Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug – Besprechung

Wie wir uns selbst und andere erfolgreich belügen. Ullstein 2013

Das Buch ist schwer zu lesen und schwer zu besprechen – schwer zu lesen, weil der Autor einmal alles mit allem verbindet und zudem oft unklar schreibt (oder unklar übersetzt ist); schwer zu besprechen aus den gleichen Gründen. Es gibt zwar einige Besprechungen im Netz, aber es ist fraglich, ob die Rezensenten das Buch wirklich von vorn bis hinten gelesen haben; die Rezensionen vermitteln jedenfalls keinen Eindruck von der Fülle der Themen, die Trivers in seine Täuschungstheorie einbezieht. Um den Grundgedanken zu kennen, genügt es, die beiden Interviews zu lesen:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-96239004.html (Interview)

http://www.morgenweb.de/nachrichten/wissenschaft/wir-sind-alle-unmoralische-menschen-1.1334832 (Interview)

http://www.zeit.de/2011/50/Selbstbetrug (große Besprechung)

http://oe1.orf.at/artikel/338941

http://www.neues-deutschland.de/artikel/832299.luegner-kommen-schneller-voran.html (kritische Rezension)

http://www.thurgauerzeitung.ch/aktuell/panorama/panorama/Viele-Luegen-beim-Sex;art253654,3456246 (kurz, unkritisch)

http://www.joseffriedrichebner.at/159923727 (paraphrasierend)

http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1679897/Lug-und-SelbstbeTrug/ (Essay, Anlehnung an Trivers u.a.)

http://www.nzz.ch/nachrichten/hintergrund/wissenschaft/lob-dem-selbstbetrug-1.9607357 (dito)

Trivers will „eine allgemeine, evolutionstheoretisch begründete Theorie der Täuschung und der Selbsttäuschung“ (S. 13) entwerfen. Die zentrale These lautet: „Wir täuschen uns selbst, um andere besser zu täuschen.“ (S. 19, vgl. S. 21, 29 u.ö.) Selbsttäuschung findet statt, „wenn der bewusste Geist im Dunkeln gelassen wird. Wahre und falsche Informationen können gleichzeitig gespeichert werden, nur befindet sich die Wahrheit im unbewussten und die Unwahrheit im bewussten Geist.“ (S. 28) Das Agens des Täuschens bleibt jedoch unklar, manchmal ist es bewusst, manchmal unbewusst – und die Unklarheit wird hinter dem Passiv verborgen.

An dieser Stelle kann man die grundsätzliche Schwäche des Buches erkennen: Unklar bleibt, warum wir daran interessiert sind/seien, aus der Selbsttäuschung herauszukommen, und warum es den ethischen Imperativ gibt: „Erkenne dich selbst!“ Bei einer evolutionspsychologischen Fundierung des ganzen Phänomens (Vorteile im Bestreben, die eigenen Gene weiterzugeben) bleibt die ganze Dimension des Psychischen, erst recht die des Geistigen unterbelichtet oder unbeachtet; das sieht man auch an den Kriterien, die Trivers als Merkmale von Täuschung (statt Selbsttäuschung!) nennt: Nervosität, Selbstbeherrschung, kognitive Belastung (= verminderte geistige Leistungsfähigkeit) – es überrascht, wie hier Täuschung und Selbsttäuschung in einen Topf geworfen werden. Der Evolutionsbiologe müsste eigentlich die geschickte Selbsttäuschung verteidigen, weil sie uns befähige, andere zu täuschen und uns durchzusetzen (resp. unsere Gene auszubreiten).

Einige Beispiele für Unklares: Da gibt es die Möglichkeit, mit Hilfe eines Primers einen vorübergehenden Geisteszustand zu erzeugen (S. 45); aber was ein Primer ist, wird nicht erklärt, und auch google bzw. Wikipedia hilft mir trotz einer Vielzahl von Bedeutungen nicht weiter. Auch was fMRI-Bilder (S. 91) sind, konnte ich nicht herauskriegen; wieso Abtrünnigkeit das Gegenteil von Kooperation (beim Gefangenendilemma) ist (S. 84), verstehe ich nicht. Auch die Hamilton-Regel scheint mir diffus zu sein: Das Produkt aus dem Nutzen einer altruistischen Handlung und dem Verwandtschaftskoeffizienten muss größer sein als der Nachteil, den die Handlung für den Altruisten mit sich bringt (S. 122). Dazu frage ich: Wie will man Nutzen und Nachteil messen? Der Artikel „Verwandtenselektion“ in Wikipedia zeigt zudem, dass die Regel inzwischen nicht mehr als letzte Wahrheit gilt. Dass einzelne Gene im Menschen bestimmte Interessen verfolgen (S. 125), kommt mir obskur vor.

Trivers deutet mit Hilfe seiner Theorie die ganze Welt: Konflikte zwischen Eltern und Kindern, eigenes Versagen, eheliche Treue und Untreue, Israels Politik gegenüber den Palästinensern samt ihrer Vorgeschichte, den Völkermord an den Armeniern, Selbsttäuschung bei Luft- und Raumfahrtkatstrophen, die Wirkungen von Musik… Geht man aber dem Begriff der Selbsttäuschung nach, wie er ihn in Kapitel 1 entwickelt wird, stößt man auf große Unklarheiten. Ich diskutiere die neun „Kategorien der Selbsttäuschung“ (S. 37 ff.), die Trivers benennt:

  1. Selbstaufplusterung „führt regelmäßig dazu, dass Menschen sich in die obere Hälfte positiver Verteilungen [Intelligenz, Schönheit usw., N.T.] und in die untere Hälfte negativer Verteilungen einstufen“ (S. 38). – Damit ist jedoch keine Kategorie der Selbsttäuschung benannt, sondern eine Technik (Selbstaufplusterung), welche auch Tiere verwenden.
  2. Verächtlichmachung anderer (S. 41 f.) hat zunächst nichts mit Selbsttäuschung zu tun, sondern ist wiederum eine Technik, mit der man sich selbst erhöhen (aufplustern) kann.
  3. Die Unterscheidung „wir und die anderen“, wobei die anderen negativ gesehen werden (S. 43 ff.), verweist auf einen Bereich der Selbsttäuschung, ist aber keine Kategorie.
  4. Der Besitz von Macht führt dazu, dass Menschen ihre Aufmerksamkeit nicht anderen schenken, sondern primär sich selbst (S. 45 ff.). – Wieso das eine Selbsttäuschung sein soll, verstehe ich nicht.
  5. Moralische Heuchelei erzeugt das Gefühl moralischer Überlegenheit (S. 47 f.). – Die interessante Frage ist, wie moralische Heuchelei zustande kommt; Trivers betrachtet jedoch nur den Effekt der Täuschung der anderen, nicht die fundamentale Selbsttäuschung des echten Heuchlers.
  6. Wir erliegen der Illusion der Kontrolle: „Wir glauben, wir könnten Folgen stärker beeinflussen, als es in Wirklichkeit der Fall ist.“ (S. 48) – Das ist eine echte Selbsttäuschung.
  7. Dagegen ist die Konstruktion einer verzerrten Gesellschaftstheorie (Theorie des unmittelbaren sozialen Umfelds, S. 50 f.) nichts anderes, als bereits bei 1. und 3. gesagt worden ist.
  8. Auch was Trivers über persönliche Legenden und falsche historische Darstellungen schreibt, ist das Gleiche wie das zu 1. und 2. Gesagte.
  9. Als letzte „Kategorie“ führt Trivers „Unbewusste Module im Dienste der Täuschung“ (S.53 ff.) ein. Als Beispiel nennt er seine eigene Neigung, unbewusst kleine Diebstähle (Kugelschreiber usw.) zu begehen. Wieso das jedoch ein Modul (Baustein, Bauelement; Teil eines größeren Systems) sein soll, verstehe ich nicht – der Begriff Modul erklärt überhaupt nichts.

Fazit: Die Basis des ganzen Buchs ist schwach und unklar, Kategorien der Selbsttäuschung werden nicht entwickelt; auf dieser Basis wird ungeheuer viel Material zusammengetragen und zu einer vorläufigen Theorie des Täuschens und der Selbsttäuschung verbaut. Wie das Buch es schaffen konnte, zu den empfohlenen Sachbüchern des Oktobers 2013 gezählt zu werden, verstehe ich nicht – vielleicht ist es aber auch nicht schlechter als die anderen Sachbücher; wenn ich sehe, was alles es in der Belletristik auf die Spitzenplätze schafft, neige ich zur zweiten Vermutung. Ich gestehe, dass ich Trivers’ Buch nicht Ende gelesen habe; damit stehe ich sicher nicht allein.

P.S. Wie klug Menschen mit Selbsttäuschung umgehen und sich (und andere) von ihr zu befreien suchen, zeigt die Fabel

„Die Eule und das Rebhuhn“

Eines Tages hatten sich alle Vögel versammelt und kamen überein, ihre Kinder in die Schule zu schicken, damit sie lesen und schreiben lernten. Sie fanden auch einen Lehrer und stellten ihn an. Er eröffnete die Schule, und sie kamen mit ihren Kindern und ließen sie einschreiben.
Nach einigen Tagen kamen etliche Kinder in die Schule und konnten ihre Aufgaben nicht. Der Lehrer behielt sie über Mittag da, ohne dass sie etwas zu essen hatten. Unter den Kindern, die zur Strafe nachsitzen mussten, war auch das Kind der Eule.
Sobald die Eule sah, dass am Mittag die Kinder aus der Schule kamen und ihr Kind nicht dabei war, nahm sie ein wenig Brot und ging zur Schule, um es ihm zu bringen. 
Als sie so ging, traf sie das Rebhuhn, dessen Kind auch nachsitzen musste, ohne zu essen, und sie wollte ihm etwas Brot bringen. Da sagte das Rebhuhn zu Eule: „Dir alles Gute, Nachbarin; ich habe viel zu tun und bitte dich, nimm auch für mein Kind das Essen mit.“ „Das tu ich gern, Nachbarin“, sagte die Eule, „aber ich kenne dein Kind nicht.“ „Oh“, erwiderte das Rebhuhn, „was das anbetrifft, so kannst du es leicht finden. Mein Kind ist das schönste Kind der ganzen Schule.“
Die Eule ging zur Schule. Sie bat den Lehrer um Erlaubnis, und er willigte ein, dass sie ihrem Kind das Brot gab. Dann ersuchte sie den Lehrer darum, alle Kinder sehen zu dürfen. Sie besah sich alle gründlich, aber sie fand das Kind des Rebhuhns nicht. Sie kehrte um, traf das Rebhuhn und gab ihm das Brot zurück und sagte: „Was sollte ich tun! Ich habe eine Stunde lang nachgeschaut und hab’ dein Kind nicht gefunden, denn in der Schule war kein Kind schöner als meines.“

Vielleicht wäre „Egozentrik“ eine Kategorie der Selbsttäuschung? Und daran anschließend Ethnozentrismus? – Das Motiv der Fabel ist weltweit verbreitet: http://www.zeno.org/M%C3%A4rchen/M/Allgemein/Oskar+D%C3%A4hnhardt%3A+Natursagen/2.+Band.+Sagen+zum+neuen+Testament/18.+Kapitel%3A+Mariensagen/1.+Eine+%C3%A4sopische+Fabel+in+christlichem+Gewande

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