Rilke: Das Karussell – Interpretation

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht…

Text

http://www.english.ucla.edu/documents/foreignlanguageexampassages/German_Spring_07.pdf (mit kurzer Interpretation)

http://www-stud.rbi.informatik.uni-frankfurt.de/~haase/Lyrik/karussell.html

http://rainer-maria-rilke.de/080061karussel.html

Wenn man die im Netz greifbaren Interpretationen durchsieht, fällt einem auf, wie leichtfertig da allerlei „interpretiert“ wird. Vieles wird zwar richtig gesehen, aber dann mit Bedeutung überfrachtet. Und durchweg ein großes Manko: Der Sprecher wird nicht streng genug als Betrachter in den Blick genommen.

Der Sprecher, der das sich drehende Karussell betrachtet und beschreibt, ist ein Erwachsener; er versteht, dass die bunten Pferde „alle aus dem Land [der Kindheit sind], das lange zögert, eh es untergeht“ (V. 3 f.). An diesem sich drehenden Karussell und seinen Fahrgästen geht dem Betrachter die Eigenart der Kindheit auf; aus diesem Grund nennt man das Gedicht ein Dinggedicht. Was er dabei erkennt, steht in der 7. Strophe.

Der Betrachter übernimmt am Anfang an einigen Stellen die Perspektive der Kinder (Lutz Görner spricht so, als ob er die ganze Zeit in dieser Perspektive blickte) bzw. zeigt die Tiere, wie sie im Land der Kindheit aussehen:

  • alle haben Mut in ihren Mienen (V. 6),
  • ein böser roter Löwe geht mit ihnen (V. 7),
  • sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald (V. 9),
  • ein Junge reitet auf dem gefährlichen Löwen (V. 12 ff.).

Ansonsten behält er seine Erwachsenenperspektive: Die größeren Mädchen sind der Kindheit „fast schon entwachsen“ (V. 18), entsprechend blicken sie teilnahmslos bei ihrer Fahrt auf dem Kinderkarussell (V. 19). Das Karussell dreht sich im Kreis, vielleicht immer schneller; dann und wann erscheint dabei ein weißer Elefant – so etwas wie ein Wundertier für Kinder.

In der letzten Strophe verbinden sich Eindrücke des rasch sich drehenden Karussells (V. 23-25) mit der Erklärung des Betrachters, was das Karussell ist und was Kindheit bedeutet:

„Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,

und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.“ (V. 21 f.)

Das ist das Karussell in seiner Bewegung (Reihung kurzer Sätze mit der Konjunktion „und“), es dreht sich nur, dreht sich vielleicht auch immer schneller, hat aber kein Ziel; in dem Sinn ist seine Bewegung, ist das Karussell selbst (nur) ein atemloses blindes Spiel – atemlos (personifiziert), weil es sich schnell dreht; blind, weil kein Ziel „vor Augen“ steht; Spiel, weil es um nichts geht.

Was die Kindheit, die nur zögerlich endet (V. 4), ausmacht, steht in V. 24-27:

  • Die Gesichter der Kinder haben noch ein unfertiges, weiches Profil;
  • sie erfreuen sich des Spiels, sind mit ganzem Herzen dabei („hergewendet“), lächeln;
  • sind selig;
  • ihr Lächeln „blendet“, strahlt – „blendet“ ist also nicht negativ!
  • es wird „verschwendet an dieses […] blinde Spiel“ (V. 26 f.) – „verschwendet“ ist nicht negativ, sondern bedeutet: aus der Fülle hingegeben, im Überschwang des Glücks.

Ob der Betrachter mit Wehmut an seine Kindheit denkt und ob er meint, sie gehe viel zu schnell vorbei (usw. – was die Interpreten alles in dem Gedicht finden, weil sie es hineininterpretieren), das kann man nicht sagen. Vielleicht wird man jedoch in v. 25-27 eine Wehmut des Betrachters verspüren, dass bei den Kindern sich das Glück so ungetrübt und grundlos einstellt – ein Kritik am blinden Spiel des Karussells kann ich jedenfalls nicht erkennen. Thematisch ist das Gedicht mit der Erzählung „Kleine Lebensreise“ (Robert Musil) verwandt; man kann sie zum besseren Verständnis parallel lesen.

Ich habe hier nur ein Gerüst der Interpretation errichtet, mit dem Betrachter/Sprecher als Zentrum; daran kann man dann alles befestigen, was in den anderen Interpretationen an richtigen Beobachtungen (und falschen Interpretationen) notiert worden ist.

Die vielen Enjambements stellen hohe Anforderungen an ein sinnvolles Sprechen und machen erneut deutlich, dass der Rhythmus eines Gedichtes etwas ganz anderes ist als sein „Versmaß“ (hier Jambus); insofern gehört ein guter Vortrag unmittelbar zur Interpretation eines Gedichts. – Erstaunlich ist, dass dieses Gedicht sowohl langsam als auch schnell sehr gut vorgetragen werden kann.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Karussell (mit Text: knapp)

http://www.bnv-bamberg.de/home/ba4613/flg/gk_deutsch/gedichte/symbolismus.doc (1. Hälfte hilflos abgeschrieben; fehlerhaft, selbst die Zitiertechnik wird nicht beherrscht)

http://saytheword.de/das-karussell/ (gelehrtes Geschwätz, an das Gedicht angehängt)

http://www.litde.com/gedichte-aus-sieben-jahrhunderten-interpretationen/das-karussell-rainer-maria-rilke.php (H. Kügler; relativ am besten, sieht aber nicht die Kinderperspektive in V. 6 f., 9)

http://stereognosis.blogspot.de/2008/06/das-karussell.html (mit Text; relativ ausführlich, aber z.T. auch problematisch)

http://www.lyrikschadchen.de/html/das_karussell.html (zwei relativ gute Schülerarbeiten, die leider nicht korrigiert sind)

http://www.zappelphil.de/homework,3.html (mancherlei Vermutungen geäußert)

https://www.gedichte.com/threads/173939-Rainer-Maria-Rilke-Das-Karussell (hilflos gegenüber seinen Beobachtungen, kann Metrum und Rhythmus nicht unterscheiden, spinnt teilweise)

http://lyrik.antikoerperchen.de/rainer-maria-rilke-das-karussell,textbearbeitung,290.html (interpretatorisch leichtfertig, schmeißt Rilke und ein nicht vorhandenes lyrisches Ich durcheinander…)

http://www.magistrix.de/texte/Schule/Schularbeiten/Deutsch/Gedichtsinterpretationen/Das-Karussel-von-Rainer-Maria-Rilke.1406.html (relativ vernünftig)

http://online-lernen.levrai.de/deutsch-uebungen/gedichtinterpretation/karussel_gedichtinterpretation/15_gedichtinterpretation_das_karussell_ueben.htm (Analyse der sog. Stilmitel)

http://www.gigers.com/matthias/schule/lueckengedicht_rilke_karussell.html (Gedicht als Lückentext)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=W8zfAI4V_VY (mit Bildern, sehr gut)

http://www.srf.ch/player/radio/lyrik-am-mittag/audio/rainer-maria-rilke-das-karussell?id=2f2c6830-ea5d-4f36-a1a1-cc7a6b243a0c

http://www.claus-boysen.de/rilke_karussell.html (Claus Boysen, sehr gut!)

https://www.youtube.com/watch?v=x9RIC9e0YI4 (Karl G., mit Keyboard, sehr gut)

http://www.lutzgoerner.de/index.php?option=com_content&view=article&id=489&Itemid=513 (Lutz Görner – zu stark auf die Kinderperspektive festgelegt, darin aber sehr gut)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/das-karussell.html (Fritz Stavenhagen, beinahe sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=Yo4gG_PmUaY (Heino Ferch, mit Musik unterlegt; beinahe sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=0t3-HuY7wyM („textbeute“, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=N-M4ysFNwKI (Anna Thalbach – das ist nicht die Lösung)

https://www.youtube.com/watch?v=nT6GULfFjxQ (Miri – dito)

https://www.youtube.com/watch?v=ZzkZ-cWL80Q (nicht gut)

http://media3.roadkast.com/sprechbude/karussell_rilke_maasch_adugna.mp3 = http://www.sprechbude.de/das-karussell-rainer-maria-rilke/ (Christoph Maasch; die untergelegte Geigenmusik stört – schwach)

https://www.youtube.com/watch?v=29adJafNRG4 (Text nicht sauber, mäßig)

http://media3.roadkast.com/sprechbude/rilke_das_karussell.mp3 (Harald Preis, sehr gut)

http://www.podcast.de/episode/208514780/Rainer%2BMaria%2BRilke%2B%25E2%2580%2593%2BDas%2BKarussell/ (zu schnell gesprochen)

https://www.youtube.com/watch?v=QLiiK5rqDoU (gesungen von Schné Ensemble)

https://www.youtube.com/watch?v=1Lw9b83hgus (gesungen – kein Gewinn gegenüber dem Sprechen)

Sonstiges

http://www.fanfiktion.de/s/51824d2800028c2f0c906978/1/Das-Karussell (produktiv in Erzählung umgesetzt)

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