Rilke: Früher Apollo – Analyse

Wie manches Mal durch das noch unbelaubte…

Text

http://www.textlog.de/6660.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Rilke,+Rainer+Maria/Gedichte/Neue+Gedichte/Fr%C3%BCher+Apollo

Bilder eines frühen Apollo ? (Louvre)

https://en.wikipedia.org/wiki/Apollo_of_Mantua#/media/File:Apollon_de_Mantoue_Louvre_MA689.jpg (Apollo von Mantua)

http://leventseleve.up.n.seesaa.net/leventseleve/image/TC3AAte20de20jeune20homme20dite20de20BC3A9nC3A9vent205B15D.jpg%3Fd%3Da1

Das Gedicht hat einen griechischen Jünglingskopf (Kuros) zum Gegenstand; doch im Vordergrund des Gedichts steht das, was in diesem Bild nicht direkt zu sehen ist: die Beziehung Apollons zur Dichtung, erstens, und zweitens das jetzt Sichtbare als Vorschein eines Kommenden.

Apollon war der Gott der Ordnung und Klarheit, des geistigen Lebens und der Künste, besonders der Musik und des Gesangs, daher oft mit der Leier dargestellt, die er vonHermeserhielt. Apollon war Herr der Musen. (…) Als strafender Bogenschütze nahm er Rache an Niobe und Tityos und sandte die Pest in das Lager der Griechen vor Troja. (http://www.mythologia.de/Texte/apollon.html) Einen Kopf dieses Apollon (so griechisch, lateinisch: Apollo) hat Rilke im Louvre gesehen, einen Kopf, der aus der griechischen Frühzeit stammt (oder den jungen Apollo zeigt – „Früher“ im Titel ist doppeldeutig). Von ihm spricht der Sprecher des Gedichts, der als solcher ganz hinter dem zurücktritt, was er sieht.

Er beginnt mit einem Vergleich (Wie – so, V. 1-3), in dem er eine Erfahrung aufgreift, die man öfter macht: den Vorschein des Frühlings in der noch unbelaubten Natur. Einen ähnlichen Vorschein („Glanz“, V. 4) aller Gedichte sieht er in diesem Apollokopf. Das ist der erste Satz des Gedichts. Der zweite Satz reicht von V. 6-14 und enthält die Begründung für den Eindruck dieses Vorscheins; dabei bezieht der Sprecher sich auf die Augen, die Schläfe, die Augenbrauen und den Mund – ihnen allen fehlt noch etwas (wie den Zweigen das Laub), so dass die Fülle, der Glanz der kommenden Gedichte im Vorschein sich ungehindert zeigen kann. Das ist der Gedanke, der in den zwei Sätzen bilderreich ausgesprochen wird.

In den ersten fünf Versen wird schnell gesprochen, erst V. 5 endet der erste Satz – der Sprecher steht ganz unter dem Eindruck des beinahe tödlichen Glanzes der kommenden Gedichte (V. 4 f.); hier wird den Gedichten in ihrer Herkunft von Apollon ein tödlich treffender Glanz zuerkannt – die Attribute des Gottes sind die Leier sowie Pfeil und Bogen; auch mit den Gedichten der Leier kann er offenbar tödlich treffen. (Das wird man als dichterische Selbsterfahrung Rilkes zur Kenntnis nehmen müssen, wenn es denn nicht bloße Ausgestaltung der bildhaften Elemente von Apollons Attributen ist. Doch in der ersten Duineser Elegie sagt der Sprecher, er könne den Anblick eines Engels nicht ertragen: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.“ Dieses Verständnis des Schönen könnte man auch hier unterstellen.)

Ein wenig gehemmt wird das Sprechen durch die Reime, welche in V. 1-8 die Verse im Kreuzreim aneinander binden; dabei besteht nur zwischen V. 6/8 eine semantische Beziehung, die anderen Reime sind bloße Klangphänomene, was eine Folge des versübergreifenden Satzbaus ist; in Fritz Stavenhagens Vortrag kann man das gut hören. Ab V. 6 wird der Vers gelegentlich mit einem Satzende abgeschlossen (V. 6, 7, 9, 11, 12, 13 und 14 – manchmal ein Partizipialsatz), was zu dem erklärenden Gestus dieser Verse passt. Im Einzelnen wird erklärt, dass im Schauen des Kopfes noch kein Schatten ist, dass der Blick noch ganz ungetrübt ist; dass er noch keinen Lorbeerkranz (Symbol der Ehre, der Auszeichnung des Erfolgreichen) trägt; dass dem Kopf noch die Augenbrauen fehlen und dass der Mund noch verschlossen ist – das alles lasse die kommenden Gedichte ungehindert durchscheinen. Fragte man den Sprecher, woran er das alles erkenne, würde er vielleicht antworten: „Freund, du siehst hier den Apollo selbst!“ Wenn man Apollo nicht kennt, sieht man nichts als einen Kopf.

Die Augenbrauen verbinden sich mit dem Bild des Gartens hochstämmiger Rosen (V. 8 f.); die Rose ist bei Rilke ein großes Symbol – hier wird mit dem Bild der welkenden Rosen gespielt, deren Blätter hinab auf den Mund fallen und so den tödlichen Glanz der Gedichte mildern werden. Damit taucht die Figur des „jetzt noch – später“ (V. 6 – 8, ähnlich V. 12 – 14) auf, die im Bild des vorscheinenden Frühlings (V. 1 ff.) angelegt ist: Später wird der Mund bebend die Gedichte sprechen (V. 11), jetzt ist er noch verschlossen, also nur „blinkend“ (V. 12, vs. „Glanz“ der Gedichte, V. 4 f.).

Im „Lächeln“ (V. 13) der Lippen wird die Verbindung zwischen den beiden Zeiten, zwischen Sprechen und Schweigen hergestellt: blinkend / trinkend (V. 12 f.), das Lächeln als Vorschein: „als würde ihm sein [späteres] Singen eingeflößt“ (V. 14). Hier deutet sich im Bild des lächelnden Trinkens die Vorstellung an, dass des Dichters Werke auf Eingebung beruhen; abgemildert wird diese Vorstellung im irrealen Vergleich (Konjunktiv II).

Auch in den Terzetten steht ein Kreuzreim, in den der Paarreim V. 12 f. eingeschoben ist, was das Schema des Kreuzreims auflockert; nur die Reimwörter des Paarreims binden die Verse semantisch sinnvoll, was bei den Reimen des Kreuzreims nicht möglich ist, da V. 10 und V. 11 (V. 11 ist ein Zwitter zwischen Enjambement und Satzende) Enjambements aufweisen, also nicht als Satz abgeschlossen sind.

Das Gedicht ist ein Sonett, weist aber nicht die Struktur auf, dass zwischen den Quartetten und den Terzetten ein besonderes Verhältnis bestände; vielmehr durchzieht die Spannung zwischen dem Jetzt und dem Später als „Vorschein“ des Glanzes kommender Gedichte das ganze Gedicht. Es besteht aus fünfhebigen Jamben mit abwechselnd weiblicher und männlicher Kadenz; das Metrum kommt aber kaum zur Geltung, weil der Text aus zwei oder maximal drei Hauptsätzen besteht, also einen großen, die Verse übergreifenden Schwung aufweist. – Das Gedicht eröffnet den Ersten Teil von „Neue Gedichte“ (1907) und weist damit programmatische Bedeutung auf, die man eigens untersuchen könnte. Seine Sprache ist gehoben (Gezweig, Haupt, Lorbeer, Rosengarten).

In den Interpretationen der FAZ hat Gertrud Höhler sich zum Gedicht geäußert: „der Dichter sieht in der überlegenen Einfalt dieses abwartenden Lächelns die Sammlung des Schöpferischen, das auf seinen Augenblick wartet“ (Rainer Maria Rilke: Und ist ein Fest geworden. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki, Insel: Frankfurt/Leipzig 2000, S. 67 f.).

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/getmedia.php/_media/ofbg/201411/66v0-orig.pdf (Bollnow: Rilke. Das Rosensymbol)

Apollon

http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Apollon?hl=apollon

http://de.wikipedia.org/wiki/Apollon

http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_542.html

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/frueher-apollo.html (F. Stavenhagen, sehr gut

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