Ernst Jünger: In Stahlgewittern – Die Doppelschlacht bei Cambrai (Analyse)

Um Ernst Jüngers Bericht historisch einordnen zu können, sollte man zunächst den Aufsatz Yves Le Maners über die Schlacht von Cambrai lesen: http://www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com/die-geschichte/schlachten/die-schlacht-von-cambrai-20-november-bis-14-dezember-1917.html

Zeitstruktur von Jüngers Bericht „Die Doppelschlacht bei Cambrai“ (Text aus Ernst Jünger: Werke. Bd. 1: Tagebücher I. Ernst Klett, Stuttgart 1961, S. 222 ff.; vgl. http://www.calameo.com/books/0001271727eeb57886111, dort „lesen“, S. 229 – 246)

Wir lagen noch kurze Zeit in V-a-t…

fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse

– Hechtepisode

Am 19. November besichtigte ich…

– fast jede Nacht alarmiert…

29. November: Info über Teilnahme am großen Gegenangriff (222)

Nacht 30./1. Dezember: zwei störende Episoden

Fahrt zur Front; Info: sie sollen nur die Reserve bilden

9.00 Artillerieangriff bis 11.50; Angriff, Fesselballon wird abgeschossen

Nachmittagsschlaf (223) 15.00 Vorrücken unter Feuer

Abendessen mit Tebbe

23.00 Befehl zum weiteren Vorrücken (224)

Ankunft im Bataillonsgefechtsstand; Diskussion, Angriffsbefehl (revidiert)

Nacht zum 2. Dezember (225)

„Drachenweg“ entdeckt, dort Spitze der Engländer getroffen;

Angriff geplant und den Leuten erklärt, endlos lange Stunden im Erdloch

6.00 aufgestanden, letzte Anordnungen getroffen (226)

7.00 vorgerückt in die Siegfriedstellung, Nahkampf, Engländer ergeben sich (227)

Begegnung mit dem Anführer der engl. Kompanie; 200 Gefangene (228)

Plünderung der engl. Vorräte; nach 30 min weiteres Vorrücken

Freiwillige für Angriff über offenes Feld gesucht (229)

Bericht vom Kämpfen und von einzelnen Gefallenen (230)

12.00 Frühstück und Lagebesprechung der Offiziere; Zwischenfall: Kampf (231); Beispiel eines rasenden dt. Angreifers, der andere mitreißt; Nahkampf, Verluste auf beiden Seiten (232)

Disput mit einem Offiziersstellvertreter, wer werfen darf; Flucht der Engländer (233), Nahkampf

Jünger wird verletzt (Schädelstreifschuss), Tebbe ist tot, weitere Verluste (234), aber die siebte Kompanie hält die Stellung.

Auf dem Rückweg wird Jünger erneut verwundet, geht mit dem Hauptmann zurück zur Befehlsstelle (235).

In Moeuvres wird er verarztet, fährt am Nachmittag nach Lécluse, berichtet beim Abendessen dem Oberst von Oppen, geht zu Bett. —

Am ­4. Dezember kommt auch das Bataillon dort an; Belobigung und Auszeichnung der erfolgreichen Soldaten. —

Die Verletzungen kuriert Jünger während eines Weihnachtsurlaubs aus, er wird besonders ausgezeichnet; goldgerandetes Ritterkreuz und silberner Pokal sind seine Erinnerungszeichen an die Schlacht von Cambrai (236).

Bedeutung der Schlacht wird erklärt (236 f.); der durchschossene Stahlhelm: ein weiteres Erinnerungsstück (237).

Auswertung

Es werden Ereignisse eines Zeitraums von etwa sechs Wochen erwähnt; berichtet werden Ereignisse von fünf Tagen. Dabei hängen die Daten 29.11. bis 2.12. 1917 mit dem 4.12. als die Tage des Gegenangriffs von Cambrai und die Ehrung der erfolgreichen Soldaten zusammen. Die meiste Aufmerksamkeit bekommen die beiden Tage des Angriffs, der 1. und 2. Dezember 1917; sie bilden den Kern des Kapitels.

Kommentare des Erzählers

Vom Kämpfen berichtet der Erzähler Ernst Jünger distanziert. Wenn man seine Einstellung (bzw. die Tendenz des Buches „In Stahlgewittern“) erfassen will, muss man sich hauptsächlich an die Erzählerkommentare halten – abgesehen davon, dass auch ein distanziertes Erzählen über die Schrecken des Nahkampfs etwas besagt. Es ist nicht einfach, Kommentare (K) von Erklärungen (E) des Erzählers zu unterscheiden; ein Anzeichen, dass sicher ein Kommentar vorliegt, ist die Verwendung des Präsens. Aber auch Erklärungen werfen ein Licht auf den Erzähler.

E: da mir die gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag… (222); die Hechtepisode zeigt eine „menschliche“ Seite des Krieges.

K: Erfahrenen Kriegern war klar… (222): Der Erzähler ist erfahren.

K: Obwohl wir froh waren… (222): Der richtige Soldat liebt den Angriff.

K: Ich sah bei der Gelegenheit… (223): menschliche Erfahrung.

K: … war auch ein Zeichen dafür, daß die Unbarmherzigkeit des Krieges sich steigerte (223): Bereitet auf die Schilderung des Kampfes vor.

E: Zahlreiche Tote verrieten… (224, unbedeutend)

K: Ein unheimliches Gefühl beschleicht… (224 f.); hier wird eine Soldatenerfahrung von der Fremdheit der Welt beschrieben.

K: Der nächste Morgen zeigte… (225): Das Misstrauen des erfahrenen Offiziers rettet ihm und seinen Leuten das Leben.

K: Ich dachte mir mein Teil… (225 – Fortsetzung des vorhergehenden Kommentars)

K: Man hat ein flaues Gefühl… (226): Die Anspannung vor dem Kampf zeigt die menschliche Seite der Soldaten; diese Erfahrung, so etwas wie Prüfungsangst, verbindet sie mit allen Lesern.

K: Seine ersten Worte zeigten… (228): Respekt vor dem Feind als einem richtigen Mann

K: Für eine Kompanie von achtzig Köpfen… (228): Selbstlob

K: Als vorsichtiger Mann… (229): Misstrauen und Umsicht des Führers, s. Kommentare S. 225.

K: … der mich lehrte, daß man niemanden kennt… (229): Kampf als die Bewährungsprobe des Menschen (des Mannes)

K: Das hatte etwas Gespenstisches (230): Der plötzliche Tod eines Vertrauten berührt auch einen abgebrühten Soldaten.

K: Mut, tollkühner Einsatz… (232): indirekt ein Lob der Tollkühnheit

E: Jedesmal, wenn einer der eierförmigen Eisenklumpen… (232): Erfahrung des Soldaten vom erfolgreichen Kämpfen, das als „Duell“ bezeichnet wird.

K: Der Handgranatenwechsel erinnert an das Florettfechten… (233); durch den Vergleich mit Florettfechten und Ballett wird der Handgranatenkampf beschönigt, wenn er sofort darauf auch als „der tödlichste der Zweikämpfe“ bewertet wird.

K: Ich konnte während dieser Minuten… (233 – Fortsetzung des vorigen Kommentars); dieser Kommentar ist bezeichnend für die „Sachlichkeit“, mit Jünger gekämpft und über den Krieg geschrieben hat.

E: Ein Freund von hohen Eigenschaften… (234); diese Erklärung relativiert den vorhergehenden Kommentar – der plötzliche Tod eines Freundes berührt den Kämpfer tief.

K: Unter allen erregenden Momentes des Krieges… (235): Dieser Kommentar verherrlicht die Härte der Kämpfer; die Stoßtruppführer werden als „die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern“ bezeichnet. – In die gleiche Kerbe schlagen die Berichte vom „Streit“ darüber, wer werfen darf (S. 233), vom Polen, der sich freiwillig meldet (S. 229 f.), und vom tollkühnen Einsatz des Offizierstellvertreters (S. 231 f.), dessen Beispiel andere mitreißt.

E: Mit Recht durfte ich stolz auf meine Leute sein (236 f.). Der ganze Schluss des Kapitels handelt vom Stolz erfolgreicher Kämpfer und von der Ehre und Anerkennung, die sie dadurch erwerben.

Auswertung

Die Erklärungen und Kommentare bringen dem Leser einmal soldatische Erfahrungen nahe. Sie zeigen Ernst Jünger als einen erfahrenen Offizier, der an seine Leute denkt und sie vor unnötiger Gefährdung bewahrt; sie zeigen ihn aber auch als unerbittlichen Kämpfer, der die Entscheidung auf Leben und Tod sucht und dabei über die Besiegten hinwegsieht. Er schätzt Tollkühnheit und Selbstlosigkeit seiner Leute, aber auch den Gegner als Mann; der plötzliche Tod eines Freundes berührt ihn jedoch. Am Ende winken dem Sieger Ehre und Anerkennung, welche Jünger genießt.

Man kann das Buch „In Stahlgewittern“ im Hinblick auf dieses Kapitel vielleicht nicht als Verherrlichung, aber doch als Lobpreis des Krieges ansehen, in dem wahre Männlichkeit gefordert und ausgebildet wird. – Das Vorwort der 1. Auflage (s.u.) macht deutlich, in welchem Geist und in welcher Absicht das Buch geschrieben worden ist.

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Da ich selber wenig Ahnung vom Aufbau der Wehrmacht hatte, habe ich die Gliederung der Armee und die Abfolge der Ränge nachgeschlagen:

Generale (Reichswehr)

Generalfeldmarschall

Generaloberst

General

Generalleutnant

Generalmajor

Offiziere

Oberst

Oberstleutnant

Major

Hauptmann

Oberleutnant

Leutnant

Unteroffiziere

Stabsfeldwebel

Oberfeldwebel

Feldwebel (bzw. Wachtmeister)

Offiziersanwärter

Oberfähnrich

Fähnrich

Fahnenjunker (1. WK: Sergeant und Unteroffizier)

Mannschaften

Stabsgefreiter

Obergefreiter

Gefreiter

Obersoldat

Soldat

———-

Großverbände (Bundeswehr)

Heeresgruppe (mehrere Armeen)

Armee (mehrere Korps, 200.000 Soldaten)

Korps (2 – 3 Divisionen, meist von Generalleutnant geführt)

Division (10.000 – 20.000 Soldaten)

Brigade (mehrere Bataillone)

Verbände

Regiment (2000 – 3000 Soldaten)

Bataillon (mehrere Einheiten einer Waffengattung)

Einheiten

Kompanie (2 – 6 Züge, von Hauptmann oder Major geführt)

Teileinheiten

Staffel (mehrere Züge oder Gruppen)

Zug (25 – 60 Soldaten)

Gruppe (2 – 4 Trupps)

Trupp (2 – 7 Soldaten)

Vgl. dazu

http://www.kriegstagebuch.gottfriedrinker.bplaced.net/regimenter.html (Armee-Aufbau 1. WK)

https://de.wikipedia.org/wiki/Dienstgrade_des_Deutschen_Heeres_%28Deutsches_Kaiserreich%29

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Heer_%28Deutsches_Kaiserreich%29 (dort 10.2)

http://weltkrieg2.de/sonstiges/Erster-Weltkrieg/Deutsche-Soldaten.htm

Über die Siegfriedlinie im 1. WK:

http://www.lexikon-erster-weltkrieg.de/Siegfried-Linie

http://en.wikipedia.org/wiki/Hindenburg_Line

Weitere Links zu „In Stahlgewittern“

1. der Text

http://www.gutenberg.org/files/34099/34099-h/34099-h.htm (3. Auflage, mit dem Vorwort zur 1. und 2. Auflage)

https://archive.org/stream/instahlgewittern34099gut/pg34099.txt (dito)

http://www.calameo.com/books/0001271727eeb57886111, dort „lesen“ anklicken, S. 229 – 246

2. Verlauf des 1. WK

http://www.dhm.de/lemo/html/wk1/kriegsverlauf/

http://www.fsgeschichte.uni-freiburg.de/studium/prufungshilfen/uebersichten/wk1 (tabellarisch)

http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg (ausführlich)

http://weltkrieg.husfeld-online.de/ (knapp, mit Frontverlauf)

https://www.kas.de/wf/doc/kas_37322-544-1-30.pdf?140407093642 (tabellarisch)

http://www.dhm.de/lemo/objekte/karten/1914/ Frontverlauf

http://de.wikipedia.org/wiki/Westfront_(Erster_Weltkrieg)

http://www.chemindesdames.fr/pages/contenu.asp?contenu_id=1&rubrique_id=1 (Chemin des Dames, 1917 – ging der Schlacht von Cambrai vorauf)

http://www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com/die-geschichte/schlachten/die-grossen-phasen-des-kriegs-an-der-westfront.html

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/ersterweltkrieg/ (verschiedene Aspekte des Krieges)

https://norberto42.wordpress.com/2014/11/09/deutsche-maler-der-1-weltkrieg-bilder/ (Deutsche Maler: Der 1. Weltkrieg)

3 thoughts on “Ernst Jünger: In Stahlgewittern – Die Doppelschlacht bei Cambrai (Analyse)

    • Ich habe auch nicht behauptet, es habe ein (gesamt)deutsches Heer gegeben; ich habe vergleichweise die Ränge in der Reichswehr (und den Aufbau der Bundeswehr) angeführt, damit man sich eine Vorstellung von der ähnlichen Abfolge der Dienstgrade während des 1. Weltkrieges machen kann. Im Übrigen standen laut Verfassung alle Armeen im Kriegsfall unter dem Oberbefehl des Kaisers.

  1. P.S. In Peter Jochen Winters: Den Mördern ins Auge gesehen, 2015, finde ich die Reihe der Unteroffiziere anders aufgelistet:

    Stabsoberfeldwebel
    Oberfeldwebel
    Feldwebel
    Unterfeldwebel
    Unteroffizier

    Danach geht es mit den Mannschaften weiter.

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