Rilke: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen – Analyse

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…

Text

http://rainer-maria-rilke.de/sw05a002lebensringe.html

http://anthologie.de/lg-017.htm (mit persönlicher Rezeption)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Rilke,+Rainer+Maria/Gedichte/Das+Stundenbuch/Erstes+Buch/Das+Buch+vom+m%C3%B6nchischen+Leben (Das Buch vom mönchischen Leben)

Das Gedicht, 1899 entstanden, steht in „Das Buch vom mönchischen Leben“, also im „Stundenbuch“ (1905). Konstanze Quirmbach, Psychologische Beratung und LifeCoaching, führt es unter „Gedichte zum Nachspüren“ auf.

Der Ich-Sprecher ist durchaus nicht lyrisch, sondern ausgesprochen selbstbezogen; siebenmal ist „ich“ Subjekt in den acht Sätzen, nur im Relativsatz (V. 2) ist es nicht Subjekt, dafür taucht die 1. Person im Pronomen „mein“ (V. 1) noch einmal auf.

Die 1. Strophe ist vom Bild der wachsenden Ringe beherrscht; das erinnert an die Jahresringe eines Baumes und wird in Fotos zum Gedicht entsprechend dargestellt. Das Bild wird jedoch im Relativsatz gebrochen: Die Ringe ziehen sich „über die Dinge“ (V. 2); ich breite mich aus in der Welt, heißt das. Es folgt eine unerwartete Einschränkung im Bild vom letzten Ring – den muss das Ich auf einmal „vollbringen“ (V. 3, Reimwort zu „Ringen“, V. 1 – passend) womit das naturale gleichförmige Wachsen der Ringe ins Menschliche geholt wird, in die Dimension von Gelingen und Scheitern; „versuchen“ (V. 4) passt dazu, wie ja auch das Gelingen mit „vielleicht nicht“ (V. 3) relativiert wird.

Der Ich-Sprecher spricht zügig; V. 1 und V. 3 sind vierhebige Daktylen mit Auftakt (und weiblicher Kadenz), V. 2 und V. 4 sind dagegen metrisch verkürzt und enden mit männlicher Kadenz am Satzende klar und ruhig. Es dominieren helle i-Laute.

In der 2. Strophe wechselt das Sprecher-Ich abrupt sein Selbstbild: „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm“ (V. 5). Damit wird das Bild von den wachsenden Ringen negiert bzw. um sein Gegenbild ergänzt: Die wachsenden Ringe haben ein Zentrum und breiten sich darum herum aus; das um Gott kreisende Ich ist einem anderen Zentrum als dessen Trabant untertan. Gott als uralter Turm: etwas Festes (Turm), etwas Beständiges (uralt, erinnert an Ewigkeit), und natürlich nicht der christliche GOTT. Dem beständigen Gott entspricht ein beständiges Kreisen, „jahrtausendelang“ (V. 6); diese sinnlose Zeitbestimmung kann nur als „immer“ gelesen werden und ein ewiges Suchen andeuten – wobei völlig offen ist, was gesucht wird. Von diesem uralten Turm geht auch nicht – wie in Philosophie und Religion üblich – eine Bestimmung des kreisenden Menschen aus. Vielmehr blickt das sprechende Ich beinahe selbstverliebt auf sich und seine eigene Fraglichkeit; „und ich weiß noch nicht…“ (V. 7 f.).

Drei Möglichkeiten schweben ihm für die eigene Identität vor: Falke, Sturm, großer Gesang. Falke und Sturm sind ungewöhnliche Vorschläge und enthalten etwas Stürmisches, Aggressives; manchmal bin ich zwar etwas stürmisch, aber ich habe mich noch nie für einen Sturm oder Falken gehalten. Die Alternative lautet: großer Gesang, ohne nähere Bestimmung. Man denkt hier vielleicht an den Sonnengesang des Franziskus oder an geistliche Lieder und Gesänge zu Gottes Lob; aber davon steht im Text nichts; dort steht nur etwas vom Ich-Gesang. Dem Dichter Rilke dürfte die Vorstellung, ein großer Gesang zu sein, sicher gefallen haben.

V. 5 und 7 gleichen metrisch den Versen 1 und 3, weisen jedoch eine männliche Kadenz und somit einen vernehmlichen Ruhepunkt auf. V. 6 und 8 sind ebenfalls daktylisch, V. 6 mit zweifachem Auftakt (oder bloßer Fortsetzung des mit „Turm“ begonnenen Metrums?), beide jedoch mit drei Hebungen, also verkürzt. Die Metrik ergibt Verspaare, wie sie ja auch von den Kreuzreimen ausgewiesen werden. „Turm / Sturm“ passen zueinander, während „-lang / Gesang“ nur klanglich harmonieren. In der zweiten Strophe dominieren helle ei-Laute, daneben dunkle o- und u-Laute sowie vermittelnd fünf „a“.

Die semantische Spannung zwischen den Bildern der beiden Strophen sowie ihre Unbestimmtheit prädestinieren das Gedicht dazu, es in Meditationen mit allen möglichen Inhalten zu füllen. So finden wir es sowohl in kirchlicher Verwendung wie im Coaching, finden es vielfach zitiert und gesprochen, durchweg in meditativem Ton. Wenn man das kritisch gewürdigt wissen will, muss man Burkhard Müller hören: „Rilke vergreift sich an der Tradition der Mystik, weil er weiß, dass der Mystiker nie auf direktem Weg von seinen Erlebnissen berichten kann, die den Erfahrungshorizont der anderen Menschen übersteigen; und dass er deswegen behelfsmäßig in Gleichnissen reden muss, die zum Gemeinten nur in lockerer Beziehung stehen, weil der übermächtige Inhalt jede Form, die ihn endgültig in sich fassen wollte, zersprengt. Diesem Notstand entwendet Rilke, ohne doch die geringste Not, die scheinbare Beliebigkeit des Ausdrucks, um ihn mit gar keinem Inhalt mehr zu füllen; den Tonfall des übervollen Berauschtseins missbraucht er, um einen in der Lyrik nie zuvor dagewesenen Leerlauf in Gang zu setzen, einen großen, traurigen Betrug.“ – Wie gesagt, die Vertreter der Religion und des Coachens sehen das anders, sie nutzen Rilke für ihre Zwecke; und manche nutzen ihn privat, zur eigenen Erbauung.

http://www.lyrikrilke.de/index.php?option=com_content&view=article&id=466&Itemid=173 (meditativ)

http://www.institut-waldspirale.de/alt/down/2_Ich_lebe_mein_Leben_in_wachsenden_Ringen.pdf (meditativ)

http://petereicher.de/wp-content/uploads/2007/03/wachsende-ringe.pdf (im Rahmen einer religiösen Meditation bzw. Predigt)

http://www.st-michael-lohr.de/predigten/neujahr-2011—ich-lebe-mein-leben-in-wachsenden-ringen/0565e2a4-2e27-4889-93e4-34a82a6cae2f?mode=detail (dito)

https://www.bistummainz.de/bistum/bistum/ordinariat/dezernate/dezernat_6/buecher/dez6abt4/assetsbuechereiarbeit/030723buchsonntag2003.pdf (dort S. 8 ff.: dito)

http://religionheute.wordpress.com/2011/06/18/ich-kreise-um-gott-um-den-uralten-turm/ (Deutung im Rahmen des Stundenbuchs als einer „Theologie des Jugendstils“)

http://www.der-innere-weg.de/der-innere-weg/schatztruhe/rilke/ (Der innere Weg. Raum für Wandel in Bewußtsein und Persönlichkeit)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/ich-lebe-mein-leben.html = https://www.youtube.com/watch?v=XPX8hg_8TOA (Fritz Stavenhagen, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=w21h56Ap0Ws = https://www.youtube.com/watch?v=ctBFRNNwKHI (Ulrich Mühe)

https://www.youtube.com/watch?v=0O12Mtigma0 (Maria Buchwitz, gut)

http://media3.roadkast.com/sprechbude/rilke_grossergesang.mp3 (Peter Kempkes)

http://dongxi.magix.net/alle-alben/!/oa/5162069-41672768/ = https://www.youtube.com/watch?v=3JQMIUrOMt4 (Mario Adorf, sehr meditativ)

https://www.youtube.com/watch?v=PimPYwmRdsc (Brigitta Assheuer, gut)

http://www.lutzgoerner.de/index.php?option=com_content&view=article&id=490&Itemid=513 (Lutz Görner, gut)

https://www.youtube.com/watch?v=77jAsQSZXTg (Ole I. Wieröd, etwas eintönig)

https://www.youtube.com/watch?v=zlOyj513RpE (Lotte Lehmann, sehr gut)

https://www.youtube.com/watch?v=hcrtnn_h6Xk (ein Engländer, nicht schlecht)

https://www.youtube.com/watch?v=FpLIsO9J5CE (mit Musik und Bildern unterlegt, meditativ)

https://www.youtube.com/watch?v=VzmwuJfQ_fg (mit Musik unterlegt, sehr meditativ – zur Kunst des Hinhörens)

https://www.youtube.com/watch?v=FJ-ggwNMGyg (mit Bildern unterlegt – meditativ)

https://www.youtube.com/watch?v=0werz4wY0so (Oliver Steller, gesungen – gut; gute Musik)

https://www.youtube.com/watch?v=SHbZOJax0bM (ein Trio singt, meditativ)

https://www.youtube.com/watch?v=jzoLuTM0u1M (Chor singt – Komposition Taco Sorgdrager)

https://www.youtube.com/watch?v=vj3xgBFqTlw (dito – anderer Chor)

Sonstiges

http://gul.echter.de/component/docman/doc_download/3660-72-1999-4-273-290-betz-0.html (O. Betz: Über die Religiosität Rilkes)

http://www.deutschlandradiokultur.de/ich-kreise-um-gott-um-den-uralten-turm.1124.de.html?dram:article_id=176917 (Rilke – Gott)

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/aber-sonst-nichts–vor-125-jahren-wurde-rainer-maria-rilke-geboren-der-virtuose-kann-alles,10810590,9857572.html (B. Müller zu Rilkes 125. Geburtstag – ein großer Verriss)

2 thoughts on “Rilke: Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen – Analyse

  1. Ich finde ja, dass da ein wenig „der Panther“ mitklingt. Hier wäre es eher der Kettenhund, der seinen Aktionsradius ausdehnt.

    Diese drei Sturm, Falke und Gesang entsprechen unterschiedlichen Kräften – der rohen ungebändigten, der scharfsichtig analytischen und der künstlerisch musischen. Alle drei ziehen ihn weg von einem alten (anachronistischen) Zentrum „Gott“ – an dem seine Kette, seine Beschränkung, seine Fessel hängt. Er lebt daher sein Leben in _wachsenden_ Ringen und weiß, sein Leben wird bestimmt sein vom Versuch, sich weiter zu entfernen, ohne die Fessel jemals ablegen zu können – das ist dann der Pessimismus, der auch im Panther anklingt.

    Rilke beschreibt eigentlich nichts besonderes, nicht anderes als den Kampf der „Kreatur Gottes“ auf ihrem Weg zum „freiheitlich humanistischen Menschen“ – den gehen im Grunde genommen fast alle derzeit mit mehr oder weniger Rückschlägen. Der IS (Islamischer Staat) ist eine Gegenbewegung dazu – die Rückkehr zum uralten Turm und dessen Besteigung.

    Was meinen Sie dazu?

  2. Erstens meine ich, dass Falke, Sturm und Gesang nicht vom Turm wegziehen, sondern mögliche Formen des Kreisenden darstellen.
    Zweitens weiß ich nicht, ob man Falke und Sturm plausibel „konkrete“ Bedeutung neben dem Bildhaften zuweisen kann – die Verwendung des Gedichts spricht dagegen.
    Drittens sehe ich keinen Ausgleich zwischen den beiden Bildern des Kreisens und der wachsenden Ringe.
    Den IS würde ich aus dem Gedicht rauslasssen – so konkret kann man m.E. Rilke nicht deuten.

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