Remarque: Im Westen nichts Neues – Analyse des 1. Kapitels

„Im Westen nichts Neues“ – 1. Kapitel, Analyse (Ausgabe KiWi 916, 2005, S. 13-24)

1. Zeitstruktur und Erzählweise:

Der Ich-Erzähler Peter Bäumer ist 19 Jahre alt (14). Er beginnt seine Erzählung mit einer Beschreibung des Hier und Jetzt, wobei er sich direkt auf die Ablösung „gestern“ bezieht: Wir „sind satt und zufrieden“, neun Kilometer hinter der Front (13); es gibt reichlich zu essen und zu rauchen.

Es folgt eine Erklärung, wieso „uns diese ganze Bescherung eigentlich nicht“ zusteht (13 – 16). Diese Erklärung stellt einen Rückblick dar: Einsatz an der Front vor 14 Tagen, starke Verluste am letzten Tag, Rückkehr in der vergangenen Nacht, Aufstehen und Essensverteilung am Mittag; die Essensverteilung und der Streit mit dem zuständigen Unteroffizier wird szenisch erzählt (im Präteritum, 14 – 16; Ort, Zeit und Figuren des Geschehens sind eingeführt und werden weiter ausgebaut).

Es folgt eine Szene der Ruhe nach dem Mittagessen: Einige Soldaten hocken auf kleinen Latrinen, spielen Karten und genießen die Ruhe (16 – 19, Präsens). Der Plan, den verletzten Kameraden Kemmerich am Nachmittag zu besuchen (19), bereitet die nächste Szene (21 ff.) vor. Ein Brief des ehemaligen Lehrers Kantorek ist Anlass für einen kurzen Rückblick und mehrere Kommentare des Ich-Erzählers (19 – 21).

Kantorek hatte seine Schüler für den Krieg begeistert, so dass die ganze Klasse sich meldete. Dieser Einsatz Kantoreks wird vor dem Hintergrund der realen Kriegserfahrung sehr kritisch kommentiert: Das Unglück der Welt komme oft von kleinen Leuten her (19); Kantorek und „diese Erzieher“ präsentierten ihre Kriegsbegeisterung leichtfertig (19); mit dem Wort „feige“ wurde leichtfertig sozialer Druck zur Teilnahme am Krieg aufgebaut (19); am vernünftigsten waren die kleinen Leute, die den Krieg „gleich für ein Unglück hielten“ (19 f.); alle diese Kantoreks (Verallgemeinerung!) waren überzeugt, „auf eine für sie bequeme Weise das Beste zu tun. Darin liegt aber gerade für uns ihr Bankerott.“ (20) Es folgen zwei Absätze, in denen das Urteil über Kantoreks begründet wird, indem den Reden der Alten die eigene Erfahrung der Jungen gegenübergestellt wird: Der erste Tote, der erste Sturmangriff zerstörten die Weltanschauung, die die Alten gelehrt haben. „Und wir sahen, daß nichts von ihrer Welt übrig blieb.“ (21) Man hat die Jungen mit der harten Realität des Krieges allein gelassen.

Es folgt die Szene (21 – 24), wie die ehemaligen Klassenkameraden am Nachmittag den verwundeten Kemmerich im Lazarett besuchen. Sie finden einen Verwundeten, der sich seiner wahren Lage (Bein amputiert, der Tod steht bevor) nicht bewusst ist; der sich noch um seine ihm gestohlene goldene Uhr sorgt; der seine schönen englischen Stiefel nicht herausrücken will. Die Kameraden spielen ihm die Aussicht auf Genesung und Heimaturlaub vor. Sie müssen einen Sanitäter mit Zigaretten bestechen, damit Kemmerich Morphium bekommt. Bei der Heimkehr vom Lazarett bekommt Kropp angesichts des nahen Todes Kemmerichs den „Frontkoller“ (24).

In diese Szene ist eine Erinnerung an die Abfahrt zur Front bzw. an Kemmerichs Mutter eingeschoben (22); sie hatte Bäumer gebeten, auf ihren Sohn aufzupassen. Den Abschluss des Kapitels bildet ein Kommentar zu einem Satz aus Kantoreks Brief („Wir wären die eiserne Jugend.“): Den „hunderttausend Kantoreks“ wird Ahnungslosigkeit attestiert (24): „Eiserne Jugend! Jugend! (…) Jugend? Das ist lange her. Wir sind alte Leute.“

Es werden also zwei Ereignisse eines Nachmittags in der Etappe hinter der Front szenisch erzählt. Damit verbindet der Ich-Erzähler einen kurzen Rückblick auf den letzten harten Einsatz (mit szenisch erzählter Erinnerung an den Kampf um das reichliche Essen, 14 ff.), eine Erinnerung an Kantoreks Werbung für den Krieg in seiner Klasse sowie den Abschied und die Sorge von Kemmerichs Mutter. In die Zukunft weist der Plan, Kemmerich am Nachmittag im Lazarett zu besuchen; dessen Zukunft ist der Tod, der schon in ihm arbeitet, „die Augen beherrscht er schon“ (21). Auch denkt der Erzähler kurz an „morgen“ (24), wenn er den Brief mit der Todesnachricht an Kemmerichs Mutter schreiben muss.

Aus der Ordnung der Zeit fallen die Kommentare des Ich-Erzählers heraus; in ihnen sagt er, was richtig ist und gilt: dass die Soldaten lernen, „aus jeder Sache Vorteil zu ziehen“ (17); dass sie ihre Scham verloren haben, dass dem Soldaten „sein Magen und seine Verdauung ein vertrauteres Gebiet als jedem anderen Menschen“ ist (17); dass die Verherrlicher des Krieges keine Ahnung haben und es sich mit ihrer Begeisterung bequem machen (s. oben, Kantorek).

Indirekt beleuchten auch einige nur berichtete Ereignisse den Krieg: die Tatsache, dass nach einem Trommelfeuer von 150 Mann nur noch 80 übrig sind (13); die Aufregung des „Küchenbullen“, der deswegen zu viel gekocht hat (15); der hilflose Tod Behms (20); die Behandlung Kemmerichs im Lazarett (s.o.); die Tatsache, dass Leute wie Kropp, die klar denken, nicht befördert werden (14).

2. Raumstruktur:

Die Front ist die Bezugslinie, die Etappe liegt 9 km hinter ihr; dort leben die Soldaten. In der Etappe gibt es auch das Lazarett, zu dem man hingehen kann. Von der Etappe aus muss man an der Front mit Essen versorgt werden, was nicht immer klappt (16), weil der zuständige Unteroffizier Angst hat. – Die Gegenwelt ist die Heimat; sie ist durch Briefe und durch die Erinnerung präsent – und zugleich Ziel des Urlaubs, in dem man die Front hinter sich lassen kann (22). Sie ist jedoch auch mit der falschen Kriegsbegeisterung der Kantoreks (der Lehrer und Intellektuellen) verbunden; an der Front sind die Soldaten „auf furchtbare Weise allein“ (21).

3. Figuren:

Die Hauptfigur ist der Ich-Erzähler Paul Bäumer, 19 Jahre alt; er ist mit einigen seiner Mitschüler in der gleichen Kompanie. Unter den Kameraden ragt Stanislaus Katcinsky heraus; er ist 40 Jahre alt, „zäh, schlau, gerissen“ (14); was er sagt, „das hat er sich überlegt“ (20). Dann gibt es weitere Kameraden („unsere Freunde“, 14), meistens gleichaltrig, ferner den Kompaniechef, den Leutnant, den Küchenchef und einen Sanitäter. Gegenpol ist der ehemalige Klassenlehrer Kantorek, der seine Schüler begeistert in den Krieg geschickt hat (s.o.), und Kemmerichs Mutter, die Sorgen um ihren Sohn hatte (22).

Eigene Verwandte Bäumers werden im 1. Kapitel nicht erwähnt – dies zeigt, dass er nicht seine Subjektivität auslebt, sondern als Ich-Erzähler eher ein authentischer Berichterstatter eigenen Erlebens ist. Er steht in einer Gruppe „wir“ und spricht aus, was „der Soldat“ erlebt, weiß und denkt (17): „Für uns haben diese ganzen Vorgänge den Charakter der Unschuld wiedererhalten…“ (17). „Wir denken alle drei das gleiche“ (23); damit beansprucht er nicht Allwissenheit, sondern nur das allgemeine Wissen der Soldaten, das auf ihrer Erfahrung beruht. Er urteilt zwar über Kameraden („Tjaden macht das auch Freßsucht…“, 13 u.ö.), aber auch diese Urteile kann man als allgemeines Wissen ansehen.

Seine überlegene Position zeigt sich besonders in der Art, wie er die Äußerungen seines ehemaligen Lehrers Kantorek kommentiert, und in seiner Sprache.

4. Sprache:

Der Erzähler ist mitten im Geschehen; er spricht Umgangssprache, die normale und die der Soldaten; darin kommen militärische Fachbegriffe vor (Furier, Unteroffizier, Langrohr, Flak, Kompanie, Essenholer usw.), aber auch der Soldatenjargon ist zu hören (Küchenbulle, Tomatenkopf, Offizierspuff); das vulgäre Wort „scheißen“ meidet er, obwohl doch der Wortschatz der Verdauung dem Soldaten so wichtig ist (17). Er beobachtet genau und kann (als Gymnasiast, wenn auch noch ohne Abitur – Müller V büffelt noch für das Notexamen, 14) differenziert beschreiben, was er sieht (wie sich der Tod bei Kemmerich ankündigt, 21, – das ist kein Soldatenjargon, sondern Sprache eines Gebildeten); er reflektiert seine Erlebnisse und kommentiert sie. Er bildet Nebensätze und Infinitivkonstruktionen, wenn es nötig ist, kann aber auch einfache Hauptsätze aneinander reihen.

5. Verhältnis zum Vorwort:

Vor Kapitel 1 steht ein Bekenntnis des Autors: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. (…)“ (12) Vielmehr solle es über eine Generation berichten, „die vom Kriege zerstört wurde“. Das Verb „zerstört werden“ hat eine stark negative Konnotation; bereits die Verwendung dieses Verbs widerlegt den Anspruch, nicht Anklage erheben zu wollen.

Vor allem die Kommentierung der Person Kantorek und die Kommentare zum Soldaten (s.o.), jedoch auch die Berichte von der Beiläufigkeit des Sterbens – direkt oder indirekt dargestellt („es wäre alles nicht so schlimm mit dem Krieg, wenn man nur mehr Schlaf haben würde“, 14) –, der Behandlung der Verwundeten und den Schrullen des Küchenbullen zeigen den Krieg als negativ, ohne dass seine ganzen Schrecken bereits sichtbar würden. Aber noch stehen große Berichte vom Fronterleben aus; doch sind sie zu erwarten, weil der Kompanie nur eine Pause zur Erholung hinter der Front gewährt wird.

Das Vorwort des Autors wird also nicht bestätigt, sofern es Neutralität zu versprechen scheint; es wird bestätigt, wenn man die Bedeutung des Verbs „zerstört werden“ würdigt. – Das Vorwort muss jedoch nicht zwingend dem Autor zugesprochen werden: Neben dem Ich-Erzähler (13 – 199) finden wir ja einen weiteren Sprecher, der am Ende vom Tod Paul Bäumers berichtet. Es gibt also eine Instanz zwischen dem Autor und dem Ich-Erzähler, der man auch das Vorwort zurechnen könnte, zumal dieses nicht durch den Namen des Autors beglaubigt ist.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

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