Rilke: Die erste Duineser Elegie – kurze Analyse

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel…

Text

http://www.rilke.de/gedichte/die_erste_duineser_elegie.htm

http://art-bin.com/art/oduino1.html (einige Wörter sind hier kursiv gedruckt)

http://www.symbolon.de/downtxt/rilkeelegien.htm (Duineser Elegien)

http://storiografia.me/2013/12/10/rainer-maria-rilke-duineser-elegien/ = http://turmsegler.net/rainer-maria-rilke-duineser-elegien/ (dito)

Über die Duineser Elegien, die über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden sind, heißt es in der Wikipedia: „Um zu zeigen, was der Mensch ist, nutzt Rilke ein gängiges Verfahren der literarischen Anthropologie: Er verweist darauf, was der Mensch nicht ist, um die Seinsweise des Menschen zu beschreiben. Mythopoetisch stellt er dem Menschen einerseits die ‚Gegenbilder’ von Tier und Engel gegenüber, andererseits weist er auf die ‚Grenzbilder menschlichen Seins’ von Kind, Held, Jungverstorbenem und großen Liebenden. Engel und Tier sind frei von den oben beschriebenen Widersprüchen des menschlichen Bewusstseins. Anhand der Grenzbilder des Menschseins schildert Rilke Situationen, in denen der Mensch die Grenzen der ‚gedeuteten Welt’ überschreitet, also die Grenzen der Welt, in der das menschliche Bewusstsein gefangen ist.“

Die erste Elegie ist im Januar 1912 entstanden. Ich rekonstruiere den Gedankengang der ersten Elegie: Der Ich-Sprecher führt in seiner großen Not einen Monolog und fragt verzweifelt: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn“? (V. 1) Er verallgemeinert: „Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen?“ (V. 9 f.) Engel, Menschen und Tiere fallen aus; es bleiben belanglose Dinge übrig (Baum, Straße, Gewohnheit) – „und die Nacht“ (V. 18). Sie ist dafür geeignet, weil sie „dem einzelnen Herzen mühsam bevorsteht“ (V. 20 f.); sie verweist auf den Tod.

In der 2. Str. wird im Gegenzug zur Frage, wen wir zu brauchen vermögen (V. 9 f.), von dem gesprochen, was uns braucht (V. 26 ff.) und wo das Ich versagt hat, weil es „noch von Erwartung“ auf die große Liebe zerstreut war (V. 32 f.). Das Stichwort ergibt den Auftrag: „singe die Liebenden“ (V. 36), und zwar die verlassenen Liebenden, weil die mehr geliebt haben als die Erfüllten – Beispiel Gaspara Stampa, die italienische Dichterin des 16. Jh. mit ihrer unglücklichen Liebe zum Grafen Collalto. Aus diesem Auftrag folgt die Frage, ob wir uns nicht überhaupt „vom Geliebten befrein“ (V. 51) müssen: „Denn Bleiben ist nirgends.“ (V. 53)

Mit der 3. Str. setzt der Sprecher neu ein, er hört Stimmen und fordert: „Höre, mein Herz“ (V. 54), „das Wehende höre“ (V. 59, vgl. V. 18 f.), die Nachricht aus der Stille. „Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.“ (V. 61) Die jung Verstorbenen sind das Thema des zweiten Teils des Gedichts.

Der Sprecher bedenkt ihr Schicksal, das seltsam ist (4. Str.). „Und das Totsein ist mühsam und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig Ewigkeit spürt.“ (V. 78/80) Sie sind mit uns zusammen.

In der 5. Str. folgt die Begründung der Forderung in der 3. Strophe, auf die Toten zu hören: Sie brauchen uns nicht, aber wir können ohne sie nicht sein (V. 86 ff.). Diese These wird dann zum Schluss mit dem Hinweis auf Linos begründet (V. 91 ff.): „L., Sohn des Hermes od. Amphimaros u. der Urania; er übertraf alle Zeitgenossen im Gesang u. stellte sich deshalb dem Apollon gleich, wurde aber von diesem getödtet. Sein Andenken erhielten die Sänger in einem nach ihm benannten Trauerliede L. (Ailinos, Oilolinos).“ [die 2. von drei Figuren namens Linos, vgl. auch diesen Artikel] Was besagt dieses Beispiel für den Sprecher? „Musik erstand aus einem Klagegesang, aus einem schöpferischen Verhalten zum eigenen Leid, aus der Verzweiflung stieg das Wort, durchdrang den erschrockenen Raum […]. Sie erstand, als die vermeintliche Grenze überschritten wurde, und verwandelte die Leere in Schwingung. Musik ist angesichts des Todes entstanden: sie ist Trost, entsprungen aus dem Schmerz.“ (Anonymus)

Mit dem Hinweis auf Linos wird zugleich das Tun des Sprechers legitimiert, wird seiner Elegie Sinn zugeschrieben. Im erschrockenen Raum gerät das Leere in eine Schwingung, „die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft“ (V. 99).

http://de.wikipedia.org/wiki/Duineser_Elegien

http://www.litde.com/sonstige/rainer-maria-rilke-die-erste-elegie.php (die 1. Elegie, Text und ausführliche inhaltlich-deutende Paraphrase)

http://www.xlibris.de/Autoren/Rilke/Werke/Duineser%20Elegien (Duineser Elegien – Einführung und kurze Skizze des Gedankengangs)

http://www.lyrikrilke.de/index.php?option=com_content&view=article&id=240&Itemid=60 (Text und Erläuterungen zu den Elegien: Johannes Heiner)

http://www.lyrikrilke.de/index.php?option=com_content&view=article&id=142&Itemid=104 (Einführung in die Elegien, teils sehr mystisch, von J. H.)

http://www.ev-kirche-riedenberg.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/KG_riedenberg/Bleiben_ist_nirgends-Rilke.pdf (Begegnung mit den Elegien insgesamt, mit Literaturangaben)

http://www.herbstfluten.de/index.php/topic,189.0.html (die Elegien in einem Forum)

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Rilke9.pdf (Bollnow: Die Zeit der Reife Rilkes – über die ganze Dichtung der Spätzeit)

https://cuvillier.de/uploads/preview/public_file/2838/9783867277228.pdf (die Elegien – Einleitung in eine Einführung, eigentlich zu knapp)

http://www.deutschlandfunk.de/duineser-elegien.1242.de.html?dram:article_id=234971 (zur Entstehung der Elegien – ein Feature)

http://www.engelforscher.de/rainer-maria-rilke.html (die Engel in den Duineser Elegien, zugleich Erläuterungen zur Entstehung der Elegien)

http://naosite.lb.nagasaki-u.ac.jp/dspace/bitstream/10069/9600/1/kyoyoJ12_00_10_t.pdf (Abstand Engel – Mensch)

http://www.terrasagrada.info/fileadmin/user_upload/mohale_gedanken.pdf (zur spirituellen Medialität bei Rilke)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=2riGJpC3ob8 (sehr gut)

http://www.sprechbude.de/?s=Duineser+Elegien (alle 10 Elegien; die 1. Elegie gesprochen von Sylvia Kühn – gut)

http://www.lutzgoerner.de/index.php?option=com_content&view=article&id=491&Itemid=513 (bedächtig gesprochen)

 

https://www.youtube.com/watch?v=gOWFQ68gv4I (MuChu & Seelenburg, mit Trommel – interessant)

https://www.youtube.com/watch?v=a4Ut_GX7w7U (Klaviermusik zur 1. Elegie)

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