Stadler: Judenviertel in London – Analyse

Judenviertel in London (1913)

 

Dicht an den Glanz der Plätze fressen sich und wühlen

Die Winkelgassen, wüst in sich verbissen,

Wie Narben klaffend in das nackte Fleisch

der Häuser eingerissen

Und angefüllt mit Kehricht,

den die schmutzigen Gossen überspülen.

 
Die vollgestopften Läden drängen sich ins Freie.

Auf langen Tischen staut sich Plunder wirr zusammen:

Kattun und Kleider,

Fische, Früchte, Fleisch, in ekler Reihe

Verstapelt und bespritzt

mit gelben Naphtaflammen.

 
Gestank von faulem Fleisch und Fischen klebt an Wänden.

Süßlicher Brodem tränkt die Luft, die leise nachtet.

Ein altes Weib

scharrt Abfall ein mit gierigen Händen,

Ein blinder Bettler

plärrt ein Lied, das keiner achtet.

 
Man sitzt vor Türen, drückt sich um die Karren.

Zerlumpte Kinder kreischen über dürftigem Spiele.

Ein Grammophon quäkt auf,

zerbrochne Weiberstimmen knarren,

Und fern erdröhnt die Stadt

im Donner der Automobile.

 

In Stadlers Gedicht wird das Judenviertel in London beschrieben, wie es vor 1914 zu erleben war: das Ghetto. „London“ weist das Gedicht der Großstadtlyrik zu, „Ghetto“ ist das Sujet – wobei wir heute Ghetto anders lesen als vor hundert Jahren, auch wenn in Stadlers Gedicht das Wort explizit nicht vorkommt.

Ghetto: ein besonderes Stadtviertel, das Juden als Lebensraum zugewiesen war; im Dritten Reich war es nicht Lebensraum, sondern Todeszone. Zur Zeit Stadlers war es noch ein wenn auch ärmlicher und erbärmlicher Lebensraum, der von der glänzenden Großstadt London abgegrenzt, also auch damals ausgegrenzt war. Es lag zwar nahe beim „Glanz der Paläste“ (V. 1), aber doch fern dem Leben der pulsierenden Metropole, dem „Donner der Automobile“ (V. 23 f.).

Das Ghetto in London ist so etwas wie ein Tier (V. 1-4): Winkelgassen sind so anders als die großen Plätze (Kontrast, V. 1 f.); sie fressen sich hinein, wühlen, sind in sich verbissen – „wie Narben in das nackte Fleisch der Häuser eingerissen“ (V. 3 f.). Im Lebenskampf gibt es kein Erbarmen, nur der Wille zum Überleben zählt. Statt Glanz (V. 1) also Kehricht (V. 5), jede Menge (angefüllt, V. 5; überspülen, schmutzig, V. 6).

Wenn man die erste Strophe laut gesprochen hat, merkt man den drängenden Rhythmus des Sprechers, der ganz dem hingegeben ist, was er wahrnimmt und kein Wort von sich selbst sagt: Es ist eine Art Jambus mit unterschiedlicher Anzahl der Versfüße (6, 5, 5, 3, 3, 5, der letzte bei „schmutzigen“ gestört), nur in V. 3 eine männliche Kadenz, zwei Enjambements (V 1, 3). Besonders originell ist der Reim, man muss in jeder Strophe zweimal zwei Verse zusammenfassen, um das Reimschema zu entdecken. In der 1. Strophe haben wir einen umfassenden Reim: V. 1 – V. (5 und 6); V. 2 – V. (3 und 4). In allen übrigen Strophen haben wir in der gleichen Zusammenfassung einen Kreuzreim: V. 1 – V. (3 und 4), V. 2 – V. (5 und 6). Die Semantik der Reime ist sinnvoll, trotz der Enjambements: Die Gassen wühlen – den Kehricht überspülen; die Gassen sind verbissen – ins Fleisch der Häuser eingerissen. – Was hier an der 1. Strophe gezeigt wurde, kann jeder für die folgenden Strophen selber durchexerzieren.

In der 2. Strophe wird die Fülle dessen beschrieben, was sich im Ghetto stapelt und nach außen „ins Freie“ (V. 7) drängt, als Plunder wirr gestapelt: Es folgen die Aufzählungen mit K- und F-Alliteration (V. 8 f.), Klamotten und Esswaren, „wirr zusammen“ (V. 8), „in ekler Reihe verstapelt“ (V. 10 f. – Neologismus verstapelt, nicht gestapelt!). Was „mit gelben Naphtaflammen“ bespritzt ist, ist nicht recht klar: ob es sich um den Widerschein realer Flammen eines Erdöls in Öfen handelt oder bloß um Aufdrucke auf den Kleidern? Grammatisch wird man für die erste Möglichkeit plädieren, dass also Fische, Früchte, Fleisch im Schein irgendwelcher Flammen leuchten. Eine Überfülle von Waren und Plunder wird zum Kauf angeboten – von irgendetwas müssen die Juden schließlich leben.

In den beiden letzten Strophen werden Eindrücke von den Leuten im Ghetto dargestellt – zunächst wird jedoch noch (und im Reim mit den Menschen verbunden) beschrieben, wie schlimm der ganze Krimskram des Ghettos riecht (Gestank, süßlicher Brodem, V. 13 f.), wie penetrant dieser Gestank ist (klebt an Wänden, tränkt die Luft, 13 f.). Reime: Gestank an Wänden – ein Weib mit gierigen Händen; Luft, die leise nachtet – Lied, das keiner achtet (3. Strophe). Hier sind die Leute Einzelne, ein altes Weib und ein blinder Bettler: Prototypen des Elends. In der 4. Strophe werden die Menschen in ihrer Fülle wahrgenommen (gehört): „man“ (V. 19), zerlumpte Kinder (V. 20), Weiber (V. 22). Was man hört, ist „kreischen“ und „quäken“ und „knarren“ (negativ, unangenehm); die Menschen werden als verstörte oder zerstörte erwähnt (Vorsilbe „zer-“: zerlumpt, zerbrochen, V. 20 und 22), bereits die Spiele der Kinder sind nur dürftig (V. 20). Diese Welt wird in den Kontrast zur großen Metropole gesetzt: „fern erdröhnt die Stadt / im Donner der Automobile“ (V. 23 f.): Karren vs. Atomobile, Winkelgassen vs. Stadt, kreischen vs. donnern.

Zweimal wird die große Stadt erwähnt (V. 1, V. 23 f. – ein Rahmen), gegen die sich das ärmliche Judenviertel abhebt. – Ein Großstadtgedicht, was nicht von der Befindlichkeit des normalen Städters (Tucholsky, Lichtenstein u.a.), sondern von der Armseligkeit der Juden in ihrem Ghetto handelt. Ich empfehle, es in die Lektüreliste „Großstadtlyrik“ aufzunehmen.

Aus dem gleichen Gedichtband „Der Aufbruch“ (1913) stammt das Gedicht „Form ist Wollust“, in dem Ernst Stadler sein damaliges Programm – paradoxerweise in schöner Form – formuliert hat:

„[…] Form will mich verschnüren und verengen,

Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen –

Form ist klare Härte ohn’ Erbarmen,

Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen,

Und in grenzenlosem Michverschenken

Will mich Leben mit Erfüllung tränken.“

Das Gedicht „Judenviertel in London“ handelt vom Leben der Dumpfen und Armen in London.

Ernst Stadler, Professor der Literaturwissenschaft, geboren 1883 im Elsass, ist am 30. Oktober 1914 bei Ypern als Soldat gefallen. Mit Betroffenheit gedenken wir eines Dichters, eines Menschen, der genau vor 100 Jahren wie Millionen andere in einem sinnlosen Krieg sein Leben verloren hat.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Biographie (E. Stadler)

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Stadler (E. Stadler)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Stadler,+Ernst/Gedichte (Stadler: Gedichte)

http://www.univie.ac.at/iggerm/files/mitschriften/ws12/Literatur_und_Erster_Weltkrieg-WS12-Neubauer.pdf, dort ab S. 8: Krieg und Literatur

Ghetto:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto (allgemein)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_(Venedig) (Venedig)

https://de.wikipedia.org/wiki/Slum (Slum)

Aus dem Ghetto. Geschichten von Leopold Kompert, 1850 (2. Aufl.); auch Isaak Babels „Geschichten aus Odessa“ verdienen Beachtung.

Leopold Kompert: Neue Geschichten aus dem Ghetto

http://www.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/03/daily_life.asp (Drittes Reich)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Minsk

https://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Ghetto

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust/warschau/

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust/lodz/

http://www.ghetto-theresienstadt.info/terezinghetto.htm

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