Rilke: Sonette an Orpheus 1 IX – Analyse

Nur wer die Leier schon hob…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1488

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5562/1 (alle Sonette)

http://de.wikisource.org/wiki/Die_Sonette_an_Orpheus (dito)

http://www.sonett-archiv.com/r/Rilke/Orpheus.htm (dito)

Die 55 Sonette sind im Februar 1922 wie im Rausch geschrieben und 1923 veröffentlicht worden. Es geht um das Singen, es geht um den Sänger:

„Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir, soll
ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier?
Sein Sinn ist Zwiespalt. An der Kreuzung zweier
Herzwege steht kein Tempel für Apoll.“ (Sonett 1 III)

Und dann tritt Orpheus auf. „Ein für alle Male
ists Orpheus, wenn es singt. Er kommt und geht.“ (Sonett 1 V)

Wer war Orpheus? Orpheus, griech. Sängerheros, Sohn des Öagros und der Muse Kalliope, die ihn am Hebrosfluß in Thrakien gebar, von solcher Macht des Gesanges, daß er Bäume und Felsen bewegte und wilde Tiere zähmte. Als seine Gattin Eurydike durch einen Schlangenbiß starb, stieg er in den Hades und rührte durch seinen Gesang und sein Saitenspiel Persephone, daß sie ihm gestattete, die Geliebte zur Oberwelt zurückzuführen, wenn er sich bis dahin nicht nach ihr umblicke. Dennoch tat er es, und die Gattin mußte in den Hades zurückkehren. (Meyers, 1908)

„Ist er ein Hiesiger? Nein, aus beiden
Reichen erwuchs seine weite Natur.
Kundiger böge die Zweige der Weiden,
wer die Wurzeln der Weiden erfuhr.“ (Sonett 1 VI)

Wer die Wurzeln im Erdreich erfuhr, kann auch die Zweige in der Luft biegen; er gehört nämlich beiden Bereichen an. Dieses Thema wird in Sonett 1 IX erneut aufgegriffen: Orpheus hat auch im Totenreich, „unter Schatten“ (V. 2) gesungen; er hat mit den Toten „vom Mohn“ gegessen (V. 5 f.). „Aus dem alten Griechenland belegen archäologische Funde, dass die Griechen Opium für kultische und auch medizinische Zwecke gebrauchten. Die Mohnkapsel war das Symbol für Morpheus, den Gott des Traumes, für Nyx, die Göttin der Nacht, und für Thanatos, den Gott des Todes; diese Symbolkraft der Mohnkapsel für den Traum, den Schlaf und den Tod hat einen vielfältigen Niederschlag in der bildenden Kunst gefunden.“ (Wikipedia) Weil Orpheus derart beiden Reichen angehört, darf er das unendliche Lob erstatten, wird er nicht den leisesten Ton dabei verlieren – das ist der Inhalt der beiden Quartette.

Der Sprecher, der nur im Sprechen hervorritt, nicht als Figur, bewegt sich in einem rhythmischen Daktylos: Drei Hebungen mit männlicher Kadenz (es fehlen zwei Silben) wechseln mit zwei Hebungen mit weiblicher Kadenz (es fehlt nur eine Silbe); nach jedem Vers gibt es eine kleine Pause. Zwei Verse machen einen Satz aus, doch sind die Reime durchaus sinnvoll, wenn man sich nicht auf das einzelne Reimwort beschränkt: wer die Leier hob / das unendliche Lob (erstatten); Leier unter Schatten / Lob erstatten (V. 1-4). Die Lautung bewegt sich zwischen hellen i- und dunklen o-Lauten, den Lauten der beiden Bereiche.

Im ersten Terzett wird mit der „Spieglung im Teich“ und dem reinen Bild eine neue Doppelung eingeführt (V. 9-11); ich sehe es so, dass die Spiegelung im Teich der Oberwelt angehört, das reine Bild der Unterwelt – und der Auftrag lautet: „Wisse das [reine] Bild.“ (V. 11) Das ist der Auftrag für den Sänger; dieser Auftrag steht in Spannung zur Bemerkung, das unendliche Lob werde nur „ahnend“ erstattet (V. 3 f.). Vielleicht löst sich die Spannung, wenn man das letzte Terzett hinzunimmt: dass erst im Doppelbereich das wahre Singen möglich ist (V. 12 ff.); dann würde das unendliche Lob (V. 3) hier und jetzt auf der Erde erstattet, im Modus des Ahnens.

Der Rhythmus in den Terzetten ändert sich gegenüber den Terzetten; zuerst wird die alte Versstruktur aufgenommen (V. 9 f. und V. 12 f.), dann wird im dritten Vers der zweite noch einmal um eine Silbe verkürzt, so dass sich ein Zweiheber mit männlicher Kadenz ergibt, was bedeutet: lange Pause. Von den Reimen sind „im Teich / in dem Doppelbereich“ (V. 9/12) semantisch bedeutsam, die anderen haben nur Klangqualität. In den Terzetten dominieren die hellen i-, e-, ei-Laute gegenüber a, au, o.

Das Gedicht ist ein einziges Singen und Schwingen. Es lebt weniger von seinem Inhalt als von den Bilden, den Assoziationen, seinem Rhythmus und seinem Klang; es gehört nicht nur der Sphäre Apollons an, sondern auch der des Dionysos.

http://www.lyrikrilke.de/index.php?option=com_content&view=category&id=37&Itemid=57 (kurzer Kommentar zu allen Sonetten)

http://www.xlibris.de/Autoren/Rilke/Werke/Sonette+an+Orpheus?page=0%2C1 (Einführung in die Sonette insgesamt)

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/RilkeOrpheus.pdf (Bollnow: Das Bild vom Menschen in den Sonetten)

https://drc.libraries.uc.edu/bitstream/handle/2374.UC/14514/Holzer,%20Angela%3B%20Orpheus%20als%20Opfer%20-%20Die%20Aktualisierung%20eines%20Mythos%20als%20Reinigungsritual%20der%20Sprache%20in%20Rilkes%20Sonette%20an%20Orpheus.pdf?sequence=1 (Orpheus als Opfer: Die Aktualisierung eines Mythos…)

http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/Endreim.htm (zur Reimform)

http://komparatistik-donat.userweb.mwn.de/psmetrik/sprache.html (dort 4.: der fußmessende Versifikationstyp)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=KEHU1zE4th4 (Film dazu)

Sonstiges

Ernst Leisi: Rilkes Sonette an Orpheus: Interpretation, Kommentar, Glossar, 1987 (Tübingen: Narr)

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