Bechstein: Mann und Frau im Essigkrug – Analyse

Text: http://www.maerchen.com/bechstein/mann-und-frau-im.php (1847)

http://maerchenbasar.de/mann-und-frau-im-essigkrug-2700.html (1857)

http://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/von_dem_fischer_un_seiner_frau (Grimm: Von dem Fischer und seiner Frau)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-schonsten-kinder-und-hausmarchen-6248/48 (plattdeutsch, bereits 1812 in KHM)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-sch-6248/49 (hochdeutsch)

http://de.wikisource.org/wiki/Kinder-_und_Haus-M%C3%A4rchen_Band_3_%281856%29/Anmerkungen#19 (Anmerkungen der Brüder Grimm zum Märchen)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/drei-m-5602/1 (Puschkin: Märchen vom Fischer und dem Fischlein, 1836)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/das-m-7593/1 (dito)

Bechstein hat das Märchen aus August Stöbers „Elsässisches Volksbüchlein“ (1842) übernommen; die sehr ähnliche Geschichte der Brüder Grimm (Von dem Fischer und seiner Frau, KHM 19) wurde zuerst von Philipp Otto Runge (1777-1810) in pommerscher Mundart aufgezeichnet. Die Geschichte ist bereits im Mittelalter nachweisbar. – Ich wollte Bechsteins Erzählung wegen ihrer großen Nähe zum Märchen der Brüder Grimm zuerst hier nicht aufnehmen; aber sie hat doch eigentümliche Züge, sie ist nicht von den Grimms abgeschrieben. Eigentlich ist sie kein Märchen, sondern eine Parabel; das zeigt sich nicht nur am lehrhaften Schlusssatz Bechsteins, sondern am exemplarischen Weg der unersättlichen Leute, die auf keinen guten Rat hören und deren Streben nach immer mehr durch den Misserfolg (in der Art einer Fabel) als falsch erwiesen wird. Auch dass sie in einem Essigkrug wohnen, ist ein surrealer Zug, der zur Parabel passt.

Ausgangssituation:

Ein Mann und ein Frau wohnen in einem Essigkrug; sie werden unzufrieden und bekommen Streit.

Geschehen:

Das Geschehen wird dadurch ausgelöst, dass ein goldiges Vöglein kommt und den unzufriedenen streitenden Eheleuten neue Möglichkeiten eröffnet:

  • Es führt sie in ein neues Häuschen.
  • Es ermahnt zur Zufriedenheit und zu friedlichem Zusammenleben.
  • Es bietet an, wiederzukommen, „wenn ihr mich braucht“.

Nach anfänglicher Zufriedenheit werden sie auf die Nachbarn neidisch, die größere Höfe haben, und damit beginnt der Weg, der Stufe um Stufe ins Verderben führt, obwohl das Vöglein von Stufe zu Stufe deutlicher warnt:

  • Sie bekommen einen großen prächtigen Bauernhof.
  • Sie bekommen das schönste Haus in der Stadt.
  • Sie werden Edelleute.
  • Sie werden König und Königin.
  • Die Frau will Herrgott sein.

Strafe: Sie wird von einem großen schwarzen Vogel dazu verdammt, wieder im Essigkrug zu wohnen.

Bestätigung: Da sitzen sie noch…

Lehre des Erzählers.

 

Wenn man die Reaktionen des goldigen Vögleins beachtet, erkennt man eine Steigerung:

  • Es mahnt zur Zufriedenheit (und zu friedlichem Zusammenleben).
  • Es blinzelt ein wenig…
  • Es blinzelt erneut „mit seinen Guckäugelein…“
  • Es blinzelt arg mit den Äuglein und sagt: „Ihr unzufriednen Leute! Werdet ihr denn nicht einmal genug haben? […] es ist euch aber nichts nutz!“
  • Es sträubt die Federn, schlägt mit den Flügeln und sagt: „Ihr wüsten Leute, wann werdet ihr denn einmal genug haben? […] ihr habt nimmermehr genug!“
  • An seiner Stelle kommt ein großer schwarzer Vogel (Kontrast!) mit funkelnden Augen, „die wie Feuerräder rollten,“ und spricht die Strafe aus.

In Bechsteins Erzählung sind beide unzufrieden; bei den Brüdern Grimm ist nur die Frau unzufrieden, der Mann mahnt dagegen zur Zufriedenheit. Hier zeigt sich am Zustand der See, dass die Wünsche ins Ungeheure wachsen, was nicht gut enden kann. – Bei den Brüdern Grimm gibt es noch die surreale Pointe, dass die Frau Papst wird, was nach kirchlichem Recht natürlich unmöglich ist.

H. Schaaf referiert kurz Hans Jellouscheks Deutung des Märchens vom Fischer und seiner Frau: „Zunächst scheint es so, als sei die Frau des Fischers durch ihre unersättliche Ansprüchlichkeit an der wieder einkehrenden Armut der elenden Hütte am Ende der Geschichte allein schuld. Aber Jellouschek gelingt es, die gleich wichtigen Anteile Beider Schritt für Schritt nachvollziehbar und überzeugend herauszuarbeiten und gangbare Wege aus diesem wohl vielen bekannten Dilemma heraus aufzuzeigen.
Der Fischer wird mit seiner introvertierten Wunschlosigkeit konfrontiert, Ilsebil dagegen mit ihrer existentiellen Unzufriedenheit mit sich selber. Angesprochen wird bei diesem Märchen der Mut zur Eigenverantwortlichkeit und die entschiedene Absage an den zu oft gehörten Vorwurf „Du bis schuld“, verbunden mit der resignativen Bemerkung, „wenn Du nicht wärst, ginge es mir besser…“.“ Überhaupt sind die greifbaren Deutungen des Motivs alle mit dem Märchen der Brüder Grimm verbunden, sie können aber mit entsprechenden Änderungen auf die Parabel Bechsteins übertragen werden. Die beiden Elemente Mahnung zur Zufriedenheit und Widerstand gegen die Maßlosigkeit sind bei Bechstein im goldenen Vöglein verbunden; bei den Grimms werden sie auf den Mann und die See verteilt – das macht m.e. keinen großen Unterschied. Insofern bin ich gegen Jellouscheks Deutung skeptisch; Jellouschek muss als Therapeut natürlich beiden Parteien etwas zu sagen haben…

http://de.wikipedia.org/wiki/Vom_Fischer_und_seiner_Frau

https://archive.org/stream/anmerkungenzuden01grim#page/138/mode/2up (Erläuterungen von Bolte-Polívka zu Grimms Märchen)

http://de.wikisource.org/wiki/Literarische_Umbildung_des_M%C3%A4rchens_vom_Fischer_und_siner_Fru (A. A. Brandl: Literarische Umbildung des Märchens…, 1903)

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Kahl_Fischer.pdf (Philosophische Deutung des Märchens)

 

http://www.maerchen.com/ludwig-bechstein.htm (Bechstein: Deutsches Märchenbuch, 1845)

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_M%C3%A4rchenbuch (Deutsches Märchenbuch, Ausgabe letzter Hand 1857)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Deutsches+M%C3%A4rchenbuch (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neues_deutsches_M%C3%A4rchenbuch (Neues deutsches Märchenbuch, 1856)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Bechstein,+Ludwig/M%C3%A4rchen/Neues+deutsches+M%C3%A4rchenbuch (dito)

(Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Walter Scherf, 1976)

(Klaus Schmidt: Untersuchungen zu den Märchensammlungen von Ludwig Bechstein, 1935, Nachdruck 1984)

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