Kampf – angelesen

Götz Alys Buch „Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück“, das 2008 erschienen ist, hat ein ungeheuer breites Echo ausgelöst. Woran liegt das? Aly denunziert die 68er, zu denen er selbst gehörte; er spitzt zu, er provoziert – wer sich daran nicht erfreuen kann, sollte das Buch nicht lesen. Ich kann mich daran erfreuen, habe das Buch aber trotzdem nur angelesen. Das liegt daran, dass Aly episodisch bzw. aspektorientiert schreibt, jedenfalls nicht chronologisch berichtet; wenn er berichtet, so will er entlarven.

So zeigt Aly etwa deutsche Kontinuitäten auf, was den vermeintlichen Revolutionären natürlich nicht in den Kram passt: „Das Rätegetue maskierte nur, wie stark die Achtundsechziger auch in diesem Punkt in den freiheitsfeindlichen, auf Sicherheit und Sozialharmonie gerichteten deutschen Traditionen standen: Sie setzten die anheimelnde Gemeinschaftsidee gegen den kühlen Strukturalismus [gemeint: Strukturen, N.T.] des Verfassungsstaats. Sie folgten demselben ständischen Grundprinzip, das sich 1933 bis 1945 in der Reichsapothekerkammer, im NS-Kraftfahrerkorps, in der Reichsfrauenschaft oder im Reichsnährstand ausgetobt hatte.“ (S. 47) Das ist nicht Erklärung, sondern Deutung – wie will man sie belegen oder widerlegen? Man kann sie bejubeln oder beschimpfen, aber kaum verifizieren/falsifizieren.

Abgesehen von kräftigen Seitenhieben gegen einzelne namentlich genannte Figuren der Zeitgeschichte deckt Aly handfeste Interessen der damaligen Akteure auf. So weist er darauf hin, dass die Revolutionsbegeisterung auch daraus resultierte, dass den SDS-Männern die früher möglichen Karrieren im SPD- oder Gewerkschaftsapparat versperrt waren. „Sie verteufelten die Apparate, von deren Pfründen sie ferngehalten werden sollten, ebenso die dort tätigen ‚Fachidioten’.“ (S. 41) Es folgt ein Dutschke-Zitat, über dessen Dummheit man nur staunen kann: „Halten wir fest, die Bürokratie als Gewaltorganisation muss zerstört werden.“ Oder er zeigt auf, wie sich bei den Aktivisten „Revolutions- und Manneslust“ auf schönste miteinander verbanden (S. 50 f.) – vermutlich ist die Beziehung Peter Schneiders zu seiner L. doch nicht so privat einzuschätzen, wie ich das in meiner bürgerlichen Beschränktheit noch vor ein paar Tagen getan habe.

Manchmal fragt man sich bei Alys Äußerungen auch: Was soll das? So weist er darauf hin, dass das liberale Westberlin die Repressionsflüchtlinge der Bundesrepublik aufgenommen habe, wofür man der Stadt eine Reparationsleistung von 20.000 Euro pro Kopf zubilligen könnte, was einschließlich der Zinsen 95.979,63 € (bis Ende 2007) ausmache; ich verstehe wirklich nicht, wozu solche Gedanken gut sind – abgesehen davon, dass Westberlin als Frontstadt mit Subventionen verwöhnt worden ist und sich an eine Politik des leichten Geldes gewöhnt hatte. – Ich habe zu wenig Neues im Buch gefunden und deshalb die Lektüre abgebrochen.

Die lange Liste der Rezensionen spiegelt nicht die Bedeutung von Alys Buch wider, sondern ergibt sich aus seinem provozierenden Charakter:

http://www.taz.de/!13437/ (zum Streit um Götz Alys Buch: wohlwollend) Aus diesem Artikel möchte ich einen Absatz zitieren, der ein Defizit benennt, das den mir bisher bekannten Büchern zu 1968 gemeinsam ist: „Aly benennt die Aufständischen der Fünfziger nicht: All jene Jugendlichen, die gegen die soldatischen Traditionen ihrer Väter zu amerikanischen Lederjackenjungs wurden; Halbstarke, die ihr Leben dem guten eigenen Leben zu widmen begannen, nicht einer Ideologie; die lieber ihr Motorrad aus der Garage holten, als sich nach Panzern zu verzehren; die, oft in ruinierten Familien großgeworden, ihre Ruhe vor ideologischen Großprojekten haben wollten und, bombenfrei, endlich, den German Way of Life und irgendwie eine Idee von Freiheit für sich reklamierten.“

http://www.taz.de/Goetz-Alys-68er-Buch-Unser-Kampf/!13092/ (sehr kritisch)

http://www.welt.de/kultur/article1678847/Unser-Kampf-Goetz-Aly-und-die-68er.html (positiv)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/abrechnung-mit-68-wir-protestieren-1513362.html (kritisch)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/aly.htm (umfassend, differenziert)

http://www.links-netz.de/K_texte/K_walther_aly.html (ein Verriss: R.W.)

http://www.deutschlandradiokultur.de/ein-schwieriger-vergleich.1270.de.html?dram:article_id=190867 (noch eine Rezension des gleichen Autors: R. Walther)

http://ingoway.wordpress.com/2008/02/22/gotz-aly-unser-kampf-eine-rezension/ (verständnisvoll) = http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/3103

http://www.sehepunkte.de/2008/07/14335.html (kritisch im Grundsätzlichen)

http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/Aly_Gotz_Unser_Kampf.pdf (linke Totalkritik)

http://www.fr-online.de/zeitgeschichte/goetz-alys–unser-kampf–68–ungenau,1477344,2786352.html (weist Aly einige Fehler nach)

http://www.single-generation.de/kohorten/68er/goetz_aly_unser_kampf.htm (Sammlung von Besprechungen, mit Links)

http://luftreich.twoday.net/stories/buchrezension-unser-kampf-1968-von-goetz-aly/ (positiv)

http://www.spiegel.de/spiegel/a-535950.html (kritisch)

http://www.arte.tv/de/aly-goetz-mein-kampf/1974134.html (positiv)

http://www.cicero.de/salon/unser-kampf-1968/38479 (wohlwollend)

http://www.deutschlandfunk.de/fundamentalkritik-an-den-68ern.730.de.html?dram:article_id=103020 (ein Verriss)

http://www.ksta.de/kultur/-machtergreifung-in-westberlin-,15189520,13255138.html (kritisch)

http://www.vsp-vernetzt.de/soz-0803/080303.php (sehr kritisch)

http://bittermann.edition-tiamat.de/?tag=gotz-aly (sehr kritisch)

http://www.zeit.de/2008/09/P-Aly (sehr kritisch)

http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/582.ketzerischer-konformismus.html (sehr grundsätzlich, sehr kritisch)

http://jungle-world.com/artikel/2008/11/21343.html (wohlwollend)

http://www.wadinet.de/blog/?p=760 (umfangreiche Antwort auf einen Artikel Alys von 2008, sehr kritisch)

http://fudder.de/artikel/2008/05/08/goetz-aly-wie-totalitaer-waren-die-68er/ (Bericht: Podiumsdiskussion)

http://www.widerspruch.com/artikel/48-all/48-all.pdf (großer Sammelband zu „1968“, darin S- 125-127 eine sehr kritische Rezension Alys)

https://de.wikipedia.org/wiki/Unser_Kampf_1968_%E2%80%93_ein_irritierter_Blick_zur%C3%BCck (Überblick: Wikipedia)

http://www.sueddeutsche.de/kultur/im-interview-goetz-aly-der-grosse-kater-1.269606 (Interview mit J. Bisky)

http://www.boersenblatt.net/178419/ (Interview mit W. Schneider)

http://www.zeithistorische-forschungen.de/zol/Portals/_zf/documents/pdf/Rezensionen_68er%20PDF.pdf (Literaturübersicht: 1968)

P.S. 1.allgemein: http://www.blz.bayern.de/blz/eup/01_06/9.asp (Monika Franz: Das Tribunal der Kinder. Literarische Blicke der „68er“)

2. Ein wichtiger Aspekt zum Verständnis der harten 68er scheint mir die Tatsache zu sein, dass sie sich als die Wissenden und Entschiedenen für auserwählt hielten, die „Arbeiterklasse“ zur Revolution zu führen und so die Rettung der Welt zu betreiben. Jede Form des Wahns, auserwählt zu sein, bringt Intoleranz und Skrupellosigkeit hervor, gleichgültig, ob es sich um religiöse oder politische „Erwählung“ handelt. Vgl. dazu

http://www.sgipt.org/medppp/auserw/auserw0.htm

http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ4/tepe/tepeSite/mim/journalMIM/band01/SB_messianismus.htm

http://also42.wordpress.com/2012/08/03/berufen-und-erwahlt-ein-wahn/

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