Remarque: Im Westen nichts Neues – wie sich der Krieg auf die Soldaten auswirkt (Analyse)

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005)

Neben den Kampfszenen ist dieses Thema ein Zentrum des Romans; hierhin gehört auch das, was bereits über die verlorene Generation festgehalten worden ist. – Zunächst sind Überlegungen des Ich-Erzählers Paul Bäumer zu nennen:

Während Paul sich an seine Ausbildung erinnert, kommentiert er seine Erfahrungen (26 ff.): „Mit Begeisterung und gutem Willen waren wir Soldaten geworden; aber man tat alles, um uns das auszutreiben.“ (26) Die Ausbildung bestand weithin aus Schikanen: „wir hatten uns unsere Aufgabe anders gedacht und fanden, daß wir auf das Heldentum wie Zirkuspferde vorbereitet wurden. Aber wir gewöhnten uns bald daran.“ (27). Durch den Vergleich „wie Zirkuspferde“ wird die große Idee des Heldentums auf die niedere Stufe der Tierdressur herabgezogen. – Nach weiteren Berichten über die Ausbildungsmethoden des Unteroffiziers Himmelstoß (27 ff.), der öfter im Roman erwähnt wird, fasst Paul Bäumer das Ergebnis der Ausbildung so zusammen: „Wir wurden hart, mißtrauisch, mitleidlos, rachsüchtig, roh – und das war gut; denn diese Eigenschaften fehlten uns gerade. Hätte man uns ohne diese Ausbildungszeit in den Schützengraben geschickt, dann wären wohl die meisten von uns verrückt geworden.“ (29) Durch das Lob der wenig menschenfreundlichen Eigenschaften, die man in der Ausbildung erwirbt, wird die Inhumanität des Krieges entlarvt.

Im gleichen Zusammenhang wird jedoch auch das Zusammengehörigkeitsgefühl erwähnt, „das sich im Felde dann zum Besten steigerte, was der Krieg hervorbrachte: Zur Kameradschaft!“ (30) Gesteigert wird diese Kameradschaft im Verhältnis Pauls zu Katczinsky, mit dem er u.a. nächtens zwei geklaute Gänse brät; „wir sind voll zarteter Rücksicht miteinander, als ich mir denke, daß Liebende es sein können“ (74); „jetzt sitzen wir vor einer Gans und fühlen unser Dasein und sind uns so nahe, daß wir nicht darüber sprechen mögen“ (74). Auch zu Beginn des Kapitels 11, wo Paul die Auswirkung des Krieges reflektiert (s.u.), wird die große Brüderschaft unter den Soldaten erwähnt, „die ein[en] Schimmer von dem Kamaradentum der Volkslieder, dem Solidaritätsgefühl von Sträflingen und dem verzweifelten Einanderbeistehen von zum Tode Verurteilten seltsam vereinigt zu einer Stufe von Leben, das mitten in der Gefahr (…) sich abhebt und zu einem flüchtigen Mitnehmen der gewonnenen Stunden wird, auf gänzlich unpathetische Weise. Es ist heroisch und banal, wenn man es werten wollte – doch wer will das?“ (185) – Es gibt eine weitere Belegstelle dafür: „Eine ungemeine Wärme durchflutet mich mit einemmal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Worte, diese Schritte im Graben hinter mir reißen mich mit einem Ruck aus der fürchterlichen Vereinsamung der Todesangst, der ich beinahe verfallen wäre. Sie sind mehr als mein Leben, diese Stimmen, sie sind mehr als Mütterlichkeit und Angst, die sind das Stärkste und Schützendste, was es überhaupt gibt: es sind die Stimmen meiner Kameraden.“ (147)

Paul reflektiert, als sie in ein Feld-Rekrutendepot zurückgezogen sind (zu Beginn des 7. Kapitels), die Bedeutung der Gewohnheit für den Soldaten (101 ff.). Scheinbar macht die Gewohnheit, dass die Soldaten alle Schrecken vergessen. „Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt; aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.“ Aber die Blödeleien und der „Humor“ der Soldaten sind nur Fassade. „Und ich weiß: all das, was jetzt, solange wir im Kriege sind, versackt in uns wie ein Stein, wird nach dem Kriege wieder aufwachen, und dann beginnt erst die Auseinandersetzung auf Leben und Tod. (…) unsere Köpfe werden klar sein, wir werden ein Ziel haben, und so werden wir marschieren, unsere toten Kameraden neben uns, die Jahre der Front hinter uns: – gegen wen, gegen wen?“ (103) Hier wird, wie man heute sagt, gegen die Gewohnheit die künftige Erinnerungsarbeit propagiert; damit wird das Recht der Gewohnheit nicht negiert, sondern auf eine höhere Stufe gehoben, wo auch sie menschlich aufgearbeitet werden muss.

Während eines Heimaturlaubs (7. Kap.) bemerkt Paul, dass er sich im letzten Jahr durch seine Teilnahme am Krieg verändert hat: „Ich finde mich hier nicht mehr zurecht, es ist eine fremde Welt. (…) Am liebsten bin ich allein, da stört mich keiner. (…) Es sind andere Menschen hier, Menschen, die ich nicht richtig begreife, die ich beneide und verachte.“ (121) Paul denkt an seine Kameraden, die bald wieder „nach vorn“ müssen; das gibt den Dingen ein anderes Gewicht. – Diese Fremdheit ist bereits in der Analyse der verlorenen Generation besprochen worden.

Oben ist schon auf die große Reflexion des Ich-Erzählers zu Beginn des 11. Kapitels hingewiesen worden. Man muss die zweieinhalb Seiten (185 – 187) sorgfältig lesen; ich beschränke mich auf einige Stichworte:

  • „Unsere Gedanken sind Lehm, sie werden geknetet vom Wechsel der Tage…“ (185)
  • Die Unterschiede zwischen den Menschen zählen nicht mehr (185).
  • Es ist eine große Brüderschaft unter den Soldaten (185, s.o.).
  • „Das Leben hier an der Grenze des Todes hat eine ungeheuer einfache Linie, es beschränkt sich auf das Notwendigste, alles andere liegt in dumpfem Schlaf; – das ist unsere Primitivität und unsere Rettung.“ (186) Mit Stumpfheit und der Gleichgültigkeit von Wilden verbindet sich der Kameradschaftssinn, „damit wir nicht zerbrechen vor dem Grauen, das uns bei klarem, bewußtem Denken überfallen würde“ (186). – Solche Analysen sind ein Widerspruch in sich: Ein derart klar reflektierender Soldat ist weit von Dumpfheit und Wildheit entfernt!
  • Mit Schrecken empfindet man nachts angesichts seiner Träume, „wie dünn der Halt und die Grenze ist, die uns von der Dunkelheit trennt“ (187); dann tröstet der „Schlafatem der Kameraden, und so warten wir auf den Morgen“ (187).

Es sind noch zwei persönliche Erfahrungen Paul Bäumers und zwei Gespräche nachzutragen. In den Gesprächen zeigt sich, wie die Soldaten ihre Kriegserfahrungen theoretisch verarbeiten.

a) Da ist einmal die Theorie der Macht, die Katczinsky entwickelt, als die Kameraden darüber nachdenken, wieso der Briefträger Himmelstoß als Unteroffizier eine so große Macht über sie besitzt. Diese Passage sollte man ganz lesen (3. Kapitel, 40 f.).

b) Nach einem Besuch des Kaisers an der Front (140, zu Beginn des 9. Kapitels) fragt Albert, „ob es Krieg gegeben hätte, wenn der Kaiser nein gesagt hätte“ (141). Daraus ergeben sich Überlegungen, dass die Entscheidung für den Krieg nur von 20, 30 Leuten getroffen wurde (141); dass die Professoren und Pastöre beider Seiten behaupten, ihre Seite sei im Recht (141 f.), was ja nicht stimmen kann; dass nicht die Leute den Krieg wollen und machen, sondern der Staat (142); dass es Leute gibt, die vom Krieg profitieren (142). Die Soldaten brechen ihre Überlegungen ohne Ergebnis ab, der Leser kann selber weiterdenken.

Zwei Erlebnisse Paul Bäumers verdienen noch besondere Beachtung:

a) Im Heidelager (132, 8. Kapitel) grenzt das Lager der russischen Kriegsgefangenen an das deutsche Lager. Paul ist öfter auf Wache bei den Russen (135). „Ein Befehl hat diese stillen Gestalten zu unseren Feinden gemacht; ein Befehl könnte sie in unsere Freunde verwandeln. (…) Jeder Unteroffizier ist dem Rekruten, jeder Oberlehrer dem Schüler ein schlimmerer Feind als sie uns. Und dennoch würden wir wieder auf sie schießen und sie auf uns, wenn sie frei wären. / Ich erschrecke; hier darf ich nicht weiterdenken.“ (136) Paul erkennt, dass er vor einer zentralen Einsicht steht. „Mein Herz klopft: ist hier das Ziel, das Große, das Einmalige, an das ich im Graben gedacht habe, das ich suchte als Daseinsmöglichkeit nach dieser Katastrophe aller Menschlichkeit, ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens?“ (136) Im Grunde bejaht er seine Frage – und teilt seine Zigaretten mit den Russen.

b) Als Paul allein als Patrouille geschickt wird, gerät er in einen schrecklichen Angriff (145 ff., 9. Kapitel). Ein Franzose fliegt in seinen Trichter, und er ersticht ihn, ohne lange nachzudenken (149). In der Begegnung mit diesem sterbenden und dann toten Franzosen erwacht in ihm die Menschlichkeit. Der Tote hat Frau und Tochter, er bekommt seinen Namen (Gérard Duval), Paul steht in seiner Schuld. Nachmittags beruhigt er sich. „Heute du, morgen ich. Aber wenn ich davonkomme, Kamerad, will ich kämpfen gegen dieses, das uns beide zerschlug: dir das Leben – und mir –? Auch das Leben. Ich verspreche es dir, Kamerad. Es darf nie wieder geschehen.“ (156) – Es dürfte klar sein, dass allein diese Gedanken eines Frontsoldaten genügt hätten, damit die Nazis den Roman Remarques 1933 verbrennen mussten.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)

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