Rilke: Abschied – Analyse

Wie hab ich das gefühlt…

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Rilke,+Rainer+Maria/Gedichte/Neue+Gedichte/Abschied

http://www.rilke.de/gedichte/abschied.htm

http://www.versalia.de/archiv/Rilke/Abschied.974.html

Das Gedicht steht in „Neue Gedichte“ (1907). Angesichts dieses Gedichtes muss ich erklären, wie ich zur Auswahl der Gedichte Rilkes gekommen bin, die ich hier vorstelle und analysiere: Ich bin vom Kanon Reich-Ranickis ausgegangen, habe dann den großen Conrady und die von Fritz Stavenhagen gesprochenen Gedichte hinzugenommen sowie auch noch die von Killy herausgegebene Sammlung „Epochen der deutschen Lyrik“ und habe entschieden: Was in mindestens zwei von diesen vier Sammlungen vorkommt, gehört in den Kanon (ich habe bei zwei dieser Gedichte auch meine Stimme als eine vollgültige gezählt, also ein wenig gepfuscht). Ich muss das zuvor erklären, weil ich dieses Gedicht Rilkes nicht für groß halte, aber es gemäß meinen Kriterien vorfinde.

Das lyrische Ich spricht von sich und seinem Erleben (zweimal „ich“, zweimal „mich“): „Wie hab ich das gefühlt…“ (V. 1). Es schaut auf einen vor längerer Zeit erlebten Abschied zurück; zu wem es spricht und wozu es auf den Abschied zurückblickt, wird aber nicht deutlich. „Wie weiß ichs noch…“ (V. 2) – so spricht man vielleicht, um jemand zu trösten, der an einem Abschied leidet: Ich habe das selber auch erlebt; „gefühlt“ und „weiß“ sind stark zu betonen.

Hinter dem Doppelpunkt folgt ein absoluter Nominativ, der einen Satz ersetzt (V. 2 f.) und an den sich ein Relativsatz anschließt. Abschied heißt oder ist „ein dunkles unverwundnes grausames Etwas“ (V. 2 f.). Abschied ist ein wenn auch personifiziertes Etwas: ein Geschehen, ein Widerfahrnis; drei Attribute werden ihm zugesprochen: dunkel, unverwunden, grausam. Dunkel ist es, weil es nicht zu verstehen ist; „unverwunden“ ist ein Neologismus, abgeleitet vom Partizip II des Verbs „verwinden“: überleben, überstehen, verkraften; über etwas hinwegkommen, etwas überwinden. Wieso es grausam handelt – „grausam“ wird gegen das Metrum des fünfhebigen Jambus betont –, wird im Relativsatz erklärt: Ehe es das Schönverbundene zerreißt, hält das Etwas es noch einmal zum Anschauen hin; die gleiche Grausamkeit wird in V. 6 beschrieben, mit dem inneren Widerspruch von Rufen und gehen Lassen.

Mit dem „Wie“ (Adelung: relatives Umstandswort) wird dann zum dritten Mal ein Satz eingeleitet, der nun von der w-Alliteration bestimmt ist: „Wie war ich ohne Wehr…“ (V. 5); mit diesem Satz enden in V. 6 die klagenden, mit „Wie“ eingeleiteten Ausrufe; sie sind ab V. 2 zügig zu sprechen, in 3 der 5 Verse liegt ein Enjambement vor (V. 2, 3, 5). Auch der Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen macht die Rede flüssiger; der komplizierte Satzbau von V. 5 f. hemmt allerdings den Sprachfluss erheblich (Schachtelung Hauptsatz / Infinitiv / Relativsatz / Partizip, dazu ist das Objekt „mich“ vom Verb getrennt), wozu auch die Betonung von „das“ (1. Wort in V. 6) gegen das Metrum beiträgt.

Mit V. 7 fängt ein neuer Satz an, bei dem als Subjekt „das“ aus V. 6 (grammatisch – sachlich muss es die später winkende Frau sein) zu ergänzen ist. Ich blieb zurück – seltsamerweise ist von dem Du, mit dem das Ich doch schön verbunden war, nie die Rede; das Ich genießt seinen Abschiedsschmerz, weiß das Du nur als „klein und weiß“ zu beschreiben, erlebt die Trennung davon jedoch, „so als wärens alle Frauen“ (V. 7 – zu ergänzen: „die mich verlassen hatten“), als wäre es die ganze Welt. In V. 8 ist zu ergänzen: „und dennoch [war es]“. Auch in dieser Strophe sind die Reimwörter kaum aufeinander bezogen, nur in Str. 1 passen „was Abschied heißt / zerreißt“ zusammen. Der Wechsel von umarmendem und Kreuzreim ist ohne Bedeutung.

Die Situation, dass man den Winkenden noch von fern sieht (V. 9 f.), verbinde ich mit der Abfahrt eines Zuges. Mit drei Negationen wird der Bedeutungsverlust markiert: „nichts als dies“ (V. 8), „nicht mehr“ (V. 9), „kaum … mehr“ (V. 10 f.). Die beiden letzten Negationen irritieren mich: Wieso soll das Winken nicht mehr „auf mich bezogen“ und „kaum erklärbar mehr“ sein? Zur Not ließe sich noch vermuten, dass das Ich in seinem Schmerz so versunken ist, dass es gar keinen Blick für das verlassene Du hat. Doch der Schluss, der den letzten Gedanken (V. 10 f.) veranschaulicht, wirkt ausgesprochen komisch auf mich: „vielleicht ein Pflaumenbaum…“ (V. 11 f.) – das passt in eine Parodie; denn wenn man als Abschied Nehmender zum Erklären anhebt, dann weiß man auch genau, wer gewunken hat.

Das ganze Gedicht steht unter dem Aspekt „Wie hab ich das gefühlt“; die Frau, von der das Ich Abschied genommen hat, kommt nicht in seinen Blick – ein reichlich narzisstisches Unterfangen. Das grausame Etwas wird angeklagt, die verabschiedete Frau jedoch keines Wortes gewürdigt. Ich kann dem Gedicht nicht viel abgewinnen: Schon die Redesituation des Ichs ist kaum verständlich, seine Sprache unnötig kompliziert, seine Haltung narzisstisch, die Erklärung zum Schluss komisch, beinahe lächerlich.

„Abschied“ ist ein großes Thema des menschlichen Lebens und Erlebens; es wird in vielen Gedichten behandelt, ich habe einige Links dazu genannt.

http://lyrik.antikoerperchen.de/rainer-maria-rilke-abschied-franz-werfel-der-mensch-ist-stumm,textbearbeitung,252.html

http://www.shakespeares-erben.de/uptoliteratur/projekte/rilke/downloads/rabschied.pdf

http://4school.at/download/deutsch/Gendichtvergleich__84Abschied_93_von_Rainer_Maria_Rilke_mit__84Der_Mensch_ist_stumm_93_von_Franz_Werfel.doc

http://www.zeit.de/1987/21/abschied-ohne-rilke (Kommentar zu einem neuen Mechanismus, 1987, der das Abschiednehmen auf dem Bahnhof erschwert)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/abschied.237.html (Fritz Stavenhagen)

https://www.youtube.com/watch?v=4Xvp32otIes (J. M. Brenken)

„Abschied“

http://gedichte.xbib.de/_Abschied_gedicht.htm (Abschiedsgedichte)

http://www.gedichte.levrai.de/abschiedsgedichte_gedichte_und_abschied.htm (dito)

http://www.gedichte-zitate.com/trauer/abschied.html (dito)

http://www.gedichtepool.de/thema/abschied.htm (dito)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/abschied-1044.html (Benn: Abschied)

http://www.zeit.de/2012/51/Gedicht-Streubel (M. Streubel: Abschied)

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