Paul Celan: Brandmal – Interpretation

Wir schliefen nicht mehr, denn wir lagen im Uhrwerk der Schwermut…

Text

http://www.deutschelyrik.de/index.php/brandmal.html (mit Vortrag Fritz Stavenhagens)

http://systemrelevante-kunst.de/wp-content/uploads/2013/09/europ%C3%A4ische-Beziehungsweisen.pdf (dort das letzte Gedicht)

„Die Melancholie, heute Depression genannt, begleitet den Menschen seit Beginn seiner Geschichte und wird auch in Zukunft zu seinem Leben gehören. (…) Neben Melancholie wurde in der Vergangenheit mit jeweils spezifischem Akzent auch von Schwermut, Depression, Acedia, Hypochondrie und Trübsinn gesprochen. In der modernen Medizin findet sich die Krankheitsbezeichnung Melancholie nicht mehr. Auch wenn die biochemischen Abläufe der Entstehung, der Ursachen und Therapie depressiver Erkrankungen heute weitgehend erforscht sind, kommt ihrem seelisch-geistigen Sinn und ihren sozialen Zusammenhängen weiterhin übergreifende Bedeutung zu.“ (D. von Engelhardt, s.u.)

Ein lyrisches Ich berichtet im Gedicht, wie es ihm in der Schwermut erging. Es gehört mit einem Du zusammen und bildet die Gemeinschaft „Wir“ (V. 1). Das erste Bild ist das vom „Uhrwerk der Schwermut“ (V. 1), in dem „wir“ nach dem Schlaf lagen. Im Uhrwerk treibt die Feder die Räder zu ihrem präzise abgestimmten Gang an; wenn man im Uhrwerk der Schwermut liegt, kann man ihr nicht entkommen. Das zeigt sich bei einem entsprechenden Versuch: Wir „bogen die Zeiger wie Ruten“ (V. 2); wir wollten aus dem Gehäuse entfliehen, aber vergeblich; denn „sie schnellten zurück und peitschten die Zeit bis aufs Blut“ (V. 3). Hier erscheint die Zeit als leidendes Subjekt oder Objekt, sie ist mit dem Uhrwerk verbunden; vielleicht ist sie das Uhrwerk – dann wäre die Zeitlichkeit der Grund der Schwermut, die Tatsache, dass wir nicht bleiben können.

Im nächsten der vielen und-Sätze – Hauptsätze, die acht von neun Versen des Gedichtes ausmachen und den Eindruck unaufhaltsamen Fortschreitens erzeugen: Das Verhängnis nimmt seinen Lauf – wird das Einzige erwähnt, was das Du getan hat: „du redetest wachsenden Dämmer“ (V. 4), zunehmend Dunkles. Das ist die Folge, vielleicht auch der Grund für das Dasein im Uhrwerk der Schwermut.

Dem Lauf der Zeit entsprechend redet das Ich die „Nacht deiner Worte“ (V. 5) geduldig, beharrlich zwölfmal mit „du“ an, wie etwas Vertrautes, wie einen Vertrauten. Das Ich stellt sich also dem Dunkel und es gelingt ihm, dass die Nacht der Worte sich öffnet (V. 6).

Das folgende Bild ist surreal oder ungewohnt: Das Ich legt der Nacht „ein Aug in den Schoß“ (V. 7); im Dunkel der Nacht braucht es seine Augen nicht – ist die Gabe des Auges ein Opfer oder ein Dank dafür, dass die Nacht der Worte sich geöffnet hat? Oder werden die beiden Augen nur an verschiedenen Orten deponiert (V. 7), damit zwischen beiden die Zündschnur gespannt werden kann? Offensichtlich wird dann die Schnur entzündet und es folgt der Blitz der Explosion (V. 9) – damit endet das Gedicht. Was denkt man sich danach? Die Augen sind zerstört, vielleicht sind auch die beiden zerstört; das Dunkel ist blitzartig erhellt worden – vielleicht ist das Dunkel zerstört? Wenn man die Überschrift beachtet, könnte das Brandmal auch die Folge der Explosion sein: Wie das Dunkel deiner Worte (statt der Schwärze der Galle, wie man in der Antike meinte: Melancholie = Schwermut) beseitigt wurde, blieb von der Explosion ein Brandmal als Andenken zurück.

Eine Apposition verdient noch Beachtung: „die Zündschnur, die offene Ader“ (V. 8). Wenn die Zündschnur eine offene Ader ist, dann ist sie zum Blutvergießen geöffnet, zum baldigen Verenden. Zündschnur und Ader kann ich als Bilder nicht verbinden; vielleicht ist die Ader erforderlich, damit der Blitz heranschwimmen (V. 9) kann? Aber warum muss er heranschwimmen? Und warum muss Celan so dunkel schreiben?

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=_yHN5MHOfdM (wer spricht?)

Sonstiges

http://www.liberley.it/c/celan_p.htm (Texte Celans im Internet)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/celan.html (Fritz St.: 12 Gedichte, mit Vortrag)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/todesfuge-66 (zehn Gedichte, mit Vortrag Celans)

http://www.marcus-steinbrenner.info/docs/texte/Celan_Auge.pdf (Gedichte zu den Motiven: Auge, Begegnung im Schweigen)

http://www.onlinekunst.de/november/23_11_Celan.htm (sechs Gedichte, einige Links)

http://www.planetlyrik.de/paul-celan-ausgewahlte-gedichte/2011/06/ (u.a. Beda Allemann über „Sprich auch du“ als poetolog. Gedicht; Allemanns Text allein: http://kammermusikkammer.blogspot.de/2012/07/paul-celan-ich-horte-sagen-gedichte-und.html)

http://www.ggr.ro/PCFRGED.htm (G. Gutu über frühe Gedichte Celans, plus 22 Gedichte)

http://www.imdialog.org/bp2010/06/06.html (U. Schwemer: Gedenken und Umkehren, mit Gedichten Celans)

http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/files/13954/celan.pdf (Identitätssuche bei P.C.)

http://www.theologie-und-literatur.de/fileadmin/user_upload/Theologie_und_Literatur/Blasphemische_Gebete.Paul_Celan.Fin.pdf (zur versuchten Rettung des Menschen durch Gottesfremde bei P.C.)

http://www.anarchafeminismus.de/afaz/afaz-nr2/lyrik.htm (Lyrik und Anarchie – über P.C. u.a.)

http://www.kas.de/wf/doc/kas_6038-544-1-30.pdf?050201172131 (über P.C.)

http://www.ruedigersuenner.de/paul%20celan.html (über den Dichter)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autorc/celan.html (Links der UB der FU Berlin)

Schwermut, Melancholie, Depression

http://gedichte.xbib.de/_Schwermut_gedicht.htm (Schwermutsgedichte)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/moeblierte-melancholie-1580 (Mascha Kaleko)

http://www.faz.net/aktuell/wissen/mensch-gene/psychologie-vom-nutzen-der-schwermut-1957347.html (Vom Nutzen der Schwermut)

http://www.deutschlandradiokultur.de/sei-dennoch-unverzagt-gib-dennoch-unverloren.1124.de.html?dram:article_id=177092 (Von der Melancholie)

http://www.culture.hu-berlin.de/hb/static/archiv/volltexte/texte/natsub/melancho.html (H. Böhme: Kritik der Melancholie und Melancholie der Kritik)

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=2852 (Melancholie in der Medizin- und Kulturgeschichte)

http://www.hardtwaldklinik2.de/melancholie.html

http://www.untier.de/pdf/der_lange_schatten_der_melancholie.pdf (U. Horstmann: Der lange Schatten der Melancholie)

http://www.glanzundelend.de/Artikel/wgsebald.htm (Enzyklopädie der Melancholie – über W. G. Sebald)

http://www.psychotherapie-wissenschaft.info/index.php/psy-wis/article/view/35/151 (Freuds Annäherung an Trauer und Melancholie)

http://www.ev-akademie-meissen.de/fileadmin/studienbereich/Naturwissenschaft/Material/Depression_Dr._Jurk_Vortrag_Melancholie.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Depression

http://www.psychiatrie.de/krankheitsbilder/depression/

http://www.mpipsykl.mpg.de/clinic/erkrankungen/depression/

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