Rilke: Früher Apollo – Analyse

Wie manches Mal durch das noch unbelaubte…

Text

http://www.textlog.de/6660.html

http://gutenberg.spiegel.de/buch/831/74

http://www.zeno.org/Literatur/M/Rilke,+Rainer+Maria/Gedichte/Neue+Gedichte/Fr%C3%BCher+Apollo

Bild des frühen Apollo (Louvre)

http://leventseleve.up.n.seesaa.net/leventseleve/image/TC3AAte20de20jeune20homme20dite20de20BC3A9nC3A9vent205B15D.jpg%3Fd%3Da1

Das Gedicht hat einen griechischen Jünglingskopf (Kuros) zum Gegenstand; doch im Vordergrund des Gedichts steht das, was in diesem Bild nicht direkt zu sehen ist: die Beziehung Apollons zur Dichtung, erstens, und zweitens das jetzt Sichtbare als Vorschein eines Kommenden.

„Apollon war der Gott der Ordnung und Klarheit, des geistigen Lebens und der Künste, besonders der Musik und des Gesangs, daher oft mit der Leier dargestellt, die er von Hermes erhielt. Apollon war Herr der Musen.“ (http://www.mythologia.de/Texte/apollon.html) Einen Kopf dieses Apollon (so griechisch, lateinisch: Apollo) hat Rilke im Louvre gesehen, einen Kopf, der aus der griechischen Frühzeit stammt. Von ihm spricht der Sprecher des Gedichts, der als solcher ganz hinter dem zurücktritt, was er sieht.

Er beginnt mit einem Vergleich (Wie – so, V. 1-3), in dem er eine Erfahrung aufgreift, die man öfter macht: den Vorschein des Frühlings in der noch unbelaubten Natur. Einen ähnlichen Vorschein („Glanz“, V. 4) aller Gedichte sieht er in diesem Apollonkopf. Das ist der erste Satz des Gedichts. Der zweite Satz reicht von V. 6-14 und enthält die Begründung für den Eindruck dieses Vorscheins; dabei bezieht der Sprecher sich auf die Augen, die Schläfe, die Augenbrauen und den Mund – ihnen allen fehlt noch etwas (wie den Zweigen das Laub), so dass die Fülle, der Glanz der kommenden Gedichte im Vorschein sich ungehindert zeigen kann. Das ist der Gedanke, der in den zwei Sätzen bilderreich ausgesprochen wird.

In den ersten fünf Versen wird schnell gesprochen, erst V. 5 endet der erste Satz – der Sprecher steht ganz unter dem Eindruck des beinahe tödlichen Glanzes der kommenden Gedichte (V. 4 f.); hier wird den Gedichten in ihrer Herkunft von Apollon ein tödlich treffender Glanz zuerkannt – die Attribute des Gottes sind die Leier sowie Pfeil und Bogen, auch mit den Gedichten der Leier kann er offenbar tödlich treffen. (Das wird man als dichterische Selbsterfahrung Rilkes zur Kenntnis nehmen müssen, wenn es denn nicht bloße Ausgestaltung der bildhaften Elemente von Apollons Attributen ist.)

Ein wenig gehemmt wird das Sprechen durch die Reime, welche in V. 1-8 die Verse im Kreuzreim aneinander binden; dabei besteht nur zwischen V. 6/8 eine semantische Beziehung, die anderen Reime sind bloße Klangphänomene. Auch wird ab V. 6 der Vers öfter mit einem Satzende abgeschlossen (V. 6, 7, 9, 11, 12, 13 und 14), was zu dem erklärenden Gestus dieser Verse passt. Im Einzelnen wird erklärt, dass im Schauen des Kopfes noch kein Schatten ist, dass der Blick noch ganz ungetrübt ist; dass er noch keinen Lorbeerkranz (Symbol der Ehre, Auszeichnung) trägt; dass dem Kopf noch die Augenbrauen fehlen und dass der Mund noch verschlossen ist – das alles lässt die kommenden Gedichte ungehindert durchscheinen.

Die Augenbrauen verbinden sich mit dem Bild des Gartens hochstämmiger Rosen (V. 8 f.); die Rose ist bei Rilke ein großes Symbol, auch hier wird mit dem Bild der welkenden Rosen gespielt, deren Blätter hinab auf den Mund fallen und so den tödlichen Glanz der Gedichte mildern werden. Damit taucht die Figur des „jetzt noch – später“ (V. 6 – 8, ähnlich V. 12 – 14) auf, die im Bild des vorscheinenden Frühlings (V. 1 ff.) angelegt ist: Später wird der Mund bebend die Gedichte sprechen (V. 11), jetzt ist er noch verschlossen, also nur „blinkend“ (V. 12, vs. „Glanz“ der Gedichte, V. 4 f.).

Im „Lächeln“ (V. 13) der Lippen wird die Verbindung zwischen den beiden Zeiten, zwischen Sprechen und Schweigen hergestellt: blinkend / trinkend (V. 12 f.), das Lächeln als Vorschein: „als würde ihm sein [späteres] Singen eingeflößt“ (V. 14).

Auch in den Terzetten steht ein Kreuzreim, in den der Paarreim V. 12 f. eingeschoben ist, was das Schema des Kreuzreims auflockert; nur die Reimwörter des Paarreims binden die Verse semantisch sinnvoll, was bei den Reimen des Kreuzreims nicht möglich ist, da V. 10 und V. 11 (V. 11 ist ein Zwitter zwischen Enjambement und Satzende) Enjambements aufweisen, also nicht als Satz abgeschlossen sind.

Das Gedicht ist ein Sonett, weist aber nicht die Struktur auf, dass zwischen den Quartetten und den Terzetten ein besonderes Verhältnis bestände; vielmehr durchzieht die Spannung zwischen dem Jetzt und dem Später als „Vorschein“ des Glanzes kommender Gedichte das ganze Gedicht. – Das Gedicht eröffnet den Ersten Teil von „Neue Gedichte“ (1907) und weist damit programmatische Bedeutung auf, die man noch untersuchen könnte.

In den Interpretationen der FAZ hat Gertrud Höhler sich zum Gedicht geäußert: „der Dichter sieht in der überlegenen Einfalt dieses abwartenden Lächelns die Sammlung des Schöpferischen, das auf seinen Augenblick wartet“ (Rainer Maria Rilke: Und ist ein Fest geworden. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki, Insel: Frankfurt/Leipzig 2000, S. 67 f.).

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Rilke8.pdf (Bollnow: Rilke. Das Rosensymbol)

http://mitrilkedurchdasjahr.blogspot.de/2013/06/rilke-und-rosen.html (Rilke und die Rose)

Apollon

http://de.wikipedia.org/wiki/Apollon

http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_542.html

http://www.mythologia.de/Texte/apollon.html

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/frueher-apollo.html (F. Stavenhagen, gut)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s