Rilke: Schlußstück – Analyse

Der Tod ist groß…

Text

http://www.lyrik123.de/rainer-maria-rilke-schlussstueck-9933/

http://www.deutschelyrik.de/index.php/schlussstueck.html (mit Vortrag)

http://rainer-maria-rilke.de/06d018schlussstueck.html

August Stahl hat beschrieben, wie die Überschrift „Schlußstück“ zustande gekommen ist; sie besagte also wirklich, dass dieses Gedicht das letzte Stück im „Buch der Bilder“ ist, und ist dann zu einem eigenständigen Titel geworden. Erstmals gedruckt wurde das Gedicht 1901, dann ist es in das „Buch der Bilder“ gerückt.

Der Tod ist eines von Rilkes großen Themen, wie man bei A. Stahl nachlesen kann. „Der Tod ist groß.“ lautet der erste Vers; das ist beinahe ein Glaubensbekenntnis, wie ja der Moslem bekennt, dass Allah groß ist. Der Tod ist hier personifiziert – daran muss man erinneren, weil wir es gedankenlos immer wieder vergessen; den Tod gibt es gar nicht – es gibt nur den Vorgang, dass jemand (oder ein Lebewesen) stirbt, und den Zustand der Leiche, die tot ist. Da der Prozess oder das Widerfahrnis des Sterbens oft als Überwältigung erfahren wird, kommen wir zur Vorstellung von einer uns überwältigenden Macht, die dann personifiziert wird: ‚Der Tod hat jemanden geholt, hat jemanden ereilt (also im Verfolgen eingeholt); wir können dem Tod nicht ausweichen oder entkommen…’

Die folgenden 5 Verse bilden die Erklärung, wieso der Tod groß ist. Fragen wir zunächst nach dem Sprecher: Es ist ein ungenanntes Ich, das für uns alle spricht; es ist „der Mensch“, es ist ein Mensch, der daran erinnert, was der Mensch leicht vergisst („meinen“, V. 4) – der daran erinnert, weil es nicht vergessen werden soll, nach Einsicht des Menschen.

Im 2. Vers bekennt der Mensch die quasi religiöse Abhängigkeit der Menschen vom Tod: „Wir sind die Seinen“, wir gehören ihm, er ist unser Herr. Dieses Herrschaftsverhältnis wird in zwei Gegensätzen entfaltet: Wir sind lachenden Munds / er wagt zu weinen (V. 3/5); wir meinen, „mitten im Leben“ zu sein / er ist in Wahrheit „mitten ins uns“ (V. 4/6). Der Kontrast ‚meinen / in Wahrheit’ betrifft nicht den Tod und uns, sondern unsere Meinung und die Wahrheit des Menschen-Sprechers.

Einen Hinweis verdient die Wendung, dass er zu weinen wagt (V. 5). Mit dem Verb „wagt“ wird die Vollmacht des Todes angedeutet, der ja dem Augenschein und der öffentlichen Meinung zuwider handelt (weinen vs. lachen); dies kann er, weil er die Macht hat, die Menschen weinen zu machen. Dass der Tod weint (V. 5), ist eine erstaunliche Aussage; nimmt man sie wörtlich, dann bedauert er sein nächstes Opfer, dann leidet er bei dessen Tod mit. Man könnte die Aussage aber auch so lesen, dass sie verkürzt ist: dass der Tod also weinen macht – damit schwächt man die Aussage ab und passt sie dem gängigen Sprachgebrauch an. Auch die (Orts)Angabe „mitten in uns“ ist nicht eindeutig; sie kann einmal besagen, dass er in uns sitzt, uns im Innersten beherrscht, aber auch (schwächer), dass er mitten unter uns sich aufhält. Ich ziehe die erste Lesart vor.

Der Rhythmus des Gedichtes ist stark und unregelmäßig. Ich lese es so:
Der Tód ist gróß.
Wír sínd die Séinen
láchenden Múnds.
Wenn wìr uns mítten im Lében mèinen,
wágt ér zu wéinen
mìtten ín úns.

Hinter V. 2 ist eine kleine Pause zu machen, was die Spannung zwischen V. 2 und 3 erhöht; das Gleiche gilt für V. 5 – das Gedicht muss ruhig und getragen gesprochen werden, der Mensch wird im Sprechen dessen inne, was er da als Todes-Botschaft verkündet. Die durch den Reim „Seinen – meinen – weinen“ verbundenen Verse handeln von der Herrschaft des Todes über uns; die Verse 3 und 6 markieren den Gegensatz zwischen Meinen und Wahrheit. Der große Ausgangssatz (V. 1) steht einsam da; die fünf folgenden Verse bilden eine Art Kreuzreim (mit Verdoppelung des ‚3.’, hier also des 4. Verses). Fünf Verse bestehen aus vier Silben, nur V. 4 besteht aus vier Takten; man könnte bei gutem Willen ein getragenes jambisches Sprechen hören, mit den Abweichungen in V. 2, 3, 5 und 6 und der Störung in V. 4 – wem das zu viele Abweichungen sind, der braucht den Jambus nicht anzuerkennen.

Das Gedicht ist in die Spruchsammlungen eingegangen, auf die man bei Todesfällen zurückgreift, um ein Wort des Trostes zu sagen; doch es ist eigentlich an die Lebenden gerichtet, die nicht wissen, dass sie nur meinen, mitten im Leben zu sein. Trost bietet es nicht.

http://cseri.web.elte.hu/lustrum/Festschrift_-_Germanica_1_-_Stahl_%28Druckvorlage%29.pdf (A. Stahl, zur Deutung des Gedichts, mit Ausführungen über Rilkes Verhältnis zum Tod, v.a. S. 5-7 und S. 20-22)

http://www.ub.uni-bamberg.de/elib/volltexte/2004/1/Bartl4.pdf (empir. Untersuchung zweier Verstehensversuche)

http://www.sankt-ludwig-darmstadt.de/fileadmin/user_upload/pdfs/predigten/Karfreitag.pdf (Verwertung in einer Predigt)

http://en.wikipedia.org/wiki/Media_vita_in_morte_sumus (Tradition: media in vita in morte sumus)

http://www.iop.or.jp/Documents/0818/woschitz.pdf (dort S. 162 f.)

http://ir.iwate-u.ac.jp/dspace/bitstream/10140/2170/1/al-no15p053-069.pdf (über Rilkes Todesfurcht)

http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/useelbach/STUD/trauersprueche.html (Sammlung von Trauersprüchen, zu denen auch Rilkes Gedicht gehört)

Vortrag

http://www.sprechbude.de/?s=Schlu%C3%9Fst%C3%BCck (Heide Hofmann)

https://www.youtube.com/watch?v=lgDDsIE5SQw (gesungen von Chor, mit Bildern unterlegt)

https://www.youtube.com/watch?v=kzD9ALFUylI (R. Magala, gesungen)

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