Remarque: Im Westen nichts Neues – über das Rettende (Analyse)

Remarque: Im Westen nichts Neues (Ausgabe KiWi 916, 2005)

Ich setze hier voraus, dass Sie zur Kenntnis genommen haben, was ich über die verlorene Generation und die Auswirkungen des Krieges auf die Soldaten geschrieben habe. – Wenn man das letzte Kapitel des Romans in Ruhe liest, fällt die Ambivalenz auf, in der Paul Bäumer noch am Ende seines Lebens steht: Einmal denkt er erneut, dass seine Generation verloren ist, „und schließlich werden wir zugrunde gehen“ (198); dagegen stellt er die Möglichkeit, dass diese Gedanken „nur Schwermut und Bestürzung“ (198) sind, die wieder verfliegen werden: „Es kann nicht sein, daß es fort ist, das Weiche, das unser Blut unruhig machte, das Ungewisse, Bestürzende, Kommende, die tausend Gesichter der Zukunft, die Melodie aus Träumen und Büchern, das Rauschen und die Ahnung der Frauen…“ (199). Er hält also bis zum Schluss an der Idee eines Rettenden fest, welches dem Leben Ziel und Richtung gibt. Im Folgenden soll untersucht werden, was zu diesem Rettenden gehört; denn es zeigt sich in mancherlei Gestalten.

1. Im Krieg hat es zwei Gestalten, die Kameradschaft und die Erde:

** Zur Kameradschaft sind die relevanten Stellen schon in der Untersuchung über die Auswirkungen des Krieges zusammengetragen worden. Für alle anderen zitiere ich Pauls Gedanken auf seiner einsamen Patrouille: „Eine ungemeine Wärme durchflutet mich mit einemmal. Diese Stimmen, diese wenigen, leisen Worte, diese Schritte im Graben hinter mir reißen mich mit einem Ruck aus der fürchterlichen Vereinsamung der Todesangst, der ich beinahe verfallen wäre. Sie sind mehr als mein Leben, diese Stimmen, sie sind mehr als Mütterlichkeit und Angst, die sind das Stärkste und Schützendste, was es überhaupt gibt: es sind die Stimmen meiner Kameraden.“ (147)

** Dem entspricht der Lobpreis der Erde (47 f.): „Wenn er sich an sie preßt, lange, heftig, wenn er sich tief mit dem Gesicht und den Gliedern in sie hineinwühlt in der Todesangst des Feuers, dann ist sie sein einziger Freund, sein Bruder, seine Mutter. (…) Erde – Erde – Erde – !“

Dies sind die Gestalten des Rettenden im Krieg – aber Pauls Gedanken gehen auch über den Krieg hinaus.

2. Die Soldaten suchen im Gespräch das, was im Frieden ihr Lebensziel sein könnte (62 ff.); Paul möchte „etwas Unausdenkbares tun. (…) Etwas, weißt du, was wert ist, daß man hier im Schlamassel gelegen hat. Ich kann mir bloß nichts vorstellen.“ (68) Bei der Begegnung mit den gefangenen Russen erinnert er sich an diese Äußerung – er hält es für möglich, dass die Feindschaft zwischen den Menschen aufhört, dass auch die Russen brüderliche Mitmenschen sein könnten (135 f.). „Mein Herz klopft: ist hier das Ziel, das Große, das Einmalige, an das ich im Graben gedacht habe (…), ist es eine Aufgabe für das Leben nachher, würdig der Jahre des Grauens?“ (136) Er scheut sich, den Gedanken zu Ende zu denken, teilt aber seine Zigaretten brüderlich mit den Russen (136).

Im Gespräch über den Grund des Krieges (140 ff.) erkennen die Soldaten, dass die Professoren und Pastöre mit ihren Parolen nicht recht haben und dass es eine Beleidigung eines Volkes durch ein anderes nicht gibt; dass vielmehr wenige den Krieg wollen und wenige davon profitieren. Aber der Denker Albert beendet diese abstrakte Analyse, in der es keine Namen und keine Zahlen und keine bestimmten Interessen gibt: „Besser ist, über den ganzen Kram nicht zu reden.“ (144) Kat bestätigt, dass dadurch ja auch nichts besser werde.

Diese beiden Episoden zeigen, wie die Soldaten zwar die Idee eines Rettenden haben, aber sie nicht zu fassen bekommen – ihre Analyse bleibt ans Gefühl gebunden (Paul, vgl. 138, den letzten Absatz von Kap. 8 – auch in der Begegnung mit dem ermordeten Duval kommt Paul nicht über das Gefühl hinaus: „Kamerad, ich will kämpfen gegen dieses, das uns beide zerschlug…“, 156; schon Sekunden später weiß er, dass er es nicht tun wird) oder sie bleibt abstrakt. Sie bleibt auch für Paul abstrakt, weil sie nur ans Gefühl gebunden ist.

Deswegen erscheint das Rettende Paul in zwei anderen Gestalten:

  • „Das Leben“ wehrt sich gegen den Tod (186). Zum Leben gehört „das Weiche, das unser Blut unruhig machte, (…) die Melodie aus Träumen und Büchern, das Rauschen und die Ahnung der Frauen“ (199; vgl. auch die tiefe Übereinstimmung der beiden Freunde nach dem Gänseessen, 74). Hierzu zählt auch die Erfahrung der Liebe (109 oben), die allerdings bereits bald darauf widerrufen wird: „Man glaubt an Wunder, und nachher sind es Kommißbrote.“ (111)
  • Die Landschaft der Jugend (90 f.) und das Kindsein (130) sind die andere Gestalt; das Kindsein trägt aber nicht den Erwachsenen, den nächsten Heimaturlaub handelt Paul mit drei Zeilen ab (183). An der Landschaft der Jugend hat ihn „das Gemeinsame, dieses Gleichfühlen einer Brüderschaft mit den Dingen und Vorfällen unseres Seins, die uns abgrenzte“ (91) angezogen – aber sie hat nur in der Jugend getragen, sie ist ihm nicht mehr zugänglich, meint er zumindest, als er sich als verloren betrachtet (92). Vielleicht widerlegt das letzte Kapitel diese Einschätzung? Denn die Landschaft der Jugend ist letztlich nichts anderes als das, was Paul auch „das Leben“ nennt. – Es scheint, dass „das Leben“ ihn auch den Tod akzeptieren lässt; der Tote lag so, „als wäre er beinahe zufrieden damit, daß es so gekommen war“ (199).

Fazit: Paul und seine Kameraden können das Rettende nicht begreifen, weil es ihnen nur im Gefühl gegeben ist, weil es in ihrem Denken abstrakt bleibt. Es fehlt ihnen die konkrete politische Analyse, welche zu Erkenntnissen führte, für deren Verwirklichung man sich organisieren kann. Solange das Rettende nur im Gefühl erscheint, bleibt es Trost für den Moment, kann sich aber nicht in der Geschichte der Menschen auswirken. Es ähnelt (gleicht?) dem Idyll der Natur (95, oben) oder dem selbst geschaffenen Idyll des Fressens und Schlafens (159). – Erzähltechnisch macht die Ambivalenz es möglich, den Roman endlos weiterzuschreiben, aber auch jederzeit abzubrechen; beendet wird er dadurch, dass einer nach dem anderen aus der Gruppe stirbt, Paul als letzter.

Vielleicht ist das Defizit in der Konzeption des Rettenden ein Grund für den großen literarischen Erfolg des Romans – und für seine politische Wirkungslosigkeit.

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Zu Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ finden Sie in diesem Blog mehrere Beiträge, die in dieser Reihenfolge entstanden sind (ich hoffe, dass sich darin auch ein Erkenntnisfortschritt spiegelt):

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/09/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-des-1-kapitels/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-analyse-die-verlorene-generation/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-wie-sich-der-krieg-auf-die-soldaten-auswirkt-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/11/remarque-im-westen-nichts-neues-inhalt-interpretation-hilfen-links/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-zeitstruktur-mit-ubersicht-inhalt/

https://norberto42.wordpress.com/2014/05/13/remarque-im-westen-nichts-neues-uber-das-rettende-analyse/

Im Jahr 2014 gibt es eine Reihe von Ausstellungen über den 1. Weltkrieg: Übersicht

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