Rilke: Abend – Interpretation

Der Abend wechselt langsam die Gewänder…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Abend_%28Rilke%29 (mit Vortrag)

http://rainer-maria-rilke.de/06b022abend.html

http://www.versalia.de/archiv/Rilke/Abend.973.html

http://www.lyrik123.de/rainer-maria-rilke-abend-9848/

Das Gedicht steht im „Buch der Bilder“ (des 1. Buches 2. Teil), offenbar erst in der 2. Auflage 1906 (siehe wikisource), vielleicht 1904 entstanden (s. zweiter Link des Textes).

Die formalen Aspekte sind in den beiden unten zuerst genannten Quellen hinreichend analysiert, so dass ich mich hier auf den Aufbau und den „Sinn“ der Aussagen und des Gedichtes konzentriere; die drei unten genannten „Versuche“ zeigen, wie schwer das Gedicht zu enträtseln ist.

Der Sprecher beschreibt zunächst im Bild vom Kleiderwechsel, wie der Abend sein Aussehen verändert, wie es also dunkler wird (V. 1 f.); danach führt er ein erlebendes Subjekt ein, als „du“ (V. 3) bezeichnet, was sowohl „ich“ wie „du“ meinen kann – wahrscheinlicher ist das Ich, weil neben dem potenziellen „Du“ kein Ich mehr auftaucht. Das Ich schaut dem Wechsel, dem Kleiderwechsel des Abends zu; was es dabei erlebt und erwägt, wird im Folgenden angedeutet.

Es ist eine wesentliche Unterscheidung, die sich im Dämmerlicht vollzieht, im Bild zweier „Länder“ oder (Be)Reiche angedeutet, die sich entweder empor oder abwärts bewegen, die man als Dunkel und Licht identifizieren kann, welche bereits Symbole geworden sind (2. Strophe: Ewiges beschwörend, steigender Stern: das Licht). Die Bewegung der Länder hat zudem ihre Bedeutung (V. 4): Himmelfahrend ist sie (Rettung) oder Fall (Untergang). Diese Länder „scheiden sich“ von dir (V. 3), sieht das Ich; sie unterscheiden sich voneinander und trennen sich vom Ich, weil sie getrennt sind.

In der 2. Strophe wird die Beziehung des Ich zu den Ländern beschrieben: Sie „lassen dich“ – zu ergänzen ist vermutlich „zurück“; es folgt die entscheidende Bestimmung der Person Ich, sie ist „zu keinem ganz gehörend“ (V. 5) – also gehört sie beiden Ländern an, aber eben nicht „ganz“. In Vers 6 f. wird das erläutert: Du bist nicht ganz dunkel und schweigend, du bist nicht (ganz hell und) Ewiges beschwörend; hier geht es darum, wie das Ich oder jeder auf seine Lebens- und Welterfahrung reagieren kann: verzweifelt schweigen oder „sicher Ewiges beschwören[d]“ – Letzteres wird dem jede Nacht steigenden Stern zuerkannt (V. 8); im Dunkel sein oder im Licht leben.

Was diese Zugehörigkeit zu beiden Ländern bedeutet, wird in der 3. Strophe gesagt: Die Länder lassen dir dein Leben, das beiden Reichen angehört und in dieser Ambivalenz „nicht zu entwirrn“ (V. 9) ist. Hinter „Leben“ hat nach wikisource ein Komma zu stehen, so dass die drei Attribute (Apposition) „bang und riesenhaft und reifend“ (V. 10) dieses ambivalente Leben charakterisieren; „bang“ ist eher die Stimmung des derart uneindeutigen Ichs, „riesenhaft“ das Leben als Aufgabe, „reifend“ die Qualität des Lebens (als organischer Prozess? als sittliche Aufgabe? als Wort, das um der r-Alliteration willen gewählt wurde?).

Wie diese Ambivalenz erlebt wird, ist in den beiden letzten Versen beschrieben – nicht pathetisch, aber doch deutlich vom Empfinden des Ichs bestimmt: „so daß…“, das ist die Folge der beschriebenen Situation: doppelt ausgeführt, in V. 11 und in V. 12. In V. 11 steht wieder eine Apposition zu „Leben“, welche sich in der Formulierung deutlich der b-Alliteration verdankt: Manchmal ist dieses Lebens sich begreifend, manchmal nur „begrenzt“, also verworren und dunkel (Kontrast zu „begreifend“ – ich halte „begreifend“ für das klare und „begrenzt“ für das hinzugesetzte Wort). In V. 12 wird das Erleben dieser Wechselbads in Bildern beschrieben: In dir wird es bald „Stein“ (hart, kalt, dunkel), bald „Gestirn“ (hell, warm), je nachdem, welche Reichszugehörigkeit gerade dominiert.

Kurzer Nachtrag zu den Versuchen des Verstehens: Es geht keineswegs um das Leben nach dem Tod, sondern um die spannungsvolle oder ambivalente Art und Weise, wie man sich selbst in der Welt erlebt: um das Leben vor dem Tod! Die Dämmerung des Abends als „Mischung“ von Licht und Dunkel ist der „Gegenstand“, der Bild der Lebens-Erfahrung geworden ist. Der Kontrast von Licht und Finsternis wird seit Jahrtausenden benutzt, um den Weltprozess und die Rolle des Menschen darin im Symbol zu begreifen.

http://hecht-netz.de/Schueler/K13/Rilke/Kammerlohr-Stoettner.ppt (mehr Biografie als Interpretation)

http://www.niemiecki.ang.pl/forum/pomoc-jezykowa/109371 (dort unter: 18 cze, also der letzte Beitrag)

http://www.e-hausaufgaben.de/Hausaufgaben/D11269-Interpretation-zum-Gedicht-Abend-von-Rilke.php (ab hier: Versuche…)

http://rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?p=7433

https://de.answers.yahoo.com/question/index?qid=20090427062533AArIEuZ

Symbole Licht/Dunkel

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Finsternis

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Dunkelheit

http://www.architektur-und-freikirche.de/PDF-dateien/Licht%20und%20Finsternis%20in%20den%20Religionen%20der%20Welt.pdf

http://www.elfenbeinturm.net/archiv/2003/09.html

http://www.ev.theologie.uni-mainz.de/zimmermann/gleichniskompendium/downloads/manuskripte/090_Joh_11,9f._Koester.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Absolute_Metapher

http://www.kommunikation.unibe.ch/unibe/rektorat/kommunikation/content/e80/e1425/e4697/e45264/e45266/linkliste45269/10_13_Metapher.pdf

http://www.israelogie.de/2013/licht-aus-der-finsternis-chanukkah-und-weihnachten-im-vergleich/

http://www.uni-weimar.de/de/medien/professuren/mediale-historiographien/forschung/licht-und-nichtlicht/

https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/kb/article/download/10833/4692

http://www.staff.uni-marburg.de/~heuserh/2013schattenraeume/Schatten_vortrag_prof_demandt.pdf (Licht und Schatten)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=vtea3QFIJKo (F. Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=hmswYNNkopo (J. D. zu Schlamm – der ausländische Akzent macht sich hier negativ bemerkbar)

https://www.youtube.com/watch?v=U3u1ltqsFHc (Patrick B., zu stark am Vers orientiert)

https://www.youtube.com/watch?v=F0M83l1tM3o (M. Caduff: ausgezeichnet, hat das Gedicht verstanden! – von Schubert-Musik begleitet)

https://www.youtube.com/watch?v=vAqHaUZzPio (J. Atanasov, gut, aber noch zu stark am Vers orientiert)

https://www.youtube.com/watch?v=-1fuAI7tN0I (Schulprojekt, also schülerhaft)

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