Ätiologische Märchen

Zweifellos gibt es ätiologische Märchen; das ist mir vor ein paar Tagen aufgefallen, als ich „3-Minuten-Märchen aus aller Welt“ von Marlis Arnold, Könemann 2001, las. Das wird teilweise schon im Titel deutlich: „Warum das Schneeglöckchen nicht erfriert“, „Wie die Geige auf die Welt kam“, aber auch „Die Sonne, der Mond und der Hahn“. Zwei dieser drei Märchen habe ich auch im Internet gefunden:

  1. Wie die Geige auf die Welt kam (http://issuu.com/ashbonn/docs/forum_2013_albert-schweitzer-haus/8), in Verse gefasst http://www.poetry.de/showthread.php?t=25888 =  „Wie die Musik in der Welt kam“ (Zigeunermärchen, nacherzählt von Maximilian Steiner: http://members.a1.net/a-kultur/maerchen/geige.htm, mit dem Schluss: „So ist die Musik also in die Welt gekommen.“)
  2. Die Sonne, der Mond und der Hahn (http://maerchenkiste.com/m%C3%A4rchentexte/die-sonne-der-hahn-und-der-mond/; http://www.maerchenfraukoeln.de/seiten/buecher/leseprobe-3-m-m.html; http://www.maerchen-muenster.de/main31.html, dort unter Juli 2011, mit dem Schluss: „Seitdem weckt der kleine Hahn mit seinem hellen Kikeriki die große Sonne auf, und sie verbringen den Tag miteinander. Die Sonne hoch am Himmel und der Hahn unten auf der Erde. Und erst am Abend, wenn die Sonne in den Himmel zurückkehrt und der Hahn in seinen Stall, dann steigt der Mond am Horizont auf und beginnt seine einsame Herrschaft über das Reich der Nacht und der Sterne.“)
  3. Eine Sammlung ätiologischer Märchen findet man unter https://maerchensammler.wordpress.com/category/marchentypen/atiologisches-marchen/; und warum die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen, wird in vielen Märchen erklärt (http://mutaborverlag.ch/bilder/baummaerchenbuch_auszug.pdf).

Im Lexikon wird erklärt: „ätiologische Sagen, ätiologische MärchenBezeichnung für Sagen und Märchen, in denen der beobachtende Mensch bei ungewöhnlichen Naturgebilden, Bauwerken, Namen, Bräuchen u. a. die Frage nach ihrem Wesen und ihrer Herkunft mit den Mitteln des mythisch-magischen Weltbildes und des assoziativen Denkens und Fantasierens beantwortet: So werden z. B. sonderbare Felsbildungen als versteinerte Riesen gedeutet, Orts- und Flurnamen mit sagenhaften Begebenheiten in Verbindung gebracht.“ (http://universal_lexikon.deacademic.com/63324/%C3%A4tiologisch, vgl. auch die Überlegungen in http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Allgemein/Oskar+D%C3%A4hnhardt%3A+Natursagen/4.+Band.+Tiersagen%3A+Zweiter+Teil/7.+Kapitel%3A+Die+Fuchsm%C3%A4rchen/1.+Der+Fischfang; dort wird allerdings auch mit der Möglichkeit gerechnet, dass ein ätiologischer Schluss nachträglich angehängt werden kann, weil er so schön passt.) –  Zum Begriff der Ätiologie: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/aetiologie-3/ch/83c4da5ccda4e4b1ad21053ca61af159/

Nun gibt es ein Indianermärchen, das von K. Recheis/F. Hofbauer unter dem Titel „Bruder der Tiere“ nacherzählt worden ist (99 Minutenmärchen, Kerle, 16. Aufl. 1995, S. 79-81: Ein kleiner Indianer verläuft sich im Wald, ernährt sich von Wurzeln und Beeren und wird im Winter von den Tieren behütet und durchgefüttert. Im Frühling bringen die Tiere ihn in die Menschenwelt zurück; sie schärfen ihm vorher ein: „Im Winter, als du allein warst, haben wir dir Essen und Wärme gegeben. Nun sind wir deine Brüder. Vergiß das nicht!“ Der Junge geht zu seiner Familie, und der letzte Satz lautet so: „Solange er lebte, vergaß er nicht, daß die Tiere seine Brüder waren.“

Dieser Schluss befriedigt nicht; aus dem Wissen des einen Jungen folgt nämlich nichts, dieses Wissen bewährt sich nicht. Folgerichtig müsste der Schluss darauf hinauslaufen, dass der Junge auch den anderen Indianern erzählt, was er erlebt hat, und dass seitdem die Indianer wissen, dass die Tiere unsere (oder: ihre?) Brüder sind. Dann hätten wir ein ätiologisches Märchen, in dem erzählt wird, wie dieses Wissen von der Verbundenheit der Kreaturen in die Welt gekommen ist.

One thought on “Ätiologische Märchen

  1. Erklärungssagen (eher als Märchen) eignen sich auch gut fürs Erzählen in der Unterstufe. Das geht zum Beispiel mit ungewöhnlichen örtlichen Straßennamen: „Erzähle spannend, wie es dazu kam, dass eine Straße im Ort ‚Am Kugelfang‘ heißt.“

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