Celan: Zähle die Mandeln – Interpretation

Zähle die Mandeln…

Text

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/zaehle-die-mandeln-69 (mit Vortrag Celans)

http://www.marcus-steinbrenner.info/docs/texte/Celan_Auge.pdf (dort S. 7)

http://web.archive.org/web/20030829151542/http://www.geocities.com/Athens/Chariot/3474/mohn/inhalt.htm (Mohn und Gedächtnis – das letzte Gedicht)

Dieses Gedicht hat Paul Celan 1952 in Niendorf der Gruppe 47 vorgetragen, zusammen mit „Die Todesfuge“, „Ein Lied in der Wüste“ und „In Ägypten“ (der Vortrag endete als Fiasko für Celan). In „Mohn und Gedächtnis“ ist es als Schlussgedicht des zweiten Teils das Pendant zu „Die Todesfuge“. Celan hat ihm also eine große Bedeutung zugeschrieben. Dieses Gedicht ist ungewöhnlich – es gibt eine Rettung für das angesprochene Du; wie sie gelingt, bleibt zu untersuchen.

Die erste Strophe knüpft an den Geschmack der Mandeln an, um das Bittere in den Blick zu rufen. Der Ich-Sprecher beginnt mit der zweifachen Aufforderung zu zählen: die Mandeln, Symbol für das, „was bitter war und dich wachhielt“ (V. 2); dann als dritte eine schwer verständliche Forderung: „zähl mich dazu“. Es folgt ein Doppelpunkt, der ankündigt, dass nun eine Erklärung dieser dritten Aufforderung folgt – die 2. Strophe. Wozu sind die Mandeln und alles Bittere zu zählen, um sich dessen zu vergewissern? Das wird zunächst nicht gesagt, ergibt sich indirekt aber aus der 2. und 3. Strophe: aus dem Wirken des Ich und aus den Folgen dieses Wirkens für das Du.

Das Ich berichtet von zwei Leistungen, die es vollbracht hat: das Auge des einsamen Ichs suchen (V. 4), den Weg zu einem geheimnisvollen Spruch weisen (V. 5-9). Dabei fällt auf, dass das Ich damit eine einzigartige Position einnimmt; es ist der einzige Mensch, der das Du anschaute, als es die Augen öffnete; er hat die Gedanken des Du zu den einzigartigen Krügen geleitet – sie wurden von einem „Spruch, der zu niemandes Herz fand“ (V. 9), behütet. Damit hat das Ich die Situation „niemand um mich“ für das Du beendet.

In der 3. Strophe wird in verschiedenen Bildern umschrieben (berichtet), wie das Du so zu sich selber fand: zum eigenen Namen (V. 10), zum eigenen Schweigen (V. 12), zur Aneignung des Erlauschten und des Toten. Das Erlauschte wird wohl im Schweigen (V. 12) erlauscht sein; vielleicht ist es der Spruch, der bisher noch zu niemandes Herz drang (V. 9). Es ist das erlösende Wort. Und das Tote, also die Toten, die ermordeten Verwandten (biografisch gesprochen), die Opfer des Nazi-Massenmordes (historisch gesprochen), es blieb nicht verloren, blieb nicht Asche in der Luft, sondern „legte den Arm um dich“ (V. 14), stellte die Gemeinschaft wieder her, kehrte als Totes ins Leben zurück, „und ihr ginget selbdritt durch den Abend“ (V. 13), zusammen mit dem Erlauschten.

In der 4. Strophe wird auf die 1. zurückverwiesen; dabei wird die scheinbare Idylle der 3. Strophe zerstört, indem die Bedingung der Versöhnung, des Gewinns der Identität bewusst gemacht wird: „Mache mich bitter.“ (V. 16) Der Imperativ „zähl mich dazu“ (V. 2) wird hier weitergeführt; dazuzählen ist zu wenig, solange das Ich nicht wirklich bitter geworden ist. Das Ich wird bitter, indem es die Situation der Einsamkeit aushält: nicht angeblickt werden, die vom erlösenden Spruch gehüteten Krüge nicht finden, den eigenen Namen nicht finden…

Wenn man das Verhältnis von Ich und Du bedenkt, erscheint es als möglich, dass Ich und Du die beiden Pole eines Selbst-(oder doch eines Zwie?)gesprächs sind: Das Ich will seine Bitterkeit annehmen, um durch sie hindurch seine Identität (als Du) zu finden. Hier ist noch einmal auf alles zu verweisen, was man in der Interpretation des Gedichtes „Brandmal“ zur Schwermut bzw. Melancholie lesen kann (s. die Links dort!).

„Celan war es darum zu tun, ein Neues zu konstruieren und in der Beschreibung dieser Rekonstruktion möglichst viele, die mit demselben Selbstgefühl geistig sich befassten, mitzunehmen. Wenn seine Lyrik eine kathartische Funktion gehabt hatte, dann nur die, Schlüssel zu sein zu Vorstellungswelten, in denen Motive beschrieben werden, die den Weg zu neuer Ganzheit begleiten.“ (Werner Karg, s.u.)

http://www.connotations.uni-tuebingen.de/charney01101.htm

http://www.blz.bayern.de/blz/eup/01_06/8.asp (Werner Karg: Identität und Zeitgenossenschaft. Zeitbezug in der deutschen Lyrik nach 1945)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=jHWoghcOdgc (Musik von Carl Rütti)

https://www.youtube.com/watch?v=W22MJW6qTts (Musik: Dror Elimelech)

https://www.youtube.com/watch?v=QFD9EVJjT24 (getanzt)

Sonstiges

http://www.liberley.it/c/celan_p.htm (Texte Celans im Internet)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/celan.html (Fritz St.: 12 Gedichte, mit Vortrag)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/todesfuge-66 (zehn Gedichte, mit Vortrag Celans)

http://www.marcus-steinbrenner.info/docs/texte/Celan_Auge.pdf (Gedichte zu den Motiven: Auge, Begegnung im Schweigen)

http://www.onlinekunst.de/november/23_11_Celan.htm (sechs Gedichte, einige Links)

http://www.planetlyrik.de/paul-celan-ausgewahlte-gedichte/2011/06/ (u.a. Beda Allemann über „Sprich auch du“ als poetolog. Gedicht; Allemanns Text allein: http://kammermusikkammer.blogspot.de/2012/07/paul-celan-ich-horte-sagen-gedichte-und.html)

http://www.ggr.ro/PCFRGED.htm (G. Gutu über frühe Gedichte Celans, plus 22 Gedichte)

http://www.imdialog.org/bp2010/06/06.html (U. Schwemer: Gedenken und Umkehren, mit Gedichten Celans)

http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg2/abschlussarbeiten/BA-Arbeit_Julian_Tietz.pdf (Funktion der Bibelmotive bei P.C.)

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/13954/celan.pdf (Identitätssuche bei P.C.)

http://www.theologie-und-literatur.de/fileadmin/user_upload/Theologie_und_Literatur/Blasphemische_Gebete.Paul_Celan.Fin.pdf (zur versuchten Rettung des Menschen durch Gottesfremde bei P.C.)

http://www.anarchafeminismus.de/afaz/afaz-nr2/lyrik.htm (Lyrik und Anarchie – über P.C. u.a.)

http://www.kas.de/wf/doc/kas_6038-544-1-30.pdf?050201172131 (über P.C.)

http://www.ruedigersuenner.de/paul%20celan.html (über den Dichter)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorc/celan.html (Links der UB der FU Berlin)

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