Rilke: Das Karussell – Interpretation

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht…

Text: http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1366

Der Sprecher, der ein sich drehendes Karussell betrachtet und beschreibt, ist ein Erwachsener; er versteht, dass die bunten Pferde „alle aus dem Land [der Kindheit sind], das lange zögert, eh es untergeht“ (V. 3 f.). An diesem Ding, dem sich drehenden Karussell und seinen Fahrgästen, geht dem Betrachter die Eigenart der Kindheit und des Kinderlebens auf; aus diesem Grund nennt man das 1907 veröffentlichte Gedicht ein Dinggedicht. Was er dabei erkennt, steht am Ende, in der 7. Strophe.

Der Betrachter beschreibt zuerst das Karussell (1. Str.), ein Kinderkarussell mit verschiedenen Tieren: Pferde, ein Löwe, ein Hirsch (V. 9), „und dann und wann ein weißer Elefant“ (V. 8, refrainartig wiederholt im V. 15 und V. 20; die Wiederholung spiegelt die Drehungen des Karussells). Im nächsten Abschnitt des Gedichts beschreibt er, wie Kinder verschiedenen Alters auf diesen Tieren sitzen, also im Spiel „reiten“ (V. 9-19 bzw. V. 20); im dritten Abschnitt wird dann erklärt, was die Fahrt auf dem Karussell den Kindern bedeutet (V. 21 ff.).

Der Betrachter übernimmt am Anfang an einigen Stellen die Perspektive der Kinder bzw. zeigt die Tiere, wie sie im Land der Kindheit aussehen:

  • alle haben Mut in ihren Mienen (V. 6),
  • ein böser roter Löwe geht mit ihnen (V. 7),
  • sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald (V. 9),
  • ein Junge reitet auf dem gefährlichen Löwen (V. 12 ff.).

Ansonsten behält er seine Erwachsenenperspektive: Die größeren Mädchen sind diesem Kinderspiel („diesem Pferdesprunge“, V. 17), also ihrer Kindheit „fast schon entwachsen“ (V. 18); entsprechend blicken sie teilnahmslos bei ihrer Fahrt auf dem Kinderkarussell (V. 19). Das Karussell dreht sich im Kreis, vielleicht immer schneller; dann und wann erscheint dabei ein weißer Elefant – so etwas wie ein Wundertier für Kinder.

In der letzten Strophe verbinden sich Eindrücke des rasch sich drehenden Karussells (V. 23-25) mit der Erklärung des Betrachters, was das Karussell ist und was Kindheit bedeutet:

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,

und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.“ (V. 21 f.)

Was „das“ (V. 20) ist, bleibt unbestimmt; vermutlich ist es das sich drehende Karussell mit seinen Besuchern in ihrem Glück; es „geht hin“ ist einmal „es geschieht“, aber auch „es geht dahin“, vergeht also. Doppeldeutig ist auch die Wendung „eilt sich, daß es endet“ (V. 21): Das ist einmal die einzelne Karussellfahrt, aber auch die Kindheit selbst (vgl. V. 4). Die Fahrt auf dem Karussell ist insgesamt ein „atemlose[s] blinde[s] Spiel“ (V. 27), das reine Glück zu leben, ohne „Ziel“ (V. 22), einfach in der Freude an Schwung (V. 18) und Bewegung (V. 22). Dem Tempo der Fahrt entspricht die Reihung kurzer Sätze mit der Konjunktion „und“ (V. 21 f.); das Karussell dreht sich nur, dreht sich vielleicht auch immer schneller, das Fahren im Kreis aber keinen Zweck außerhalb seiner selbst; es ist selbst (nur) ein atemloses blindes Spiel – atemlos (personifiziert), weil es sich schnell dreht; blind, weil kein Ziel „vor Augen“ steht; ein Spiel, weil es um nichts als Lebenslust geht. Es ist ein Leben in dem Land, „das lange zögert, eh es untergeht“ (V. 4); die personifizierte Metapher „Land“ dürfte für Kindheit, die vermeintlich unbeschwerte Lebensphase stehen, sozusagen ein Traum- oder Märchenland voll wilder Pferde und Löwen, sogar mit einem Hirsch und einem weißen Elefanten.

Was die Kindheit, die nur zögerlich endet (V. 4), ausmacht, steht in V. 24-27:

  • Die Gesichter der Kinder haben noch ein unfertiges, weiches Profil;
  • sie erfreuen sich des Spiels, sind mit ganzem Herzen dabei („hergewendet“, V. 25), lächeln;
  • sind selig (V. 26);
  • ihr Lächeln „blendet“, strahlt – „blendet“ ist also nicht negativ!
  • es wird „verschwendet an dieses […] blinde Spiel“ (V. 26 f.) – „verschwendet“ ist nicht negativ, sondern bedeutet: aus der Fülle hingegeben, im Überschwang des Glücks.

Ob der Betrachter mit Wehmut an seine Kindheit denkt und ob er meint, sie gehe viel zu schnell vorbei (usw. – was Interpreten alles in dem Gedicht finden, weil sie es hineininterpretieren), das kann man nicht sagen. Vielleicht wird man jedoch in V. 25-27 eine Wehmut des Betrachters verspüren, dass bei den Kindern sich das Glück noch so ungetrübt und grundlos einstellt – ein Kritik am blinden Spiel des Karussells kann ich nicht erkennen. Thematisch ist das Gedicht mit der Erzählung „Kleine Lebensreise“ (Robert Musil) verwandt; man kann sie zum besseren Verständnis parallel lesen.

Formal besteht das Gedicht (nach der „Freiburger Anthologie“) aus 7 Strophen unterschiedlicher Länge. Die Verse sind fünfhebige Jamben, wobei nur „ganz“ (V. 9) außerhalb des Taktes betont wird. Die Reimformen wechseln zwischen umarmenden Reimen (1.-3. und 5. Str., dabei in der 2. und 3. Strophe um einen Vers verkürzt) und Kreuzreimen (V. 21 ff.), wobei V. 26 im Reimschema eine Verdoppelung zu V. 25 darstellt. Die Verse 15 und 20 sind Wiederholungen von V. 8. Von den Reimen darf man nicht allzu viel semantische Bedeutung erwarten, vor allem nicht in längeren Sätzen und bei Enjambements. Am ehesten passen noch „diesem Pferdesprunge / in dem Schwunge“ (V. 17/18) und „Lächeln, hergewendet / das blendet und verschwendet“ (V. 25/26) zueinander. Es fallen einige Alliterationen auf, welche als Stabreime Wörter aneinander binden: M- in V. 6, h- in V. 13, z- in V. 14, G- in V. 23. Gesucht wirkt „aufgeschnallt“ in V. 11, das vielleicht nur des Reimes wegen da steht. Dem Fluss des Metrums ist vermutlich das sachlich problematische „und seinem Schatten“ (V. 1) geschuldet – der Schatten dreht sich nicht merklich im Sonnenlicht; aus dem gleichen Grund fehlt bei „verschwendet“ (V. 26) entweder ein Objekt oder das Hilfsverb „wird“ zur Markierung des Passivs. In den gleichen Zusammenhang gehört die Inversion in V. 5 („sind“ nicht an zweiter Stelle). So wirkt die Sprache insgesamt etwas wohlklingend-gekünstelt.

Die vielen Enjambements (V. 1, 2, 3, 10, 18, 26) stellen hohe Anforderungen an ein sinnvolles Sprechen und machen erneut deutlich, dass der Rhythmus eines Gedichtes etwas ganz anderes ist als sein Versmaß; insofern gehört ein guter Vortrag unmittelbar zur Interpretation eines Gedichts. – Erstaunlich ist, dass dieses Gedicht sowohl langsam als auch schnell sehr gut vorgetragen werden kann.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Karussell

http://www.lyrikschadchen.de/html/das_karussell.html (zwei relativ gute Schülerarbeiten, die leider nicht korrigiert sind)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=W8zfAI4V_VY (mit Bildern, sehr gut)

http://www.lutzgoerner.de/index.php?option=com_content&view=article&id=489&Itemid=513 (Lutz Görner – zu stark auf die Kinderperspektive festgelegt, darin aber sehr gut)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/das-karussell.html (Fritz Stavenhagen, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=QLiiK5rqDoU (gesungen von Schné Ensemble)

P.S. Der Text wurde im Mai 2018 überarbeitet.

 

 

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