Rilkes Grabspruch – Interpretationen

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,

Niemandes Schlaf zu sein unter soviel

Lidern.

Otto Friedrich Bollnow hat die Symbolik der Rose Rilkes umfassend untersucht. Er fasst das Ergebnis auf S. 300 zusammen: „Der Schlaf der Rose erscheint als das unerschöpfliche unbewußte Leben, das sich in seinen einzelnen Leistungen zum Bewußtsein öffnet und doch selber im unaufhebbar Unbewußten bleibt. Die Öffnung des Unbewußten ins Bewußtsein ist selber der reine Widerspruch der Rose, die ergebnislos in sich selber ruhende Bewegung, die niemals einen letzten –grund freilegt, weil nach einem solchen ‚Grund’ zu suchen schon das Wesen dieser echt unergründlichen Bewegung verkennen würde.“ – Man muss die Entwicklung dieser Deutung mindestens ab S. 289 selber verfolgen und Bollnows Erklärung, wieso dieser Vers Rilkes Grabspruch geworden ist, auf S. 300 ff. nachlesen.

Hermann Mörchen stützt sich auf Bollnow; er schreibt in seiner Deutung von Rilkes Grabspruch:

  • Die Rose ist die Königin der Blumen, der Inbegriff der Vollkommenheit der Natur.
  • Ihre Nichtigkeit besteht darin, dass unter der Fülle ihrer Blütenblätter kein schlafendes Auge liegt.
  • Als diese Einheit von Vollkommenheit und Nichtigkeit ist die Rose der „reine Widerspruch“ – rein insofern, als sie Bild des echten Widerspruch ist: die Einheit des Ganzen darzustellen, in der er gründet.
  • Der reine Widerspruch umfasst alle Fülle des Lebens und den Tod, dessen „Bruder“ ja der Schlaf ist.
  • Die Einheit von Nichtigkeit und Vollkommenheit ist ein äußerst Geglücktes, ist höchste „Lust“.
  • In symbolhaft geschauten Dingen geht Rilke das Wesen des Seienden als solchen auf.

Mörchen geht dann noch auf die wichtigsten Parallelen ein, um den Sinn der Rose bei Rilke zu beglaubigen. (H. Mörchen: Denken, Glauben, Dichten, Deuten, 2006, S. 185 ff.; Mörchen stützt sich auf Bollnows Untersuchungen zum Rosensymbol)

Broder Christiansen sagt, man müsse den Spruch als Grabinschrift ernst nehmen: Die Rose ist ein Gleichnis des Todes. Jedes Blütenblatt ist wie ein Lid, das sich zum Schlaf schließt; doch unter den Lidern ist die Lust aufblühenden Lebens – ein Widerspruch, der rein wie eine Harmonie ist. Der Tod scheint tiefster Schlaf zu sein, doch unter den vielen Lidern ist ein Leben wie das der Rose – ein reiner Widerspruch. „Der Tod ist aufblühendes Leben.“ Statt „Stirb und werde!“ (Goethe) sagt Rilke: „Stirb und erblühe!“

Wolfgang Beitinger gibt folgende Deutung:

Die Rose als lit. Symbol oder als Metapher hat eine lange Geschichte. Außer für Schönheit und Liebe steht sie auch für die Epiphanie des Göttlichen und des Weltgesetzes. ANGELUS SILESIUS schreibt:

Die Ros‘ ist ohn‘ warum: sie blühet, weil sie blühet;

SIE acht‘ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

Die Rose blüht im Auftrag des Weltgesetzes; ihr höherer Sinn ist unantastbar, unverfügbar. Sie steht auch für den höheren Sinn der Dichtkunst. „Schlaf“ ist der Bruder des Todes; er steht auch für den Traum. Die auf Rilkes Grab blühende Rose blüht auch auf einem Gottesacker.

„unter soviel Lidern“ deutet dann auf die große Zahl der Entschlafenen, vielleicht besagt also die Grabinschrift: „Das Göttliche in meinen Werken sinkt nicht mit ins Grab. Damit vergleichbar wäre dann Hölderlins Wort: „Was aber bleibet, stiften die Dichter.“ (a.a.O. S. 17 f.)

Der japanische Philosoph Sh. Ueda schreibt zum Grabspruch, er wolle das „oh“ als den Ursprung des Spruchs nehmen. „Getroffen von der reinen Präsenz wird ‚Oh!’ ausgerufen.“ (S. 30) Die reine Präsenz beraubt den Menschen der Sprache; der Mensch verfügt nicht über „Oh“, das ist kein Wort. Anderseits ist dieses „Oh“ der Beginn der folgenden Versworte; es leitet die Wiederauferstehung des Menschen zu seiner wesenhaften Sprachlichkeit ein. Man kann von einem Oh-Ereignis sprechen. (S. 30 f.) (http://www.verlag-alber.de/elvis_img/alber/titel/pdf/0002991494_0001.pdf S. 29 ff.)

Ich selber lese den Spruch so: Die Rose stellt in sich einen reinen Widerspruch dar: Sie hat so viele Lider (Rosenblätter), mit denen sie die Augen eines Schlafenden zudecken könnte – aber es gibt da keinen Schlafenden, und das ist in sich (für die Rose) „Lust“; sie lebt also in sich, ohne als Totenmantel gebraucht zu werden.

http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/Rilke8.pdf (Bollnow: das Rosensymbol; S. 289 ff.: Der Weg zum Grabspruch)

http://retro.seals.ch/cntmng?pid=dkm-001:1957:17::1656 (B. Christiansen: Ist die Grabinschrift Rilkes wirklich ein Rätsel?)

http://vortraege.beitinger.de/manu/rilke_m.pdf (W. Beitinger: R. M. Rilke – ein deutscher Lyriker aus Prag)

http://www.zeit.de/1946/25/der-reine-widerspruch (D. Bassermann, 1946 – über den reinen Widerspruch)

http://www.movingmoment.com/poetry/Rilke’s%20Epitaph.htm (Erik Bendix)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s