Rilke: Archaischer Torso Apollos – Interpretation

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt…

Text

http://www.textlog.de/17730.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1495

Die Gestalt des Torso regt dazu an, anders wahrzunehmen. Ein wichtiger Punkt beim Torso ist der, dass bestimmte Teile fehlen, was dazu führt, dass die eingespielte Hierarchie des Blickes, zu unterscheiden zwischen Wichtigem und Unwichtigem, nicht mehr funktioniert. Das Wichtige ist meistens das Gesicht. Gerade das, was traditionellerweise in den Mittelpunkt des Blicks gerückt wird, und damit auch eine Hierarchie des Sehens in Gang setzt, das fehlt hier. Durch die Lücke, durch den fragmentarischen Charakter polt sich das Sehfeld um und es gilt, dass man eigentlich nicht mehr so einfach entscheiden kann, was wichtig ist. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass es an einem Torso nichts Unwichtiges gibt. Gefordert wird eine – wie man vielleicht mit Freud sagen könnte – gleichschwebende Aufmerksamkeit. Das ist auch ein Impuls der Kunst überhaupt, dass das Kunstwerk oder der Text nichts enthalten, was unwichtig ist, dass alles potentiell gleich wichtig ist. Das birgt natürlich eine Überforderung des Betrachters, da man dieser Gleichgewichtigkeit nie gewachsen ist. Jeder Blick ist extrem reduzierend, aber dadurch werden das Wiederkommen und das wieder Neuentdecken dessen, was man beim ersten Hinblicken nicht gesehen hat, möglich.“ (Aleida Assmann)

Das Gedicht eröffnet „Der neuen Gedichte anderer Teil“ (1908) und hat so paradigmatische Bedeutung; es weist der Sammlung die Richtung. Ich beginne mit einer Deutung, die vom Titel ausgeht: Das Gedicht heißt ‚Archaischer Torso Apollos’ und alle drei Bestandteile dieses Titels sollte man für sich genommen analysieren. Das Wort ‚archaisch’ zunächst: Das Gedicht ist 1908 entstanden, als Rilke in Paris gewesen ist und er hat die Statue auch im Louvre gesehen. Daß er das als ‚archaisch’ qualifiziert, ist das erste ganz Erstaunliche in diesem Gedicht, denn das Wort ‚archaisch’ ist von der Tradition seines Gebrauchs im 18./19. Jahrhundert her eigentlich zunächst sehr pejorativ. Es bezeichnet etwas, das noch nicht ausgereift und vollendet ist, also etwas Unvollkommenes. Das ist eine Entdeckung, die Rilke hier macht, indem er das Archaische als etwas mit Eigenwert, mit einem eigenständigen Kunstwert zunächst einmal feststellt. Das hängt mit der Zeit um den Ersten Weltkrieg zusammen. Rilke ist einer der ersten, der hier für die griechische Kunst etwas Neues entdeckt hat. Er sah, daß nicht nur das, was bisher normgebend war, einen beeindrucken kann, sondern daß es eben auch etwas gibt, das darüber hinaus geht, und das bezeichnet er als archaisch. […] Das berührt sich mit dem zweiten Begriff: Torso. Dieser ist positiv gemeint. Bis dahin war er eher als etwas Negatives zu verstehen, nämlich als etwas Unvollkommenes und Beschädigtes. Torso meint aber aus Rilkes Sicht die Konzentration auf das Wesentliche. […] Kommen wir schließlich zum letzten Begriff: Apollo. Das ist nun aus der heutigen Sicht etwas in Frage zu stellen. Man hat diese Art von Figuren als Apollo-Figuren bezeichnet, eigentlich ist eine solche Titelbenennung aber nicht möglich. Die Figur stammt aus dem Theater der kleinasiatischen Stadt Milet und ist etwa um 470 zu datieren. Sie gehört also der sogenannten frühklassischen Kunst an und stellt einen Idealtypus einer jugendlichen, männlichen Figur dar, die schon zu dem damaligen Zeitpunkt eine etwa 100jährige Tradition hatte in der griechischen Kunst. Wir sprechen in dem Zusammenhang von Kouroi, also den jungen Männern, die als Idealtypus dargestellt werden.
Das muß man vorwegschicken, um zu verstehen, worum es in diesem Gedicht überhaupt geht. Es ist eine neue Sicht der Kunst. Es ist das Fragmentarische als Konzentration auf das Wesentliche und es ist der Kouros, der in der griechischen Kunst durch seine Körperlichkeit und Leiblichkeit besonders gelebt hat. Genau auf den Punkt zielt nun auch Rilkes Betrachtungsweise. Es ist der Körper – die Präsenz des Körpers –, die ihm am Wesentlichsten ist und von dem aus die entscheidende Botschaft kommt: ‚Da ist keine Stelle, /die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.’
Rilke trifft damit einerseits auch etwas am Griechischen – es ist nicht bloße Projektion, aber er nimmt das, was er da sieht, in einer ganz spezifischen Weise auf, indem er dem Kunstwerk ein Eigenleben zuspricht.“ (Michael Stahl, s.u., in: Blaue Narzisse, 5. 12. 2010)

Was Michael Stahl sagt, stimmt nur zum Teil: Nicht „archaisch“ hatte um 1900 einen negativen Beigeschmack, sondern „archaistisch“ als „veraltet, altväterisch“ oder „Nachahmung von etwas Altertümlichem“, wogegen „archaisch“ das echt Altertümliche bezeichnete (Meyers Großes Konversations-Lexikon 1905). Auch „Torso“ war nur in der gängigen metaphorischen Bedeutung negativ; „ in der Kunstsprache der Rumpf einer Bildsäule, der Kopf, Arme und Beine fehlen“ (Meyers 1905). Am wichtigsten ist allerdings, zu wissen, wofür Apollo(n) steht: „in der griech. Mythologie Sohn des Zeus und der Leto, die ihn nebst seiner Zwillingsschwester Artemis nach der verbreitetsten Sage auf der Insel Delos gebar. Seinem ursprünglichen Wesen nach erscheint A. als ein Gott des Lichtes in seiner heilsamen wie verderblichen Wirkung; zum eigentlichen Sonnengott an Stelle des Helios ist er erst im Laufe der Zeit geworden. Als den »Lichten«, »Leuchtenden« bezeichnet ihn sein Beiname Phöbos, zugleich als den »Reinen«, »Heiligen«; denn als Gott des reinen Lichtes ist er Feind aller Finsternis und alles ihr verwandten Unreinen, Unholden und Frevelhaften.“ (Meyers, 1905) Es kommt sehr wohl darauf an, dass Rilke vor einem Torso Apollos gestanden hat bzw. dass er den Torso für einen solchen des Gottes Apollon gehalten hat. Mit diesem Wissen kann man den Gedankengang des Gedichts verstehen:

  • Apollos Torso hat keinen Kopf und keine Augen.
  • Aber er strahlt Licht aus und sieht dich an.
  • Deshalb musst du dein Leben ändern.

Dass der Torso Licht aussendet, ist mehrfach gesagt (glüht, V. 3; glänzt, V. 5; flimmert, V. 11; bricht aus wie ein Stern, V. 12 f.); dieses Glänzen wird als verhaltenes Schauen erkannt (V. 4 f.). Da nun Apollo der Gott des reinen Lichtes ist, fordert sein Blick dich dazu auf, selber rein zu werden, also dein Leben zu ändern. Diese Aufforderung entspricht dem späteren Aufruf Jesu zur Umkehr (Mk 1,15); während Jesus sich dafür jedoch auf die Nähe der Gottesherrschaft berief, ist Apollos Aufruf archaisch: Allein das strahlende Licht ist in sich der Appell, allem Dunklen zu entsagen und selber rein und klar zu werden. – In diesen Gedankengang muss man alle Beobachtungen zur Sprache des Gedichtes einordnen.

Wenn wir den Sprecher ins Auge fassen, sehen wir niemanden, da der Betrachter der Statue sich zu einem „wir [alle]“ (V. 1) erweitert; auch das Pronomen „dich“ (V. 6, 14) meint „dich und mich und uns alle“. Der Sprecher ist von seiner Erfahrung so durchdrungen, dass er sie als allgemein gültig vorstellt.

Der Betrachter sieht also einen Torso; bereits in der Renaissance hatten die Torsi große Bedeutung. Rodin, dessen Sekretär Rilke 1905/06 war, „erhob den Torso schließlich zu einer eigenen Gattung der plastischen Kunst“ (wikipedia). Der Sprecher setzt bei dieser Torsohaftigkeit an: „Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt“ (V. 1) mit seinen Augen (Metapher „Augenäpfel“ – reifen); aber der ganze Torso ist noch so, dass er ‚dich ansieht’ (und deshalb muss das Haupt unerhört gewesen sein) – das wird im Gedicht entfaltet:

  • der Torso „glüht noch“ (V. 3), in ihm hält sich das Schauen der Augen (V. 3-5, mit Kandelaber-Vergleich);
  • der Torso „glänzt“ (V. 5), sendet Licht aus, erleuchtet. Das wird mehrfach aus den Wirkungen auf den Betrachter begründet:
  • a) Die Brust des Torsos blendet (V. (5 f.),
  • b) die fehlenden Geschlechtsteile betrachtet man mit Lächeln (V. 6-8),
  • c) der Torso flimmert „wie Raubtierfelle“ (V. 11),
  • d) der Torso bricht „an allen seinen Rändern aus wie ein Stern“ (V. 12 f.), sendet also Licht aus;
  • Fazit und V. 4 f. aufgreifende Erläuterung der Begründung: „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“ (V. 13 f.).

Folgerung aus dieser Lichterfahrung: „Du mußt sein Leben ändern.“ (V. 14) Dieser Satz ist der Schluss, auf den alles zuläuft – wenn man also eine Zweiteilung im Sonett sucht, muss man V. 14 b gegen die ersten dreizehneinhalb Verse absetzen.

Unklar ist mir die Präteritumsform „kannten“ (V. 1) statt „kennen“; ferner das Bild vom Zurückschrauben beim Kandelaber (V. 3 f. – Losdrehen einer Glühbirne?); ferner der Satzbau in V. 9 f. Aber was heißt „Du mußt dein Leben ändern“ (V. 14)? Ich habe diese Forderung oben aus der Eigenart der Gottes Apollon erklärt. Man kann die Aufforderung mit Aleida Assmann (s.o.) auch so lesen, dass ein Kunstwerk einen berühren und dabei stillgelegte Lebensmöglichkeiten erahnen lassen kann. Das passte dazu, dass es sich um einen Torso Apollons handelt; dieser ist der Gott der Künste, sein Torso stände dann für alle Kunstwerke. Doch ist dieses Verständnis recht „allgemein“, ich ziehe meine Deutung vor.

Der Sprecher ist erregt; das zeigt sich darin, dass er oft am Versende keinen Schluss findet, sondern den Satz im nächsten Vers weiterführt (V. 2, 4, 5, 6, 7, 9, 12, 13). Auch wenn er eine logisch-argumentative Form benutzt (nicht… – aber es ist… – sonst wäre nicht…(mehrfach) – denn es ist… – folglich musst du…), argumentiert er im strengen Sinne nicht, sondern reiht Erfahrungen auf, die er mit der Statue gemacht hat, obwohl (vielleicht auch: weil) sie ein Torso ist. Von den Reimen hat allenfalls das Paar in V. 6 f. semantische Bedeutung, es bezeichnet den einen Vorgang des Anblickens; die anderen Reime sind kunstvoll-gesucht. Die formalen Aspekte der Sprache sind im Wikipedia-Artikel und auf der Seite der Uni Heidelberg benannt bzw. zu sehen.

Aus den Kunstekstasen holt einen die Erklärung J. Früchtls zurück: „Hegel mit Rilke vorderhand verbindend kann man also konstatieren, dass der Kunst eine Eigenschaft oder Eigenheit zugeschrieben wird, die ursprünglich einem Wesen der antik-griechischen Mythologie (dem tausendäugigen Argus) und dem christlichen, alles sehenden und daher alles wissenden Gott zugeschrieben wird, sehr viel später dann dem Überwachungsstaat, dessen Modell, nach einer These Michel Foucaults, das Panopticon liefert: Alles ist sichtbar in dieser sozialen Welt, nur nicht die alles sehende Instanz selber. Eine mythologische, theologische und staatlich-soziale Semantik überlagert sich insofern in dem seit 200 Jahren bevorzugten Gegenstandsbereich der Ästhetik, der Kunst.“ (Josef Früchtl, s.u.) Um etwas vorsichtiger zu fragen, angesichts der Problematik der Konstruktion Früchtls: Ist der archaische Aufruf, sein Leben zu ändern, vielleicht doch bloß konstruiert und beruht auf Sinn suchender Phantasie?

http://de.wikipedia.org/wiki/Archa%C3%AFscher_Torso_Apollos (mit Text)

http://www.blauenarzisse.de/index.php/aktuelles/item/2155-das-schoene-ist-zwar-etwas-das-uns-geschenkt-wird-aber-wir-muessen-es-uns-trotzdem-erst-erarbeiten (M. Stahl – im Rahmen eines Interviews, aufgerufen 2014)

http://www.ikkm-weimar.de/frontend/file.php?id=968&dl=1 (J. Früchtl über die Kunst als De/Legitimation, aufgerufen 2014)

http://www.idf.uni-heidelberg.de/mitarbeiter/heuer/Grundkurs%20Einfuehrung%20Literaturwissenschaft%20Material/Lehrmaterial%20in%20Arbeit/Texte%20als%20Tafelbilder/metrische%20Analyse/Rilke.%20Archaischer%20Torso.doc (farbliche Markierung der Reime und Anaphern – Uni Heidelberg)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/archaischer-torso-apolls.html (Fritz Stavenhagen – bedächtig und nachdenklich gesprochen)

Torso

http://www.mahagoni-magazin.de/skulptur/der-torso-von-belvedere-%E2%80%93-die-lust-am-ratselhaften-erstes-jh-v-chr (mit Hinweis auf das Pantherfell – wichtig zum Verständnis von V. 9)

http://syndrome-de-stendhal.blogspot.de/2013/08/ruhm-und-ratsel-der-torso-vom-belvedere.html

http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/rom-aesthetik/die-statuen-im-belvedere-mit-den-beschreibungen-winckelmanns.html (wichtig)

http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_9062.html

http://blog.zhdk.ch/sigridschade/files/2013/07/mythos_des_ganzen_koerpers.pdf (Torso, modern)

Sonstiges

http://leventseleve.up.n.seesaa.net/leventseleve/image/Torse20masculin20en20marbre20de20Paros2C20v.20480E2809347020av.20J.-C.2C20dC3A9couvert20C3A020Milet..jpg%3Fd%3Da1 (Bild: Archaischer Torso)

http://www.mahagoni-magazin.de/skulptur/der-torso-von-belvedere-%E2%80%93-die-lust-am-ratselhaften-erstes-jh-v-chr (über den Torso von Belvedere – mit Bild)

http://www.nthuleen.com/papers/940Breferatprint.html (N. Thuleen über Symbol und Symbolismus)

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/sehnsucht-nach-dem-urspruenglichen–warum-die-moderne-die-archaik-so-liebte-du-musst-dein-leben-aendern,10810590,9846882.html (Sehnsucht nach dem Ursprünglichen: Warum die Moderne die Archaik so liebte)

P.S. Wenn ich bedenke, wie lange ich gebraucht habe, um zu dem am Gedankengang, am Titel und an der Bedeutung des Apollo orientierten einfachen Verständnis zu kommen, denke ich beschämt daran zurück, dass ich dieses Gedicht einmal einer Schülerin der Sek II ohne weitere Erklärungen in einer Nachschreibeklausur zu analysieren gegeben habe.

P.S. Der blau gesetzte Text stellt eine Ergänzung vom Mai 2018 dar; sie beruht darauf, dass ich Michael Stahls Äußerungen überprüft habe. Dadurch konnte ich ein einfaches Verständnis des Gedichts, welches sich am Gedankengang orientiert, gewinnen. Es gibt zwar auch Wörterbücher, die für die Zeit vor 1900 für „archaisch“ die Bedeutung „veraltet, altväterisch“ ausweisen; aber der Große Meyers von 1905 erläutert die Bedeutung differenzierter, dieses Lexikon war das entscheidende Hilfsmittel.

 

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