Hans-Peter Kraus: Freund Hain – Besprechung

Freund Hain. Die einzig wahre Geschichte seiner Freundschaft mit dem Dichter Matthias Claudius. Erzählt von ihm selbst. Aufgeschrieben von Hans-Peter Kraus. 2014

Ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliches Buch gilt es vorzustellen: Einmal erscheint es gleichzeitig als E-Book und gedruckt (on demand), zudem kann man es als E-Mail-Abo-Roman kostenlos lesen (http://www.lyrikmond.de/hain/); hier wird der Tod nicht nur als Erzähler, sondern auch als „Mensch“ eingeführt, als Person, die sich mit Matthias Claudius anfreundet. Damit sind eine Reihe erzählerischer Möglichkeiten und Probleme gegeben.

Die Geschichte dieser Freundschaft ist auch die Lebensgeschichte des Dichters Claudius (1740-1815). Was Freund Hain von dieser Lebensgeschichte erzählt, geht ein wenig über das hinaus, was man in der Wikipedia– oder der NDB-Biografie des Dichters lesen kann.

Was solchen Biografien fehlt, sind wirkliche Einblick in das literarische Schaffen. Die bietet Kraus’ Buch: Er hat 30 Texte, meist Gedichte, in der Schrifttype abgesetzt, in das Buch eingeflochten, davon einige nur Auszüge (z.B. über das Vaterunser). Bekannt davon sind etwa die Gedichte „Der Mensch“, „An – als ihm die – starb“ oder „Der Tod und das Mädchen“. Für mich waren das reizende Gedicht „Frau Rebekka“, aber auch „An Frau Rebekka“ und „Anselmuccio“ neu; ich habe regelmäßig nachgeschlagen, wann und wo die einzelnen Werke erschienen sind (http://gutenberg.spiegel.de/autor/matthias-claudius-103 oder http://www.zeno.org/Literatur/M/Claudius,+Matthias). So habe ich bei der Lektüre auch ein wenig im „Wandsbecker Bote[n]“ gelesen, den ich bisher nur dem Titel nach kannte. Solches Stöbern anzuregen ist nicht die geringste Leistung des Buches. Ein Text, der in einem Buch über die Freundschaft Freund Hains mit Claudius nicht fehlen darf, fehlt allerdings: „Von der Freundschaft“. Was Claudius selber von der Freundschaft sagt, müsste in einer Geschichte seiner Freundschaft reflektiert werden. Und wieso (nach Meinung der Protagonisten und vermutlich auch des Autors Kraus) die beiden Gedichte „Der Tod“ und „Die Liebe“ in Wahrheit ein einziges seien, verstehe ich nicht.

Damit kommen wir zum schwierigen Teil: Wie kann der Tod mit jemandem Freund sein, wie kann er davon erzählen? Die literarische Fiktion ist die, dass der Tod (hier Freund Hain, sonst oft Freund Hein) anscheinend dem Autor Kraus die Geschichte erzählt hat, womit auch ein nicht umschriebenes „Heute“ des Erzählens konstituiert ist. Wir kennen zwar seit langem den Tod als Gesprächspartner oder –gegner des Ackermanns aus Böhmen (http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-ackermann-aus-b-4255/1; vgl. http://radiergummi.wordpress.com/2010/07/27/johannes-von-tepl-ackermann/ und http://www.writework.com/essay/anthropologische-konzepte-ackermann-aus-bohmen), aus Märchen auch als Taufpaten. Bei Kraus ist die Pointe jedoch eine andere: Der Tod entwickelt selber menschliche Gefühle.

Ehe wir diese Entwicklung verfolgen, möchte ich die Grundlage dieser Idee im Werk des Matthias Claudius skizzieren. Der Tod ist in vielen, auch bedeutenden seiner Gedichte präsent („Der Tod und das Mädchen“ u.a.). Vor allem ist jedoch bemerkenswert, dass der „Asmus“ (1775), Claudius’ Sammlung seiner Beiträge in der Zeitung, ihm gewidmet ist. Das muss man unbedingt lesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-wandsbecker-bote-5206/3 Da findet man zwar das Grauen vor dem Tod, aber auch eine Nähe zu ihm, der einmal kommen wird, „meinen Schmachtriemen aufzulösen, und mich auf bess’re Zeiten sicher an Ort und Stelle zur Ruhe hinzulegen“. Ihm ist das Buch gewidmet, „und Er soll als Schutzheiliger und Hausgott vorn an der Haustüre des Buchs stehen“. Das ist schon ungewöhnlich – belässt aber die Bezeichnung „Freund Hain“ doch im Bereich des Euphemismus, denke ich (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Freund_Hein). Es ist also ein gewagtes Unterfangen, daraus eine „reale“ Freundschaft herauszuspinnen.

Ich zähle kurz einige Aspekte der „Person“ Tod und seiner Freundschaft mit Claudius auf:

  • Er erscheint dem Sterbenden in beliebiger Gestalt.
  • Er geht da hin, „wohin die Kraft mich ruft“; in jedem Menschen ist nämlich eine Kraft, die den Tod leitet, und wenn sie ihren Höhepunkt erreicht, dann schneidet er (eine fragwürdige Konstruktion, die den Tod, aber auch die Leichtsinnigen und  die Mörder entlastet, allerdings an die Perspektive des Todes gebunden ist).
  • Er trifft Entscheidungen nach Gefühl (?).
  • Er weiß nichts vom Jenseits usw.
  • Gleich nach seiner Geburt lächelt Matthias ihn an.
  • Beim Tod des Bruders Josias stellt er sich Matthias vor („Freund Hain“); er darf wiederkommen – der Beginn der Freundschaft.
  • Er spielt mit Matthias eine Partie Schach auf Leben und Tod, als Matthias lebensmüde ist (die berühmte Partie Hamppe-Meitner, die remis endet; die normale Notation wäre mir lieber als eine verbale Umschreibung der Züge).
  • Er stiehlt Bücher Verstorbener für Matthias, später auch Lebensmittel und Geld.
  • Er fördert die Verbindung Rebekkas mit Matthias, nennt sich Hans Schneider.
  • Er fühlt sich einsam; hat Skrupel, als das erste Kind der Eheleute Claudius stirbt.
  • Er regt auch Gedichte an.
  • Es gibt einen Bruch in der Freundschaft (weil der Tod nicht an Gott glaubt); er bricht zusammen und weiß dann, wie es ist, einen Menschen zu verlieren.
  • Er liest die Bibel und kommentiert sie sehr kritisch.
  • Die Freundschaft wird erneuert; er weiß, wie sich Glück anfühlt.
  • Er hat Angst vor dem Schnitt bei Matthias.
  • In der letzten Begegnung mit Rebekka weiß er, dass sie ihn (wie er sie) liebt.

Es gibt im Buch eine Reihe Disputationen und Spekulationen über das Verhältnis von Gott und Tod; die zu verfolgen wäre hier zu kompliziert. Als Deutschlehrer habe ich auch ein paar sprachliche Schnitzer bemerkt; die lassen wir jetzt einmal beiseite. Fragen wir ganz einfach: Ist die Geschichte der Freundschaft erzählerisch gelungen?

In der Hinsicht ist sie gelungen, dass man sich eine menschliche Entwicklung des Todes vorstellen und seine Zuneigung zur Frau Rebekka nachvollziehen kann – sie muss eine ungewöhnliche Frau gewesen sein. Sie ist insofern nicht gelungen, als die Freundschaft trotz aller Anschaulichkeit für mich unglaubwürdig bleibt – und das bleibt sie, weil die sentimentale Bildung des Todes sich am Schluss in nichts auflöst, weil es keine Fortführung seiner Geschichte über Rebekkas Tod hinaus gibt: Das erzählerische „Heute“ ist mit dem Ende der Eheleute Claudius nicht vermittelt; „heute“ müsste sich zeigen, was durch diese Freundschaft aus dem Tod geworden ist – falls das nicht möglich ist, ist die Überdehnung des Euphemismus „Freund Hain“ in eine „reale“ Freundschaft keine erzählerisch überzeugende Idee.

Mit anderen Claudius-Biografien, die in diesem Jahr erschienen sind und vielleicht noch erscheinen werden, stimmt das Buch auf das Jahr 2015 ein, in dem sich der Todestag des Dichters zum 200. Mal jährt. Solche Biografien machen die trockenen Lexikonartikel lebendiger, anschaulicher. Ihre letzte Bestimmung sollte aber sein, uns zum Werk des Dichters zu führen – auch wenn da manches (wie das Gedicht „Ein Seliger an die Seinen in der Welt“) auf den Müllhaufen der Literaturgeschichte, das meiste vermutlich in die Tonne gehört, wo man Themen für germanistische Doktorarbeiten findet. Es gilt, in den acht Asmus-Bänden die auch heute noch glänzenden Perlen zu entdecken.

P.S. Hans-Peter Kraus hat zu meiner Besprechung u.a. Folgendes geschrieben:

„Freund Hain als Person: Die Widmung kann man noch als Euphemismus für den Tod verstehen, obwohl M.C. ihn direkt anspricht, aber in dem Gedicht ‚Nach der Krankheit 1777’ ist Freund Hain bereits eine Person, die selbst spricht.“

Dazu muss ich gestehen, dass „Euphemismus“ nicht der treffende Begriff ist. Richtig wäre vielleicht: „euphemistischer Anthropomorphismus“ (oder „e. Personifikation“), der als solcher bzw. als metaphorischer bewusst ist. Den sprechenden Tod gab es ja bereits beim Ackermann aus Böhmen; neu ist bei Kraus, dass der Tod sich im Lauf der Begegnung mit Claudius verändert. Das führt dann zu meiner Kritik, dass diese Veränderung nicht mit dem Heute vermittelt ist, also wieder hinfällig und damit nicht „real“ (bzw. als real Erzähltes „glaubwürdig“) ist. Ein bloß sprechender Tod bleibt ein unveränderter Tod, der im Sprechen nur bisher unbeachtete Aspekte des Todes offenbart. Genau genommen kann auch die Erzählung von einem sich ändernden Tod nur Aspekte des Todes aufzeigen, die bislang nicht beachtet wurden; aber die Veränderung muss bis in die Zeit des Erzählens erhalten bleiben, wenn es denn die neu gesehenen Seiten des Todes wirklich geben soll – andernfalls haben wir nur die Hirngespinste des Dichters Claudius oder einen Gag des Autors Kraus vor uns.

Wahrscheinlich liegt die Lösung der Frage, wieso Freund Hain ein „Freund“ des Matthias Claudius ist, jedoch an anderer Stelle: im christlichen Glauben, der aus der Dedikation spricht (s.o.), dass der Tod ihn nämlich auf bessere Zeiten sicher zur Ruhe legt – insofern ist der durchaus schmerzliche Tod sein Freund. Zur Verdeutlichung möchte ich auf eine Stelle aus dem 1. Kapitel des Philipperbriefs des Apostels Paulus zitieren: 20Darauf warte und hoffe ich, dass ich in keiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit – wie immer, so auch jetzt – durch meinen Leib verherrlicht wird, ob ich lebe oder sterbe. 21Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. 22Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbare Arbeit. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. 23Es zieht mich nach beiden Seiten: Ich sehne mich danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das! 24Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe. (Einheitsübersetzung) Für denjenigen, der sich nach ewigem Leben an einem himmlischen Ort sehnt, ist der eigene Tod schlimmstenfalls ein notwendiges Übel, bestenfalls der Freund, der den Durchlass zum ewigen Leben gewährt. Insofern ist dann eine Freundschaft zwischen Hain und Matthes, wie Kraus sie erzählt, „metaphysisch“ verfehlt; die christliche Perspektive des Paulus und des Matthias Claudius ist nämlich streng an ein „Jenseits“ gebunden, sie braucht für andere nicht nachvollziehbar zu sein und kann nicht als menschlich-freundschaftliche Verbundenheit mit Freund Hain begriffen werden (vgl. auch das Gedicht „Auf O – – o R – – s Grab“!). Freund Hain braucht vom Jenseits nichts zu wissen; aber ohne des Dichters Claudius Wissen (bzw. Glauben) könnte er für Claudius nicht Freund Hain sein.

[Außerhalb der Besprechung: Vgl. dazu die von mir analysierten Gedichte!]

Noch zwei alte Biografien:

Wilhelm Herbst: Matthias Claudius der Wandsbecker Bote, 2. Aufl. 1857 http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=hvd.hnxvxw;view=2up;seq=6

Wolfgang Stammler: Matthias Claudius der Wandsbecker Bothe, 1915 https://archive.org/stream/matthiasclaudius00stamuoft#page/n3/mode/2up

 

ASMUS omnia sua SECUM portans,

oder

Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen

https://archive.org/stream/asmusomniasuase02claugoog#page/n7/mode/2up I und II, 1775

https://archive.org/stream/asmusomniasuase06claugoog#page/n6/mode/2up III, 1777

https://archive.org/stream/asmusomniasuase04claugoog#page/n7/mode/2up IV, 1782

https://archive.org/stream/asmusomniasuase03claugoog#page/n7/mode/2up V, 1789

https://archive.org/stream/asmusomniasuase05claugoog#page/n7/mode/2up VI, 1797

https://archive.org/stream/asmusomniasuase01claugoog#page/n7/mode/2up VII, 1802

https://archive.org/stream/asmusomniasuase00claugoog#page/n8/mode/2up VIII, 1812

 

bzw. (sorgfältiger digitalisiert)

http://catalog.hathitrust.org/Record/008672016, nämlich:

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433074956388;view=2up;seq=6 (I und II)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433074956396;view=2up;seq=6 (III)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433074956404;view=2up;seq=6 (IV)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433074956412;view=2up;seq=6 (V)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433074956420;view=2up;seq=6 (VI)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433074956438;view=2up;seq=6 (VII)

http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433074956446;view=2up;seq=6 (VIII)

 

bzw. die 12. Auflage, 1882 besorgt von Dr. C. Redlich (mit Angabe, wann der betreffende Titel im „Wandsbecker Boten“ erschienen ist):

https://archive.org/stream/matthiasclaudius01clau#page/n7/mode/2up 1. Band (I-V)

https://archive.org/stream/matthiasclaudiu02clau#page/n7/mode/2up 2. Band (VI ff.)

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