Bechstein: Das Nußzweiglein – Analyse

Ausgangssituation:

Reise eines Vaters dreier Töchter, welche drei Wünsche für ein Mitbringsel tun dürfen; die jüngste wünscht sich „ein schönes, grünes Nußzweiglein“.

Geschehen:

Anstoß: 1. Der Vater findet auf der Heimreise zufällig einen Nusszweig, der ihm von einem wilden Bären verweigert bzw. nur unter der Bedingung überlassen wird, ihm zu geben, „was dir zu Hause als erstes begegnet“; der Vater willigt ein. 2. Zu Hause begegnet ihm die jüngste Tochter als erste; sie will das Versprechen des Vaters trotz aller Bedenken erfüllen.

Aufgabe: Die Tochter muss die Begegnung mit dem wilden Bären bestehen.

Aufschub der Probe, indem dem Bären die hässliche Hirtentochter übergeben wird; sie wird vom Bären als „falsch“ erkannt, weil sie ihn nicht richtig krault, und kann ihm entfliehen.

  1. Probe: Die Tochter fährt mit dem wilden Bären fort.
  2. Probe: Sie muss den Bären hinter den Ohren kraulen, was sie richtig macht; zur Belohnung wird der Bär freundlich, sie gewinnt Vertrauen zu ihm.
  3. Probe: Im Bärenhaus muss sie durch viele Zimmer voller gefährlicher Tiere gehen und darf trotzdem nur geradeaus schauen. Sie tut das (und bewährt sich zum drittenmal); so bewirkt sie die Erlösung: Ein Donnerschlag verkündet im 12. hellen Zimmer die Erlösung des Bären und seiner Wohnung zu einem Fürsten mit Schloss.

Belohnung: Sie ist die Braut des Fürsten.

Bestätigung: 1. Sie trägt weiterhin ihren Nusszweig. 2. Ihre Eltern und Schwestern werden geholt und leben mit dem Fürstenpaar im Schloss.

 

Dieses Märchen geht auf Wilhelmine Mylius zurück, welche es Bechstein erzählt hat. Bechstein weist auf die Verwandtschaft mit dem Märchen „Das singende, springende Löweneckerchen“ der Brüder Grimm hin; dort muss die dritte Tochter allerdings ihren in eine Taube verwandelten Löwenmann zum zweitenmal erlösen, der in Gefahr ist, eine fremde Königstochter zu heiraten. Das Jephta-Motiv (das hergeben, was zu Hause als erstes begegnet), ist in vielen Märchen zu finden. Walter Scherf weist auf das Märchen „Der Eisenofen“ der Brüder Grimm hin, wo die Königstochter ihren Bräutigam auch zweimal erlösen muss, sowie auf ihr später ausgeschiedenes Märchen „Hurleburlebutz“. Ähnlichkeiten weisen noch Bechsteins Märchen „Besenstielchen“ und „Siebenhaut“ auf, wo jeweils vornehme Männer aus ihrer Tiergestalt erlöst werden müssen. -> Erlösung des Mannes aus einer fremden Gestalt durch eine liebende Frau: In diesem tieferen Gehalt können Kinder das Märchen natürlich nicht verstehen.

Scherf nennt Apuleius’ Erzählung „Amor und Psyche“ (2. Jh.) als eine Quelle dieses Märchentyps, doch sei er bereits vor Apuleius bekannt gewesen; man findet ihn natürlich auch in anderen europäischen Sprachen überliefert.

 

http://www.maerchen.com/ludwig-bechstein.htm (Bechstein: Deutsches Märchenbuch, 1845)

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_M%C3%A4rchenbuch (Deutsches Märchenbuch, Ausgabe letzter Hand 1857)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Deutsches+M%C3%A4rchenbuch (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_deutsches_M%C3%A4rchenbuch (Neues deutsches Märchenbuch, 1856)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch (dito)

(Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Walter Scherf, 1976)

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