Rilke: Herbsttag – Analyse

Herr, es ist Zeit…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Herbsttag (mit Vortrag)

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/rilke1.html

Das Gedicht steht im Band „Das Buch der Bilder“ (1902) und wird dem Symbolismus zugerechnet. Die Vielzahl der Analysen und Vorträge zeigt, dass es sich um ein viel gelesenes Gedicht handelt; es zählt zu den Lieblingsgedichten der Deutschen. Hier genügen ein paar Stichworte, die Analysen sind ja schon geschrieben:

  • Zweiteilung: Str. 1 und 2, Str. 3 (Natur / Menschen) – muss im Sprechen realisiert werden!
  • Form: „Gebet“ / Reflexion (Bruch nach Str. 2; der „Herr“ ist nur eine Funktion des Naturablaufs)
  • Thema „Zeit“, verbunden mit dem Herbst: Es ist / Sommer war; es folgen Imperative zur Vollendung des großen Sommers (2. Str.) und der Aktivierung des Herbstes (1. Str.). Ab Str. 3: „jetzt“, mit Ausblick (Futur)
  • Vers 1 abgehoben, setzt das Thema; der 2. Satz kann als Dank verstanden werden, begründet aber auch die Feststellung im 1. Satz. Der 1. Satz setzt die Bitten und den Ausblick frei.
  • Fünfhebiger Jambus, mit Abweichungen (Herr, gieb, dränge, unruhig); Wechsel der Kadenzen macht das Sprechen lebhafter
  • Reimformen: wechselnd, aber im Prinzip am Schema des umarmenden Reims orientiert
  • Das hängt mit der Veränderung der Zahl der Verse pro Strophe zusammen
  • Enjambement in den vorletzten Versen von Str. 2 und 3, sondern fallen Vers- und (Teil)Satzende zusammen.

http://www.vormbaum.net/index.php/institute-uebersicht/seminar-rottweil/praktikanten/downloads-praktikanten/doc_view/135-praxissemester-deutsch-skript-der-2-sitzung (Analyse mit didaktischer Analyse u.a. Herbstgedichten)

http://lyrik.antikoerperchen.de/rainer-maria-rilke-herbsttag,textbearbeitung,136.html (etwas unbeholfen)

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Herbsttag&stable=0&shownotice=1&fromsection=Form

http://www.lyrikmond.de/gedicht-217.php

http://www.litde.com/gedichte-aus-sieben-jahrhunderten-interpretationen/herbsttag-rainer-maria-rilke.php

http://www.zum.de/Faecher/Materialien/dittrich/Lyrik/Herbsttag.htm (Unterrichtsvorschlag)

http://gul.echter.de/component/docman/doc_download/3660-72-1999-4-273-290-betz-0.html (O. Betz: Über die Religiosität Rilkes)

http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-kreise-um-gott-um-den-uralten-turm.1124.de.html?dram:article_id=176917 (Rilke – Gott)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/herbsttag.html (F. Stavenhagen, etwas pathetisch)

http://media1.roadkast.com/sprechbude/borsodyherbsttag.mp3 (H. von Borsody, interessant)

http://media3.roadkast.com/sprechbude/herbsttag_rilke.mp3 (H. Liebmann)

https://www.youtube.com/watch?v=ZPz6HH_2gBw (C. Brückner, gut)

http://kulturagent.eu/erlesenes/rainer_maria_rilke/ (H. J. Große)

http://www.lutzgoerner.de/index.php?option=com_content&view=article&id=486&Itemid=513 (Lutz Görner)

https://www.youtube.com/watch?v=yeZdZ-E1eDg (R. Kühn, spricht zu schnell, interessant)

https://www.youtube.com/watch?v=AdM399k07Ho (etwa blass)

https://www.youtube.com/watch?v=o1Drku8QDn4 (J. D. zu Schlamm, ausländischer Akzent)

https://www.youtube.com/watch?v=Cx85qHP6qLg (U. Hellkamp, mit rheinischem Akzent und BMW-Reklame)

https://www.youtube.com/watch?v=KOaevOcq7Vc (D. Rupp, Text nicht immer gut zu verstehen)

https://www.youtube.com/watch?v=m9CTRcRcLYs (gesungen – Text umgestellt…)

Es gibt auf youtube weitere Aufnahmen.

Zweiter Versuch (Mai 2018):

Das Gedicht steht im Band „Das Buch der Bilder“ (1902) und wird dem Symbolismus zugerechnet. Die Vielzahl der Vorträge zeigt, dass es sich um ein gern gelesenes Gedicht handelt; es zählt zu den Lieblingsgedichten der Deutschen. Mit der Anrede „Herr“ und den sechs Imperativen (V. 2-7) sieht es wie ein Bittgebet aus; doch die letzte Strophe besteht aus einer allgemeinen Reflexion über Menschen, denen es nicht gut geht – also kann nicht ernsthaft von einem Gebet gesprochen werden: Man lässt Gott nicht grußlos im Regen stehen; der „Herr“ ist hier nur eine Funktion des Naturablaufs. Die Zweiteilung des Gedichts (Str. 1 und 2 / Str. 3: Natur / Menschen) muss auch im Verstehen realisiert werden.

Der Sprecher tritt nur indirekt in der Anrede, in den Imperativen und in der Reflexion in Erscheinung. Seine erste bedeutende Aussage, noch ziemlich unbestimmt, lautet: „Es ist Zeit.“ (V. 1) Wofür es Zeit ist, wird im folgenden Satz, der eventuell als Danksagung verstanden werden kann, angedeutet: „Der Sommer war sehr groß.“ Auch das ist noch ziemlich unbestimmt – groß in welcher Hinsicht? – und gibt als Zeitbestimmung das Ende des Sommers an, was bereits im Titel „Herbsttag“ anklingt, auch wenn kein Herbsttag beschrieben wird. Die beiden ersten Bitten zielen auf den Auftritt des Herbstes: Ende des Sonnenscheins, Winde und Stürme sollen kommen; denn dafür ist es Zeit, der Sommer war groß und muss jetzt enden. Dass „der Herr“ das richtet, war Glaube vieler Bauernreligionen, wirkt um 1900 aber anachronistisch. Die nächsten vier Bitten (V. 4-7) passen nicht recht zu den beiden ersten; denn wenn noch südlichere Tage kommen und die Früchte einschließlich des Weins reifen sollen, geht das nicht ohne Sonnenschein und ruhiges Spätsommerwetter. Was auffällt, ist die vom „Herrn“ erbetene Gewaltsamkeit (befiehl, dränge, jage) gegenüber seiner Natur; bäuerliche Weisheit weiß, dass die Früchte Zeit brauchen, um zu reifen – der Sprecher dagegen drängt voller Unrast auf eine Beschleunigung und Vollendung des Reifens.

Diese Unrast äußert sich außer in den Imperativen auch in dem Enjambement hinter V. 6 und in der Anfangsbetonung von „Herr“ (V. 1), „gieb“ (V. 5) und „dränge“ (V. 6) entgegen dem jambischen Metrum, ebenso in den Steigerungsformen „südlichere“ (V. 5) und „letzte“ (V. 7). Auch die weiblichen Kadenzen (V. 2, 5, 6) verwehren einen ruhigen Abschluss der Verse. Ebenso zielt der Kreuzreim (V. 4-7) auf einen versübergreifenden Zusammenhang, während in der 1. Strophe kein Reimschema zu erkennen ist, weil sie nur aus drei Versen besteht. Es gibt aber Leser, die in „Sonnenuhren / Fluren“ (V. 2 f.) eine Art Binnenreim erkennen wollen. In der semantischen Beziehung der Entsprechung stehen die Reime V. 1/3 (Sommer war groß / lass die Winde los) und V. 4/7 (Früchte sollen voll sein / Süße im Wein), während der Reim in V. 5/6 ein bloßes Klangphänomen ist.

Abrupt ändert der Sprecher seine Thema und seine Blickrichtung, wobei die anaphorisch verwendete Partikel „jetzt“ (V. 8 f.) allerdings die folgende Reflexion an das zum Ende des Sommers resp. zum „Herbsttag“ Gesagte anschließt. Der Blick geht in die Zukunft und auf Menschen, die im Herbst verlassen dastehen (Negation in V. 8, futurische Aussagen in V. 9-12): Wer jetzt kein Haus hat, wer jetzt allein ist (V. 8 f.), dem wird es schlecht ergehen; denn dieser Zustand des unbehaust und einsam Seins wird lange bestehen bleiben (V. 8 f.), weil eben Herbsttag ist. In den letzten drei Versen wird umschrieben, wie sich das einsam Sein äußert: wachen, lesen, lange Briefe schreiben und unruhig wandern. Das kann man zusammenfassen: Der Einsame wird nur in Papierform in Beziehung zu anderen Menschen treten, und er wird nicht zur Ruhe kommen. „Zur Ruhe kommen“, das ist ein Wunsch vieler Zeitgenossen, dazu gibt es zahlreiche Anleitungen: durch Musik, durch eine Auszeit, durch Meditation… Das wünscht man noch den Toten (requiescat in pace). Im Hebräerbrief gibt es einen Gedankengang, wieso die dort angesprochenen Christen die Aussicht haben, schließlich in Gottes Ruhe einzugehen: So lasst uns nun mit Furcht darauf achten, dass keiner von euch zurückbleibe, solange die Verheißung noch besteht, dass wir in seine Ruhe eingehen. (…) Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. So lasst uns nun bemüht sein, in diese Ruhe einzugehen…“ (Hebr 4,1 ff.) Es fällt auf, dass der Sprecher es hinnimmt, dass die Verlassenen im Herbst nicht zur Ruhe kommen, dass er den Herrn nicht um seine Hilfe bittet und auch selber den Verlassenen keinen Rat weiß. Er nimmt in der Reflexion nur ihr Schicksal vorweg.

In der 3. Strophe gibt es wie in der 2. einen Kreuzreim, wobei allerdings V. 10 als Verdoppelung von V. 9 verstanden werden muss; das bringt eine Unruhe ins Sprechen und passt so, erst recht mit dem Enjambement in V. 11, zu dem angekündigten unruhigen Wandern (V. 12). In semantischer Beziehung stehen die Verse 9/10 (lange allein bleiben / lange Briefe schreiben: Entsprechung), wozu als Zeitadverbial der letzte wenn-Satz passt (V. 12 – alle mit weiblicher Kadenz). In V. 8 / 11 bleibt es dagegen beim bloßen Gleichklang (auch wegen des Enjambements, V. 11). Neben dem anaphorischen „jetzt“ fallen die Wortwiederholungen (kein, lange, V. 8-10) und viele Alliterationen auf (w- und l- in V. 10; h- in V. 11; w- in V. 12), wodurch das Sprechen einen gewählten Ton bekommt.

Das Gedicht gibt dem Leser Rätsel auf, wenn er dessen Einheit begreifen will: Nicht nur für die Veränderung der Anzahl der Verse in den einzelnen Strophen, sondern auch für den thematischen Bruch und den Wechsel des Sprechaktes vom Bitten zur Reflexion hinter der 2. Strophe gibt es keine plausible Erklärung. Nur mit Mühe kann man im „Herbsttag“ diese Einheit mit kurzem Rückblick (V. 1) und langer Vorausschau (V. 2 ff. kürzer; V. 8 ff. länger) finden. Ebenso bleibt der Widerspruch zwischen den Bitten in V. 2 f. und V. 4 ff. ohne Erklärung, wenn man nicht die Bitten in V. 4 ff. noch der Größe des Sommers (V. 1) zuordnen will – dagegen spricht allerdings die Tatsache, dass die Ernte dem Herbst zugerechnet wird (Weinlese ab September), nicht dem heißen Sommer. Jana Jenzig (s.u.) stellt in ihrem Vortrag des Gedichtes die beiden Verse „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr: / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“ (V. 8 f.) durch Antizipation und mehrfache Wiederholung als die Kernaussage heraus; das passt zwar zur 1., aber nicht recht zur 2. Strophe – es sei denn, man zählte das ausstehende Reifen noch zur Größe des Sommers, was auch nicht unproblematisch ist (s.o.).

Diese Spannungen im Gedicht stellen hohe Anforderungen an den, der es vorträgt; deshalb sollte man sich selbst daran versuchen und sich dann mit den Versuchen anderer, das Gedicht im Vortrag zu erschließen, auseinandersetzen.

Advertisements