Rilke: Die Flamingos – Interpretation

In Spiegelbildern wie von Fragonard…

Text

http://rainer-maria-rilke.de/sw090082dieflamingos.html

http://gedichte.xbib.de/Rilke_gedicht_Die+Flamingos.htm

http://susannes-sammelsurium.blogspot.de/2011/04/flamingos-von-rilke-und-mir.html (mit Bildern)

http://www.gedichte.eu/71/rilke/der-neuen-gedichte-anderer-teil.php (Der neuen Gedichte anderer Teil, 1908)

Erläuterungen zu

V. 1 Fragonard:   Jean-Honoré Fragonard (1732 – 1806) war ein französischer Maler, Zeichner und Radierer des Rokoko zur Zeit des Ancien Régime. (Wikipedia)

V. 8 Phryne:   war eine berühmte griechische Hetäre aus Thespiai, sie lebte im 4. Jahrhundert v. Chr. „Sie galt in ihrer Blütezeit als die Repräsentantin der Liebesgöttin Aphrodite und diente Apelles als Modell für seine Anadyomene und Praxiteles für seine Aphrodite von Knidos. In einem Tempel zu Thespiai stand neben einer Statue der Aphrodite von Praxiteles auch eine Statue der Phryne vom selben Künstler.“ (Wikipedia)

V. 12 Volière:   großer Vogelkäfig, der einen Freiflugraum bietet.

Der Sprecher des 1907/08 entstandenen Gedichts ist ein gebildeter Mensch; er kennt den Maler Fragonard und die längst verstorbene Hetäre Phryne, die ich beide nicht kannte. Er ist nicht als Person, nur in Textmarken seiner Beschreibung der Flamingos präsent: im Akt des Vergleichens, in den Signalen des zeitlichen Ablaufs („Denn“, V. 5; „bis“, V. 9; „Auf einmal“, V. 12) und in der modifizierenden Partikel „aber“ (V. 13).

Wenn Rilke die Überschrift „Die Flamingos“ wählt, deutet er an, dass er damit Wesentliches über die Flamingos sagen (lassen) will; der Untertitel lokalisiert das Geschehen und beglaubigt so das zu Sagende: Das habe ich im Jardin de Plantes, Paris, gesehen. Dabei weiß oder sieht er nicht, dass Tiere im Zoo nicht genauso auftreten wie Tiere in freier Wildbahn, höchstens so ähnlich.

Die erste Beschreibung (V. 1-5) der Flamingos läuft darauf hinaus, dass sie sich nur verhalten zeigen („ist … gegeben“, V. 2 f.); das wird einmal durch ihr Erscheinen „In Spiegelbildern“ (V. 1), dann in dem irrealen Vergleich (V. 3 ff.) mit der Wendung „noch sanft von Schlaf“ (V. 5, also noch nicht ganz präsent) ausgedrückt. Dass die Spiegelbilder „wie von Fragonard“ sind, sagt mir nichts; bei Google-Bilder habe ich keine Spiegelbilder Fragonards gefunden. „Denn“ (V. 5) bezeichnet entweder eine Zeitfolge oder dient der Ausfüllung der Rede (Adelung, 6. und 7.), ist jedoch keinesfalls kausal zu verstehen; hiermit löst sich das Bild des Erscheinens auf – der Betrachter bemerkt, das die Tiere sich bewegen:

  • Sie steigen ins Grüne,
  • sie stehen beisammen, blühend,
  • sie verführen sich selber,
  • sie verbergen ihren Kopf in den Federn (V. 5-11).

Dass sie ins Grüne „steigen“ (V. 5), zeigt die Eigenart ihres langsamen Gangs; „blühend – Beet“ ist eine Alliteration, was vielleicht den Vergleich (V. 7) erklärt. Der Vergleich mit der Verführungskunst Phrynes (V. 8) ist gewagt, weil Unvergleichliches verglichen wird: Leider kennen wir Phryne nur aus der Literatur – allerdings ist die Aphrodite von Knidos eine schöne Frau, aber bestenfalls nur ein Spiegelbild der Phryne. Dass die Flamingos sich selbst verführen, verstehe ich nicht, zumal da nicht gesagt wird, wozu sie sich verführen. „hinhalsend“ (V. 10) ist ein erlesener Neologismus für eine Halsbewegung; „ihres Auges Bleiche / in der eignen Weiche“ (V. 9 f.): ein erlesener Vergleich. „Schwarz und Fruchtrot“ (V. 11): ihr Schnabel und ihr Kopf bzw. Hals.

Der Sprecher bewegt sich im Jambus, was jedoch kaum zu bemerken ist; denn er geht im Satzbau fast regelmäßig übers Versende hinaus und hat dabei Verse von 10 oder 11 Silben, also von wechselnder Länge. Erst in V. 11 kommt er in seinem zweiten Satz zur Ruhe, weil der Vers eine männliche Kadenz und noch kein Reimwort aufweist. Hier endet denn auch der 1. Teil des Sonetts; in V. 12 wird von einem Aufruhr in der Volière berichtet, der im Kontrast zum beschaulichen Bild der Flamingos (V. 1-11) steht – ohne sie jedoch zu erreichen. Sie erstaunen nur, verlassen ihre Ruhestellung (V. 13) „und schreiten einzeln ins Imaginäre“ (V. 14). Dass sie schreiten, zeigt, wie sie ihre innere Ruhe bewahren; sie haben sich gestreckt, wurden aber nicht erstreckt. Sie schreiten „ins Imaginäre“ (V. 14) – das reimt sich wiederum erlesen auf „die Volière“ und ist vorderhand sinnlos. Sucht man einen Sinn, könnte man ihn aus dem Kontrast ‚das Reale – das Imaginäre’ gewinnen: Sie ziehen sich aus dem realen Neid und streit zurück und gehen, nein schreiten gelassen ins Imaginäre, ins Land selbstbezogener Beschaulichkeit (wie sie ja auch nur sich selbst verführen, somit dem sozialen Leben mit seinen Rivalitäten enthoben sind).

Wie Wasservögel sich an Land bewegen: „Von anderen Wasservögeln wie den Ruderfüßern und Röhrennasen unterscheiden sich die Stelzvögel durch ihre langen Beine. Anders als die Laufvögel können sie ihre Füße jedoch nicht zum schnellen Laufen gebrauchen. Ihr Gang ist stattdessen ein gemessenes Stolzieren, daher werden die Stelzvögel auch Schreitvögel genannt.“ (http://www.wissen-digital.de/Stelzvögel) Das ist die biologische Erklärung dessen, was Rilke an den Flamingos als das Flamingohafte erkannt und im Gedicht auf höchst erlesene Weise ausgedrückt hat, weshalb man es auch „Dinggedicht“ nennt.

„Ein überaus elegantes Gebilde; also zu wenig für ein Gedicht. Es müssen Fragonard und Phryne reimen, ja selbst die Voliere auf das Imaginäre, Fremdwort auf Fremdwort, wie wenn zwei Spiegel einander bespiegeln. Grundsätzlich kann bei dieser exquisiten Nicht-Lyrik jedes einzelne Wort, das gerade auf ein Zeilenende fällt, vom Schicksal ereilt werden, reimen zu müssen, sogar das ‚war’ am Ende der ersten Strophe, das auf einmal einen gestischen Nachdruck erhält, der ihm keineswegs zukommt. Man denke sich dieses Gedicht laut gelesen – und man wird förmlich die Hand des Deklamierenden vor sich sehen, wie sie hier, um eine beschämende Verpuffung zu vermeiden, sich ausdrucksvoll ins Leere modelliert.“ (Burkhard Müller) Ein bisschen recht hat er schon, der Burkhard Müller, denke ich; der Sonettzyklus Wilhelm Pilgrams zeigt, wie man Sonett an Sonett reihen kann… – man weiß nicht, ob der Zyklus eine Parodie oder eine Huldigung an Rilke ist.

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/aber-sonst-nichts–vor-125-jahren-wurde-rainer-maria-rilke-geboren-der-virtuose-kann-alles,10810590,9857572.html (B. Müller verreißt das Gedicht und den ganzen Rilke)

Vortrag

http://www.napster.de/artist/konstantin-wecker/album/wecker-liest-rilke/track/die-flamingos (K. Wecker – Anfang defekt)

Flamingos (Bilder)

http://www.animalspot.net/wp-content/uploads/2012/03/Greater-Flamingo-Images.jpg

http://images.mudfooted.com/why-flamingo-stands-on-one-leg.jpg

http://img.morgenpost.de/img/web-wissen/crop100857426/4418727560-ci3x2l-w620/flamingoseinbeinig-DW-Wissenschaft-Heidelberg.jpg

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/52/James_Flamingo.jpg

http://i.dailymail.co.uk/i/pix/2012/07/16/article-2173937-14121AEE000005DC-147_306x423.jpg

Sonstiges
http://s322834061.website-start.de/app/download/5796450230/DIE++FLAMINGOS+Rilke.doc (Sonettzyklus zu Rilkes Sonett von W. Pilgram)

http://dirk-schindelbeck.de/archives/5453 (Rilke und die Form Sonett)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/themen/literarische-spurensuche-rilke-der-panther-und-der-spatzenfluesterer-1751024-b3.html (Bild der „Flamingos“)

http://kultextur.de/editorial-flamingos-2013/ (über Flamingos)

http://de.wikipedia.org/wiki/Schreitvögel (Schreitvögel)

http://vogelwelt.wordpress.com/watvogel/ (dito)

http://www.wissen-digital.de/Stelzvögel (dito)

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