Rilke: Blaue Hortensie – Analyse

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln…

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Rilke,+Rainer+Maria/Gedichte/Neue+Gedichte/Blaue+Hortensie

http://rainer-maria-rilke.de/080046hortensie.html

http://www.versalia.de/archiv/Rilke/Blaue_Hortensie.975.html

Das Gedicht ist im Juli 1906 in Paris entstanden und steht in „Neue Gedichte“ (1907). Rainer Gruenter sagt, es beschreibe „die kurze Lebensgeschichte einer Farbe“ (Interpretation in der FAZ). Ich meine, die Pointe sei der Umschlag in V. 11 f.:

„wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze. 
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen“;

dabei stellt V. 11 die Zusammenfassung des ausführlich geschilderten (Lebens)Endzustands der Dolden bzw. der Farbe Blau dar, wogegen sich das neue Blau erfrischend abhebt.

Das Blau der Dolden ist zwar mit dem Grün der Blätter verbunden (V. 1 ff. und V. 12 ff.), doch ist Blau die dominierende Farbe (V. 3-10); der Sprecher beschreibt ja auch eine „Blaue Hortensie“. In dem zeigenden Hinweis „diese Blätter“ (V. 2) ist der Sprecher indirekt vor der Hortensie präsent; doch er tritt im Pronomen „man“ (V. 11, 13) hinter dem Eindruck der Blume in ein allgemeines Betrachten zurück.

Die ersten 10 Verse enthalten die vielfältige Beschreibung des vergehenden oder vergangenen Blaus der Hortensie:

  • zunächst der Vergleich mit dem Grünrest in Farbentiegeln: die Blätter; das Verblichene kommt in den Adjektiven „letzte“ sowie „trocken, stumpf und rauh“ zum Ausdruck. Das Gegenteil stumpfer Blätter sind glänzende Blätter; das Leben ist aus ihnen entwichen.
  • die Parallele trockene Blätter – verwaschenes Doldenblau (V. 1 ff.);
  • die Qualität des Blaus: nur gespiegelt (Verb), nicht getragen, und das auch nur „von ferne“ (V. 4);
  • das Verb „spiegeln“ wird in der 2. Str. aufgenommen, durch zwei Adverbien ‚präzisiert’ (V. 5) und in einem Vergleich noch einmal abgeschwächt (V. 6) – „verweint“ verknüpft dabei das Vergehen der blauen Dolde mit dem menschlichen Bereich (Personifikation);
  • der Substanzschwund des Blauen wird im Vergleich mit vergilbtem Briepapier (V. 7 f.) durch das Auftreten von Randfarben aufgezeigt;
  • ein absoluter Nominativ („Verwaschenes“, V. 9) ersetzt einen ganzen Satz, das Wort knüpft an die Adverbien von V. 5 an; im Vergleich mit der Kinderschürze wird das Abgelebte der Farbe erneut ausgemalt (V. 10), in einem Partizip II (substantiviertes Adjektiv) und einem Relativsatz: insgesamt eine Häufung der Attribute des Vergangenen, Abgelebten, beinahe schon Zersetzten.

Das alles wird in der Auswirkung auf den Betrachter zusammengefasst: „wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze“ (V. 11), wobei die Kürze durch das Attribut „klein“ unterstrichen wird. Im Fühlen ist Mitfühlen eines ebenfalls vergänglichen und vergehenden Betrachters gegeben.

Dann wird der Umschwung zu neuem Leben von ihm wahrgenommen: „Doch plötzlich…“ (V. 12); im Verb „scheint“ ist die Perspektive des Betrachters gewahrt (vgl. auch „man sieht“, V. 13). Die Farben Blau (V. 12, 14) und Grün (V. 14) sind wieder da, nachdem sie (1. Str.) vorübergehend von Gelb, Violett und Grau (V. 8) verdrängt waren. „sich verneuen“ (V. 12), ein Neologismus, ist das Geschehen, das Lebensgeschehen: neues Erblühen aus dem Vergehenden heraus. Dass das Blau „rührend“ (V. 14) ist, zeigt die Beziehung des Betrachters zum Vorgang auf; dass das neu erblühende Blau sich freut (V. 14, Personifikation), erweist seine Verwandtschaft mit dem Betrachter und allen Menschen.

Der fünfhebige Jambus mit dem Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen ist kaum zu hören; dazu tragen die vielen Enjambements bei (V. 1, 3 usw.). Ähnlich wirken nicht nur die zahlreichen Vergleiche, welche Verschiedenes versübergreifend verknüpfen (V. 1 f.; 5 f.; 7 f.; 9 f.), sondern auch die starken Betonungen der sinntragenden Wörter: „Grün, Blätter, rauh, Blau, nicht, spiegeln“ (für die 1. Str.). Auch Abweichungen vom Takt („hinter“, V. 3; „nicht“, V. 4; „Nichtmehr-„, V. 10; „Doch“, V. 12) und die schwache Betonung vieler Worte zwischen den stark betonten erzeugen einen lebhaften Rhythmus.

Ein Dinggedicht; ein großartiges Dinggedicht, in dem auch der Betrachter zu seinem Recht kommt. Weil der Umschwung so lange auf sich warten lässt, statt nach dem Sonett-Schema mit dem ersten Terzett zu beginnen, wirkt er umso stärker und erfreulicher: Aus den tristen Farben des Untergangs erstrahlen neues Blau und Grün.

P.S. Das Gedicht ist über 100 Jahre alt; vermutlich wurden Kinderschürzen damals häufiger als heute getragen, und weil die Leute arm waren, wurden sie gnadenlos aufgetragen, bis sie völlig verwaschen und verschlissen waren.

https://de.wikipedia.org/wiki/Blaue_Hortensie_%28Rilke%29

http://www.nthuleen.com/papers/150paperprint.html (Gedicht im Kontext)

http://www.rilke.de/phpBB3/viewtopic.php?f=12&t=4712

http://daten.schule.at/dl/6123_Blaue_Hortensie_Interpetation.doc

http://www.impurismus.de/zb-rilke.pdf (vgl. http://www.impurismus.de/ – sehr eigenwillig)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=0HSatfKJdyM (Ulrich Mühe)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/blaue-hortensie-1466.html (Fritz Stavenhagen)

http://hartmutzoebeley.de/cmsms/index.php?page=kompositionen (gesungen von Julia Kraushaar)

Sonstiges

http://www.seilnacht.com/Lexikon/Blau.htm (Gedichte zur Farbe Blau)

http://www.translationconcepts.org/pdf/Kultursystem%20Blau.pdf (Auf der Suche nach dem übersetzten Blau)

http://www.kirsch-gestaltung.de/bilder/triptychon13.jpg (Bild zum Gedicht) und https://www.unser-gartenforum.de/showtopic.php?threadid=1648

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/7221.htm (Dinggedicht)

http://www.keinblick.de/definition.php?def=132 (Dinggedicht)

http://www.acbm.de/rilke_und_die_dinge.pdf (Rilke und die Erfahrung der Dinge)

http://www.acbm.de/rilke_und_die_dinge.pdf (Bollnow: Rilke. Der Künstler und die Dinge)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s