Celan: Wasser und Feuer – Interpretation

So warf ich dich denn in den Turm und sprach ein Wort zu den Eiben…

Text

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/wasser-und-feuer-68

http://www.letov.ru/Kuprijanow-Paul-Celan.html (dort das 3. Gedicht)

Celan legte dieses Gedicht dem Brief bei, den er am 30.10.51 an Ingeborg Bachmann schrieb; diese war von dem Gedicht begeistert und hörte darin einen neuen Ton.

Mich lässt es weithin ratlos. „So warf ich dich denn in den Turm…“ (V. 1) Es ist, als ob das lyrische Ich eine Rede an das Du hielte, in der er (so sehe ich den Sprecher, das Du ist eine Frau) dem Du erklärte, warum er es einsperren musste – der 1. Vers setzt mitten in dieser Rede ein, zieht mit „So“ gerade eine Schlussfolgerung. Er berichtet, wie er sich an die Eiben wandte. „Während Shakespeare und die Dichter des 18. und 19 Jahrhunderts in der Eibe nur ein Symbol für den Tod sahen, galt die Eibe bei früheren Kulturen auch als Baum der Wiedergeburt und des Lebens, das nach dem Tod folgte. So glaubten die Kelten, die sich im 5. Jahrhundert v. Chr. von Britannien bis Anatolien verbreitet hatten, dass die Eibe zwischen der Welt der Toten und Lebenden wachen würde (Hageneder 2006).“ (Uni Göttingen, vgl. auch hier) So konnte er ohne weiteres aus den Eiben die Flamme hervorrufen, in der (als „Brautkleid“, V. 2) das angesprochene Du verbrennt. Dieser Vorgang des Verbrennens bestimmt das Geschehen, von dem im Gedicht die Rede ist.

Dreifach wird darauf festgestellt, was sich aus dem Brennen ergibt: „Hell ist die Nacht.“ (V. 3 ff.) Die Nacht, „die uns Herzen erfand“ (V. 4) – „uns“ lese ich als Dativ, „Herzen“ als Akkusativ; die Nacht gab uns erst die Herzen (für die Liebe), aber als erfundene; im Vorgang des Verbrennens ersteht aus dem Erfundenen das Wahre.

Diese helle Nacht, eigentlich die verbrennende Frau, „leuchtet weit übers Meer“; es ist ein großes Ereignis. Sie weckt „die Monde im Sund“ (V. 7), die untergegangenen, die vergangenen, und „wäscht sie mir rein von der Zeit“ (V. 8): befreit sie von ihrer Vergangenheit, von ihrem Vergangensein. So kann das tote Silber aufgefordert werden, aufzuleben „wie die Muschel“ und wieder Gefäß für Speise und Trank zu sein. Zuvor hat die helle Nacht (Feuer) die Monde „auf gischtende Tische“ (V. 7; Wasser) gehoben, auf Tische also, die vom Meer überspült werden.

Von diesen Tischen ist nun im Singular die Rede, was ich nicht erklären kann: Der Tisch wogt (V. 10, V. 15) „stundauf und stundab“, „nachtaus und nachtein“, also in der Zeit, wiewohl diese aufgehoben ist, oder aber gerade deshalb. Wind und Meer bringen Speise und Trank, das tote Silber ist lebendiges Gefäß geworden (V. 11 f.); als Speise verzehrt werden die unruhigen Organe Auge und Ohr, mit denen man den anderen nicht richtig wahrgenommen hat, verzehrt werden die symbolträchtigen Tiere Fisch (http://www.symbolonline.de/index.php?title=Fisch) und Schlange (http://www.symbolonline.de/index.php?title=Schlange), welche beide Leben bringen (V. 13 f.).

In dieser hellen Nacht wogt der Tisch im Wasser; das sprechende Ich ist bei dem Tisch und beschreibt, was über, neben und unter ihm sich tut – es ist da wie in der Mitte der Welt (V. 15-19); die Einzelheiten weiß ich nicht zu deuten.

Da wendet sich das Ich wieder dem Du zu, blickt zu der brennenden Frau hinüber (V. 19 f.), spricht sie an und fordert sie dreifach auf, an etwas zu denken (V. 21 ff. – ich lese „Denk“ als Imperativ): zweimal „an die Zeit“, an die vergangene Zeit und daran, „daß ich war, was ich bin“ (V. 23). Diese seltsame Formel weist das Ich als einen Unveränderten aus, der der Zeit enthoben ist. Drei Attribute legt das Ich sich zu, die allesamt seine enthobene „Macht“ bezeugen (V. 24 f.): Meister der Türme (vgl. V. 1), Hauch in den Eiben (vgl. V. 1 f.), Zecher im Meer (vgl. V. 11 ff.). Das letzte Attribut greift erneut die Bilder von V. 1 f. auf: Das Wort hat aus den Eiben die Flamme hervorgerufen, in der das Du verbrennt; nun wird das Wort als dasjenige bestimmt, „zu dem du herabbrennst“ (V. 26) – bis auch du nichts als ein Wort bist (statt Quelle vieler missverständlicher Worte).

Wenn die Zeit aufgehoben ist, wenn Feuer und Wasser (Überschrift) zusammengekommen sind, wenn du nur noch ein Wort bist…

Nach wiederholter Lektüre Celans erinnere ich mich an Goethes Gedicht „Selige Sehnsucht“:

Sagt es niemand, nur den Weisen,

Weil die Menge gleich verhöhnet,

Das Lebend’ge will ich preisen

Das nach Flammentod sich sehnet…

vgl. https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/goethe-selige-sehnsucht-analyse/

3 thoughts on “Celan: Wasser und Feuer – Interpretation

  1. Im Handexemplar von Celan ist die Inspirationsquelle des Gedichts vermerkt: „Mlle Julie, Strindbergfilm“ und bezieht sich auf den Film des schwedischen Regisseurs Alf Sjöberg „Fröken Julie“ von 1951, der auf einen Einakter von August Strindberg zurückgeht und 1951 die Goldene Palme in Cannes gewann.
    Die Eiben sind giftig, sowohl die Beeren als auch die Nadeln. Ich denke, das ist relevant hier.

    • Der Film: http://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A4ulein_Julie_(Film)
      Das Stück: http://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%A4ulein_Julie
      Was nutzt uns der Hinweis auf einen Film, den wir nicht kennen?
      Muss man einen bestimmten Film sehen, um ein Gedicht zu verstehen?
      Wozu veröffentlicht man Gedichte, die nur spezialisierte Philologen verstehen?
      Macht die Lektüre Celan’scher Gedichte einen der feinen Unterschiede (Bourdieu) aus, mittels derer man sich von der Masse abhebt?
      Es tun sich hier im Zusammenhang moderner Kunst oder Dichtung viele Fragen auf – auch Herrn Beltracchi sollte man beachten (http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Beltracchi).

      • Naja. Was kann denn Celan dafür, wenn heute keiner mehr diesen Film kennt? Ist das auch so schlimm? Wenn man den Ehrgeiz hat, speziell diesem Gedicht intensiver nachzuspüren, dann hält einen niemand auf, sich den Film auch heute noch anzusehen. Allerdings gibt es sehr viele andere Gedichte von Celan, wo man genau das nicht tun muss.

        Ein Dichter reagiert auch immer auf tagesaktuelle Eindrücke, zeitspezifische Diskussionen und ähnlichen Kräuselungen an der Oberfläche, die mit der Zeit verschütten und verloren gehen. Die Spezialphilologen sollten dann den Weg soweit freiräumen, damit das Schriftstück wieder zugänglich wird. Aber das ist bei weitem kein spezielles Problem bei Celan, sondern man kann beliebig in die Germanistenkiste greifen: Walther von der Vogelweide, Gryphius, Goethe. Überall findet man zeitspezifische Kontexte, die erklärt werden müssen. Das ist jetzt wirklich nichts außergewöhnliches, im Gegenteil, es wäre doch eher merkwürdig, wenn es nicht so wäre!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s