Rilke: Werkleute sind wir – Analyse

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister…

Text

http://www.gedichte.eu/71/rilke/stunden-buch/werkleute-sind-wir-knappen.php

http://de.wikisource.org/wiki/Das_Stundenbuch/Das_Buch_vom_m%C3%B6nchischen_Leben#Seite_20_1

http://www.philos-website.de/index_g.htm?autoren/rilke_g.htm~main2

Das Gedicht stammt aus dem „Stundenbuch“, dort aus dem 1. Buch: Vom mönchischen Leben (1899).

Da spricht jemand, der sich nur in seiner wir-Gruppe sieht, ohne jemals „ich“ zu sagen. Er stellt die Gruppe zu Beginn vor: „Werkleute sind wir.“ (V. 1), stellt dabei pointiert die Bestimmung (Prädikativ) „Werkleute“ an die Spitze; der Wortakzent (Wérk-) weicht dabei vom jambischen Schema ab. Die folgende Aufteilung von Knappen bis Meister zeigt, dass das ganze Spektrum abgedeckt ist; da von keiner anderen Gruppe die Rede ist, kann man die Werkleute als die Menschen insgesamt sehen. Im nächsten Vers wird das Werk vorgestellt: das hohe Mittelschiff bauen, also das Mittelschiff einer (gotischen) Kirche. Seltsamerweise wird das Mittelschiff mit „du“ (V. 2) angesprochen; aber das muss nicht viel heißen, das kann beiläufig gesagt sein, mehr zur Selbstvergewisserung. Gleichwohl stellt sich die Frage, was denn das Bild vom Bau des Kirchenschiffs sagen soll; das bleibt aber noch ungesagt.

In den drei folgenden Versen wird von Ereignissen berichtet, die „manchmal“ (V. 3) eintreten: dass ein Fremder „wie ein Glanz“ (V. 4) kommt und den Werkleuten einen neuen Griff zeigt. Den neuen Griff zu lernen macht den gottgleichen Glanz aus; in V. 4 hält die g-Alliteration den Fremden und die Werkleute zusammen, die bis ans Ende von V. 5 reicht („Griff“). In V. 5 kommt die z-Alliteration hinzu. Die g-Alliteration wird durch die unschematische Betonung von „geht“ (V. 4) noch stärker hervorgehoben.

Die Zweiteilung spiegelt sich auch in den Reimwörtern des Kreuzreims: Meister, Mittelschiff / Hergereister, Griff. Im Reimschema ist V. 3 verdoppelt (Hergereister – Geister), wie es auch oft bei Kästner der Fall ist; durch diese Abweichung vom Schema der Parallelität kommt etwas Schwung ins Sprechen. Die Verse machen jeweils einen Satz aus, da tut dem Sprechen der neue Schwung von V. 4 gut. Auch der Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen wirkt lebendig – so übrigens in allen Strophen.

Die 2. Strophe ist streng parallel zur 1. gebaut: In den beiden ersten Versen wird vom Tun der Werkleute berichtet; in V. 8-10 wird von den seltenen Stunden gesprochen, in denen den Werkleuten eine Erleuchtung zuteil wird („die Stirnen küßte / als ob sie alles wüßte“, V. 8 f., und „strahlend“, V. 9). Dieser Reim in V. 8 f. ist semantisch bedeutsam; er erschließt auch den Reim V. 6/10, wo die Gegensätze schwer/leicht zusammengebunden sind: Das Leichte bringt die Stunde mit sich, die die Stirn der Werkleute küsst. Parallel dem Glanz (V. 4) steht das Strahlen (V. 9). Einen Hinweis verdienen die h- (V. 7) und die st-Alliterationen (V. 8 f.).

Der letzte Vers der 2. Strophe ist um einen Takt gekürzt (4 statt 5 Jamben), wodurch eine kleine Ruhepause eintritt. Damit wird die 3. Strophe vorbereitet, in der das wundersame Wirken der Erleuchtung beschrieben wird („Dann“, V. 11, betont). Die Strophe ist im Schema eines Tages, eines Arbeitstages gegliedert: Dann / (erst) wenn (V. 11, 13, beide anfangsbetont), zuerst die glückliche und glückende Arbeit (h-Alliteration, v. 11), dann die beglückende Ruhe bei Anbruch der Dunkelheit (d- und k-Alliteration in V. 14). Die „kommenden Konturen“ scheinen von der Zukunft in die abendliche Dunkelheit paradox hinein, wenn auch nur dämmernd (V. 14). In dieser Strophe ist das Reimschema der umfassende Reim: „Stoß/los“ meint Gegensätze, „Hämmern/dämmern“ ebenfalls (Arbeit/Ruhe, beide jedoch erfüllt: Der Strahlenglanz der Stunde ist der Vorschein der kommenden Konturen.). Damit ist die 3. Strophe abgeschlossen; unklar bleibt mir die Ortsangabe „die Berge“ (V. 12) – das könnten metaphorisch die Berge von Stein sein, die bearbeitet werden; es könnten auch die Berge in der Nähe sein, in die hinein das Hämmern hallt. Jedenfalls geht es um die weite Wirkung von Hallen und Hämmern.

Es folgt überraschend ein Fazit in einem kleinen Vers (4 Silben, also eigentlich zwei Takte), in dem jedes Wort betont wird. Da wird das hohe Mittelschiff auf einmal als „Gott“ angesprochen, er wird mit dem Bekenntnis der Größe geehrt: Das zu schaffende Werk der Werkleute, das ist „Gott“; über das Bild vom Kirchenschiff ist diese „religiöse“ Wendung vorbereitet worden, ohne dass doch ein christlicher Gott gemeint wäre. Gott ist das Werk der Menschen, das sich manchmal andeutungsweise in seinen kommenden Konturen zeigt; zu ihm bekennt sich, ihn verehrt der Sprecher, welcher wohl stellvertretend für alle Werkleute spricht.

http://www.archive.org/stream/dielyrikrainerma00heyguoft/dielyrikrainerma00heyguoft_djvu.txt (Heyrodt: Die Lyrik Rainer Maria Rilkes, 1921, S. 81 ff.: Das Buch vom mönchischen Leben)

http://www.timo-braun.com/tl_files/schattensucher/Dowload-Texte/Artikel_Rilkes%20Stundenbuch.pdf (T. Braun: Symptome der Säkularisierung in Rilkes Stundenbuch)

http://gul.echter.de/component/docman/doc_download/3660-72-1999-4-273-290-betz-0.html (O. Betz: Über die Religiosität Rilkes)

http://emsemsem.files.wordpress.com/2013/10/ausgerechnet-gott_-notizen-zu-rilkes-stunden-buch.pdf (B. Huber: Rilkes grandioses Scheitern im Stunden-Buch)

http://riviste.unimi.it/index.php/StudiaAustriaca/article/download/1960/2210 (dort S. 97 ff.: Die Poetik der Epiphanie bei Rainer Maria Rilke)

http://www.academia.edu/3838486/Magnusson_Gisli_Dichtung_als_Erfahrungsmetaphysik._Esoterische_und_okkultistische_Modernitat_bei_R._M._Rilke_Epistemata_Literaturwissenschaft_Bd._673_._Wurzburg_Konigshausen_and_Neumann_2009._Doktordisputats_ (G. Magnússon: Dichtung als Erfahrungsmetaphysik, 2009)

http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-kreise-um-gott-um-den-uralten-turm.1124.de.html?dram:article_id=176917 (über das Verhältnis Rilke – Gott)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=r8cRGa9plcQ (gesungen, vertont von J. Schön und J-H Prinz)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s